Betriebskultur: Wie Areggers Konflikte auf dem Hof ohne Zeitdruck angehen

Auf dem Betrieb von Familie Aregger reden Vater und Sohn miteinander. Ihr Erfolgsrezept: einander zuhören, Konflikte aushalten – und ein Thema auch mal ruhen lassen, wenn es noch nicht spruchreif ist.

Armin Aregger und sein Vater Toni reden zusammen. Das tönt einfach, reden wir doch alle miteinander und tauschen uns aus. Doch wie reden, wenn es nicht nur um banale Alltagsthemen geht, sondern weiter greift zu Zukunftsthemen, die manchmal gar nicht einfach anzusprechen sind? Das Rezept der Beiden scheint sehr einfach: «Wir sprechen an, was uns bewegt», erklärt Armin Aregger lächelnd, «und wenn wir merken, dass wir nicht weiterkommen, lassen wir das Thema für den Moment ruhen».

Die beiden wissen, dass sie einander brauchen, und vor allem der Hof alle zusammen braucht. Diese einfache Erkenntnis ist im Alltag nicht einfach umzusetzen, das kennen alle, die auf ihrem Betrieb mit verschiedenen Generationen und Bedürfnissen konfrontiert sind.

«Klar war immer, dass keiner wichtiger ist als der andere»

«Ich möchte meinen Vater mitnehmen in meinen Überlegungen. Er soll meine Gedanken nachvollziehen können», führt Armin Aregger aus. Denn Veränderungen können nicht nur Hoffnung auf Verbesserung auslösen, sondern auch Ängste. Die Risiken müssen daher gut abgewogen werden.

Für Toni Aregger, den über achtzigjährigen Vater von Armin, sind Veränderungen grundsätzlich mit Chancen verbunden. Er hat den Betrieb lange gemeinsam mit seinem Bruder geführt. Auch da war die Kommunikation untereinander wichtig.

Diskutieren, bis es für alle stimmt

«Als wir den Betrieb übernommen haben, war klar, dass er zu wenig hergibt, um uns alle zu ernähren.» Deshalb haben sie den Betrieb kontinuierlich weiterentwickelt und dabei auch viel gewagt. So entschieden sich die Brüder damals dazu, mit einer Niederstamm-Obstanlage Kirschen und Zwetschgen zu produzieren.

Die entsprechenden Bäume waren zu der Zeit in der Schweiz noch nicht verfügbar. Deshalb holten sie die Niederstammobstbäume in Deutschland. Auch für den Bau eines neuen Schweinestalls diskutierten sie so lange, bis das Projekt für beide stimmte.

Toni Aregger bringt einen anderen Blickwinkel ein. (Bild: Isabel Althaus)

Sie erreichten, dass der Betrieb mit verschiedenen Betriebszweigen breiter abgestützt ist, damit das Risiko besser verteilt ist und ihnen ein sicheres Einkommen bietet. «Es wurde uns nicht in die Wiege gelegt, zusammen zu reden, das mussten wir uns erarbeiten und zusammen herausfinden. Klar war immer, dass es um den Betrieb geht und keiner von uns wichtiger ist als der andere», erzählt Toni Aregger. Genau diese Herangehensweise hat sie in eine erfolgreiche Betriebsstrategie geführt, die nun auch in der nächsten Generation zählt.

Raum lassen, bis ein Projekt spruchreif ist

«Manchmal finde ich seine Vorschläge nicht auf Anhieb gut», sagt Toni Aregger. «Ich erkläre dann meine Bedenken.» Sie diskutieren ihre Hoffnungen und Bedürfnisse gleichberechtigt. Dabei kann es auch mal laut werden, was aber nicht heisst, dass der Respekt verloren gehen darf. «Wenn wir nicht weiterkommen, lassen wir es halt ruhen, bis wir weiter diskutieren können», führt Armin Aregger aus. «Das kann übermorgen sein, oder auch erst in einem Monat.»

Wenn alle am selben Strick ziehen, kommt der Betrieb weiter. Dass heisst aber nicht, dass keien Konflikte auftreten. (Bild: Brunhof.ch)

Einander Zeit lassen und ein wichtiges Thema ruhen lassen – das sind ihre Rezepte, um zusammen weiterzukommen. Bei grösseren Veränderungen, wie beispielsweise der Aufgabe der Milchproduktion oder baulichen Veränderungen, treffen sie sich ausserhalb des Alltags zu einem Gespräch, an dem auch die beiden Frauen, die Mutter Armins sowie seine Ehefrau, dabei sind.

Auch da besteht nicht der Anspruch, an einem Abend eine fixfertige Lösung zu finden. Vielmehr geht es darum, die bestmögliche Lösung zu finden, bei der alle Beteiligten ihre Bedürfnisse und Bedenken einbringen können. Durch die verschiedenen Blickwinkel gelingt dies auch, wie der Erfolg Areggers beweist.

Diese Toleranz zueinander erfordert das Bewusstsein, dass der andere nicht das Projekt torpediert, sondern berechtigte Bedenken hat. So können die beiden auch nach einer heftigen Diskussion wieder in den Alltag zurückfinden, wo die anstehenden Arbeiten in konstruktiver Weise angegangen werden.

«Wir ziehen alle am selben Strick»

«Mein Vater hat manchmal eine überraschend andere Sichtweise, die aber wichtige Aspekte berücksichtigt», sagt Armin Aregger. «So können wir ein Projekt ganz anders aufgleisen.» Gerade bei grösseren Vorhaben ist es umso wichtiger, keinen Zeitdruck entstehen zu lassen. Die Diskussionen müssen zu Ende geführt sein, die Emotionen sollen sich gelegt haben, sonst ist das Projekt noch nicht spruchreif.

Armin Aregger findet es wichtig, den Fünfer grad stehen zu lassen. (Bild: Isabel Althaus)

Den beiden ist wichtig, dass während der Arbeit nicht geflucht wird. So ist das Grundrauschen auf dem Hof schon sehr friedlich. Auch der Lehrling weiss, welche Umgangsformen auf dem Hof gelten. Einen wesentlichen Teil zum friedlichen Miteinander macht sicher aus, dass «man das Füfi auch mal grad stehen lassen kann», wie Armin Aregger erklärt. «Eigentlich spielt es ja weniger eine Rolle, wie eine Arbeit gemacht wird, sondern wie das Endergebnis aussieht.»

«Wir brauchen einander, wir schauen zueinander; denn es geht nicht ohne einander, wir ziehen alle am selben Strick», so fassen Areggers ihre Betriebsphilosophie zusammen.

Nachgefragt bei Dietrich Bögli, Berater und Coach, Inforama Zollikofen

Wie gelingt eine gute Kommunikation?

  • Zuhören, ohne sofort zu antworten, und Nachfragen, statt zu unterstellen.
  • Ich-Botschaften statt Anschuldigungen: Wenn beide aus ihrer Perspektive ihre Gefühle und Bedürfnisse formulieren, kann gegenseitiges Verständnis und eine Verbindung entstehen.
  • Pausen sind wichtig: Das heisst nicht nur, einander ausreden zu lassen, sondern auch, Pausen zu machen. Das ist schwierig, aber enorm wertvoll. In diesen Pausen haben beide Seiten Zeit, das Gesagte sacken zu lassen. Das Gespräch wird dadurch automatisch achtsamer und bewusster.
  • Respekt hat viel mit Selbstreflexion zu tun: Ich kann meine Sichtweise ernst nehmen, ohne sie für die einzige Wahrheit zu halten. Und ich kann die Sichtweise des anderen verstehen, ohne sie übernehmen zu müssen.
  • Wir neigen dazu, unsere Gefühle zu unterdrücken, was zu passiver Aggression bis zu Wutanfällen führen kann. Besser ist es, sich seiner Gefühle bewusster zu werden und ihnen mit Achtsamkeit zu begegnen. Gefühle sind nicht per se schlecht. Auch Angst, Wut und Trauer haben ihre Daseinsberechtigung.
  • Externe Hilfe in Anspruch zu nehmen ist kein Zeichen von Schwäche – im Gegenteil.

Weiterlesen

  • Mit dem Sonnenstand verändert sich der Schattenwurf, der den Tieren als Hitzeschutz zur Verfügung steht.

    40 m² Schatten für 17 Rinder reichen nicht – Fall landet vor Bundesgericht

    Das Verwaltungsgericht rechnet Bäume als Witterungsschutz an, doch umstritten bleibt, ob dieser bei jedem Sonnenstand der ganzen Herde gleichzeitig genügen muss.
    Show more
  • Weil Landwirtschaft eigene Lösungen braucht

  • Limousin, Charolais und mehr Landmaschinen am Sommet 2026

    ABO