«Kann ich das überleben?» – diese Frage stellen betroffene Elternteile der Psychotherapeutin Annina Mäder. «Nicht selten geht es in den ersten Tagen und Wochen darum, irgendwie weiterzuleben», sagt die 43‑Jährige. Die selbstständige Therapeutin hat sich auf Familienfragen spezialisiert und begleitet Eltern nach dem Kindsverlust und unterstützt sie angesichts von Ohnmacht, Verzweiflung, Leere und abgrundtiefem Schmerz.
Für Aussenstehende nicht nachvollziehbar
«Der Verlust des eigenen Kindes ist mit Nichts anderem zu vergleichen», sagt Anne Siegenthaler. Als Aussenstehende oder Aussenstehender könne man diese Gefühle in keiner Weise nachvollziehen. Die 43-Jährige ist Hebamme und arbeitet bei der Fachstelle Kindsverlust. Sie begleitet Mütter und Familien durch die Schwangerschaft bis zur Geburt und im schlimmsten Fall auch beim Kindsverlust. Dass Eltern ihre Kinder überleben, passe nicht in den Plan des Lebens, sagt sie. Was also in jedem Fall gilt: Trauer wird nicht gewertet.
Was hilft in der Akutphase?
- Hinstehen, nicht wegbleiben.
- Konkret fragen, statt zu sagen: «Melde dich, wenn du etwas brauchst.»
- Praktische Hilfe: einkaufen gehen, kochen, Kinder hüten.
- Eigene Ohnmacht zugeben: «Ich kann mir das nicht vorstellen.»
- Nicht nur in der akuten Phase da sein – Trauer kann ein Leben lang dauern.
Unvoreingenommen sein
«Angehörige dürfen keine Erwartungen haben, was die Eltern jetzt fühlen oder fühlen sollen», sagt Hebamme Anne Siegenthaler. Hingegen sei es viel wertvoller, wenn Angehörige ihre eigene Überforderung kommunizieren. Psychologin Annine Mäder unterstreicht das und betont: «Aber was niemandem hilft, ist, sich hinter Floskeln oder Ratschlägen zu verstecken.» Aussagen wie «Das wird schon wieder gut», «Es war noch so klein» oder «Ihr könnt doch wieder schwanger werden» würden mehr Schaden anrichten als helfen.
Auch wenn diese Ratschläge gut gemeint seien, warnt auch Anne Siegenthaler davor: «Viele Betroffene verletzt das und sie fühlen sich unverstanden.»
Mit im Sumpf sitzen
Was wirklich helfen kann? «Raum und Zeit für die Trauer geben», sagt Annina Mäder. Mit in den Sumpf der Trauer zu sitzen, da zu sein und klar zu zeigen: Ich bin da. «Gefühle aushalten», unterstreicht sie. Und nicht gleich zurückzuschrecken, sondern der Trauer Raum zu geben.
Auch wenn die Hürde gross sei, sollen Angehörige in jedem Fall nachfragen, wie es der Mutter und dem Vater geht. Nicht nachzufragen oder den Verlust aus Überforderung gar zu ignorieren, sei der grösste Fehler im Umgang mit Betroffenen.
«Eine Klientin berichtete mir, dass Bekannte bei ihrem Anblick die Strasse gewechselt hätten, weil sie nicht wüssten, wie sie damit umgehen sollen», berichtet die Psychologin. Die Hebamme Anne Siegenthaler fügt an: «Mit ehrlicher Anteilnahme und respektvollem Umgang macht man nichts falsch.»
Konkret statt abstrakt
«Melde dich, wenn du etwas brauchst» – ein solches Angebot sei zwar gut gemeint, überfordere die Betroffenen aber oft, sagt Anne Siegenthaler. Verzweifelte Menschen würden sich nicht melden. Konkrete Fragen oder Vorschläge seien viel hilfreicher. Schon die Frage «Was brauchst du?» sei besser. «Am besten macht man aber konkrete Vorschläge, wie: Ich bin gerade einkaufen, kann ich dir etwas bringen? Oder: Ich bin gerade in der Nähe. Gehen wir spazieren?», sagt die Hebamme.
Das Kind beim Namen nennen
Auch wenn das Kind nicht mehr da ist, wurde das betroffene Paar zu Eltern. Anne Siegenthaler empfiehlt, nicht nur die Eltern als solche zu bezeichnen, sondern auch das Kind beim Namen zu nennen. «Dem Paar Raum zur Erinnerung geben», sagt sie. Es könne auch hilfreich sein, dem Paar Unterstützung bei einer allfälligen Bestattung anzubieten oder Kindersachen wegzuräumen.
Mit dem Tod des Kindes folgen neben der emotionalen Belastung oft auch administrative Hürden. Je nachdem, wann und wie das Kind starb, sehen diese anders aus. Angehörige können das Paar auch in diesem Punkt unterstützen. Die Fachstelle Kindsverlust.ch berät in diesen schwierigen Fragen.
Wellen der Trauer
Trauer kommt in Wellen, die ein betroffenes Paar immer wieder durchschütteln. «Trauer ist nicht linear. Auch in Krisenzeiten gibt es immer wieder Momente, die leichter sind», sagt Anne Siegenthaler. Lachen schliesse Tränen nicht aus. Siegenthaler betont, dass Angehörige in keinem Fall werten dürften, wann und wie lange ein Paar trauere. Dieser Verlust könne auch Jahre später noch schmerzen. Deshalb sei es wichtig, sich auch Jahre später noch daran zu erinnern, Kraft am Todestag oder dem eigentlichen Geburtstermin zu spenden.
Bei vielen Paaren verschwindet zudem der Wunsch nach einem Kind nicht. «Der Wunsch nach einem weiteren Kind kommt oft schnell und ist sehr gross», erklärt Annina Mäder. Bei einer Folgeschwangerschaft seien die Gefühle der Eltern oft gemischt: Freude, Trauer und Angst stünden nebeneinander. Auch hier können Angehörige mit offenem Ohr zur Seite stehen.
Wie kommuniziere ich, dass ich schwanger bin?
Besonders herausfordernd ist es, wenn im selben Freundeskreis jemand schwanger wird. «Ich empfehle jedem, die Betroffene oder das Paar so schnell wie möglich zu informieren», sagt Annina Mäder. Und entgegen der eigenen Intuition sollen Angehörige das per Nachricht machen. Erhalten Mütter diese Neuigkeit per Whatsapp, lasse das mehr Raum für die eigenen Emotionen. «Betroffene können plötzlich Unfairness fühlen. Sich zu freuen, fällt schwer.» Danach sollen Angehörige respektieren, wenn direkter Kontakt nicht gleich möglich ist.
Wann muss ich mir Sorgen machen?
Kommt die Mutter oder der Vater mehrere Tage nicht mehr aus dem Bett, isst nichts mehr und äussert, dass der Lebenswille fehlt, sind das Alarmsignale. «In diesem Fall würde ich mich als Angehörige bei der Gynäkologin oder beim Hausarzt melden», sagt Annina Mäder.
Leider haben Psycholog(innen) und Therapeut(innen) nur begrenzt Kapazitäten. Und wie Mäder schildert, hat sich das in den letzten Jahren verschärft: «Wir sind untereinander gut vernetzt und versuchen immer, jemanden unterbringen zu können, was leider aktuell nicht mehr immer gelingt. Dies ist auch für uns belastend.»
Neben psychologischen Fachpersonen stehen aber auch spezialisierte Hebammen wie Anne Siegenthaler zur Verfügung. Sie begleiten auch schon zuvor in unsicheren Phasen der Schwangerschaft. «Zudem gibt es für Mütter, die ihr Kind verloren haben, spezielle Rückbildungskurse, die den Austausch mit anderen Betroffenen möglich machen», sagt Hebamme Anne Siegenthaler. Wer auf der Suche nach Fachpersonen ist, darf sich jederzeit beim Verein Kindsverlust melden.
Hier gibts Hilfe
Kindsverlust.ch wurde 2003 als spendenfinanzierter Nonprofit-Verein gegründet und steht Eltern, Angehörigen und Fachpersonen rund um das Thema «Früher Kindsverlust» als Kompetenzzentrum zur Verfügung.
Die Plattform bietet:
- Kostenlose Beratung für betroffene Familien und begleitende Fachpersonen
- Schulungen und Coachings für Fachpersonen
- Sensibilisierungsarbeit zum frühen Kindsverlust
fachstelle@kindsverlust.ch, www.kindsverlust.ch, Beratungstelefon: +41 (0)31 333 33 60

