Bilanz statt Blindflug: Vier Schritte gegen die Futterlücke
Seit Wochen ist das Graswachstum im Thurgau praktisch stillgestanden. Viele Betriebe haben seit Mitte Sommer bereits das Futter verfüttert, das eigentlich für den Winter eingelagert gewesen wäre. Das ist laut Simon Koster, Berater am BBZ Arenenberg, der eigentlich kritische Punkt: Es fehlt nicht nur der aktuelle Aufwuchs, gleichzeitig baut sich auch der Wintervorrat ab.
Dringlichkeit hat zugenommen
Inzwischen hat es verbreitet ergiebig geregnet. Das ändere an der grundsätzlichen Diagnose nichts, sagt Simon Koster: Die Futterlücke ist entstanden und lässt sich im Herbst nur teilweise aufholen, weil die Zuwachsraten jetzt deutlich tiefer sind als im Sommer. Was sich mit dem Regen geändert hat, ist die Dringlichkeit. Die Bodenfeuchte ist da, das Zeitfenster für Zwischenfutter und Übersaat ist offen – aber nur noch kurz.

Zudem sei die Lage stark standortabhängig, so Koster. Auf leichten, flachgründigen Böden wie am Seerücken seien die Bestände teilweise vollständig verdorrt, auf schweren Böden und in Senken sehe es deutlich besser aus. Pauschale Aussagen über «den Kanton» führten deshalb in die Irre. Entscheidend für den Winter sei, wie viel Aufwuchs im September und Oktober noch zusammenkomme – das hänge vollständig vom Niederschlag der nächsten Wochen ab.
Vier Schritte, die Simon Koster den Betrieben jetzt empfiehlt
- Futterbilanz rechnen, bevor man handelt: Der Bedarf der Herde bis zum Frühjahr müsse dem effektiven Vorrat gegenübergestellt werden. Erst diese Zahl zeige, ob es um eine Lücke von zwei Wochen oder von drei Monaten gehe – und davon hänge ab, welche Massnahme überhaupt sinnvoll sei. Wer ohne Bilanz zukaufe oder Tiere abstosse, entscheide im Blindflug, so Simon Koster.
- Das Zeitfenster für Zwischenfutter jetzt nutzen: Mit dem Regen sei die Voraussetzung für die Saat erfüllt. Ackerbaubetriebe, die nach Getreide ohnehin eine Gründüngung planen, könnten stattdessen Zwischenfutter ansäen und dieses einem Tierhaltungsbetrieb überlassen – Saatgutkosten, Aussaat und Entschädigung liessen sich unter Nachbarn frei regeln. Das Fenster sei offen, schliesse sich aber rasch; jede Woche später koste Ertrag.
- Zukauf frühzeitig sichern statt zuwarten: Über die Plattform raufutterboerse.ch lassen sich Heu, Silage und Mais anbieten und suchen. Wer warte, bis die Lücke akut sei, kaufe im teuersten Moment, warnt Koster. Wichtig sei zudem, dass möglichst viele Betriebe ihre verfügbaren Mengen erfassen – die Börse lebe vom Angebot, nicht nur von der Nachfrage.
- Bei den Wiesen die Erholung abwarten: Braun heisse nicht tot, so Koster. Tiefwurzelnde Horstgräser regenerierten nach dem Regen erstaunlich gut. Er rät weiterhin davon ab, jetzt vorschnell umzubrechen oder neu anzusäen. Zuerst solle man beobachten, wie sich der Bestand nach dem Regen erhole, und danach den Lückenanteil beurteilen. Wo tatsächlich Lücken blieben, sei eine Übersaat nach dem ersten Schnitt in der Regel günstiger und schneller als eine Neuansaat. Ebenso wichtig: vertrocknete Bestände nicht zu intensiv befahren und den Weidedruck wegnehmen, sonst schädige man die Narbe zusätzlich.

