Mit grossem Engagement, Weitsicht und hoher Fachkompetenz hat Hansruedi Häfliger das LZ Liebegg in den letzten zwölf Jahren als Schuldirektor geführt. Unermüdlich und erfolgreich habe er sich für die Bildung und Forschung und somit für die Landwirtschaft im Aargau eingesetzt, würdigte Regierungsrat Markus Dieth den abtretenden Schuldirektor in einer Medienmitteilung im Juni 2026.
Nun ist es so weit: Häfliger geht ab November in die Pension. Seine Stelle übernimmt per 1. November 2026 Melanie Chaves. Er bleibt aber bis Ende des Jahres in einem reduzierten Pensum an der Liebegg, um einen nahtlosen Übergang sicherzustellen. Im Interview blickt der Schuldirektor auf seine Tätigkeit zurück.
Mit welchen Gefühlen und Eindrücken übergeben Sie die Leitung?
Hansruedi Häfliger: Mit einem guten Gefühl. Das LZ Liebegg ist gut aufgestellt, auch mit dem neuen Projekt «FutureLiebegg». Die Planung dafür ist weit fortgeschritten, mit dem Baustart darf 2027 gerechnet werden. Unser Zentrum ist gut ausgelastet, wir pflegen eine gute Zusammenarbeit mit der Nordwestschweiz und der Zentralschweiz.
Meine Nachfolgerin wird ein optimales Umfeld antreffen, auch mit motivierten Leuten hier im Haus. Klar spüre ich ein beklemmendes Gefühl, loszulassen, zumal ich 41 Jahre für die Aargauer Landwirtschaft tätig war. Und für mich war schon immer klar: Ich wollte an die Liebegg.
Es gab sicher auch Hoch- und Tiefpunkte.
Als ich 2014 als Schuldirektor startete, war ich gleich mit einer Sparrunde konfrontiert. Und auf dem Areal gab es eine grosse Asylunterkunft, die uns forderte. Zudem wurden politische Grundsatzfragen zur Existenz der Liebegg gestellt, es gab damals nicht nur Verständnis für unsere Bildungsbedürfnisse. Wir haben uns bemüht, aus der damaligen Doppelunterstellung in zwei Departements herauszukommen, was dann auch gelang.
Und intern wurde eine klare Führungsstruktur und Neuorganisation aufgebaut. Beides zusammen war wie ein Befreiungsschlag, der unsere Position stärkte und das Verständnis für unsere Bedürfnisse verbesserte. Stets unterstützt hat uns auch Regierungsrat Markus Dieth. All das motivierte, das Projekt «FutureLiebegg» zu starten. Es gab bereits 2020 erste Überlegungen für einen Ausbau der Liebegg. Es befriedigt deshalb schon, dass aus einem Tiefpunkt zu Beginn nun ein Höhepunkt geworden ist. Die Liebegg wird so zu einem wichtigen Player in der Nordwestschweiz.
Ihr Herzensprojekt «FutureLiebegg», in das rund 70 Mio. Franken investiert werden sollen, ist also aufgegleist, bei der Realisierung sind Sie aber nicht mehr dabei.
Da habe ich mir schon auch Gedanken gemacht. Aber die strategische Planungsphase wird bis Ende des Jahres abgeschlossen sein, der Zeitpunkt ist also schon richtig. Es war nie mein Ziel, bis zur Schlüsselübergabe nach 2030 noch mit dabei zu sein. Aber klar bin ich gespannt, wie es weitergeht.
Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?
Unsere Führungspersonen sind alle gut geschult, und der Zugang zu Theorie ist im digitalen Zeitalter einfach. Aber wichtig scheint mir, möglichst nahe an der Praxis zu sein. Wir müssen im Umfeld von Landwirtschaft, Hauswirtschaft und Ernährung die Bedürfnisse der Praxis spüren. Nur so können wir uns als Wissensvermittler richtig positionieren.

Landwirtschaft als Lebenszentrum
Hansruedi Häfliger wuchs in vierter Generation auf dem Zelgenhof in Oberentfelden AG auf, lernte Landwirt, studierte Agronomie in Zollikofen. Nach dem Studium arbeitete er bei Landwirtschaft Aargau als Spezialist Bauten ausserhalb von Bauzonen. 1993 kam er an die Liebegg als Berufsschullehrer.
1998 wechselte er in den Bereich Tierhaltung, als Lehrer und Berater. 2007 bis 2009 absolvierte er berufsbegleitend ein Studium in Unternehmenskommunikation. Die Masterarbeit befasste sich mit der Neupositionierung der Liebegg. 2014 übernahm er die Leitung des LZ Liebegg. Häfliger ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Am 19. August 2026 wurde er 65‑jährig.
Was meinen Sie zu den Entwicklungen im Bildungswesen?
Es wurde erkannt, dass die Spanne der Vorkenntnisse bei den Lernenden immer mehr auseinandergeht. Diese Breite fordert, individuelles Lehren ist gefragt, wir werden vermehrt zum Lerncoach, müssen Lernanreize bieten. Die Anforderungen auch an die Lehrpersonen werden noch massiv steigen.
Dazu kommt der Einfluss von KI. Es wird wohl deswegen eine Verlagerung von schriftlichen zu mündlichen Prüfungen geben. Reine Wissensprüfungen sind Geschichte. Es macht doch beispielsweise nicht mehr Sinn, so viele Pflanzen zu kennen, wenn es dafür Apps gibt.
Aber wird die Doppelrolle von Lehrer und Berater bleiben?
Ich bin ein grosser Verfechter dieses Systems, war selbst Jahre als Lehrer und Berater unterwegs. Das gibt Praxisnähe und stärkt die Gesamtkompetenz. Ich spüre aber, dass es auch aufgrund der Spezialisierung schwieriger wird, junge Leute ab dem Studium für dieses System zu begeistern. Mir war deshalb das Angebot von Praktikumsstellen für die Lehrtätigkeit immer sehr wichtig.
Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit anderen Bildungszentren?
Ich nehme wahr, dass die früheren Mitbewerber zu Partnern wurden. Das ist eine sehr positive Entwicklung in den letzten Jahren. Es ergibt mehr Sinn, Synergien zu nutzen, statt Reibungsverluste zu riskieren. Ein Beispiel ist die Koordination der Ausbildung im Biolandbau.
Wie steht es um die Bereitschaft der Landwirte für Weiterbildung? Gerade für die unternehmerische Schulung scheint das Interesse ja nicht so hoch …
Die Erkenntnis haben wir auch, dass die Bauern in Scharen kommen, wenn es um schöne Kühe oder Landtechnik geht. Themen zur Unternehmensführung haben es seit je schwieriger. Dem versuchen wir mit neuen Formaten zu begegnen, wie Arbeitskreisen oder interdisziplinären Feldtagen, in die betriebswirtschaftliche Themen integriert werden.
Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, dass es immer mehr junge Unternehmer gibt. Dazu tragen auch Quereinsteiger oder die Zweitausbildung bei. Es bräuchte aber schon noch mehr Interessierte, die nach der EFZ-Ausbildung auch die Betriebsleiterschule besuchen. Wer im heutigen Umfeld einen Betrieb führen will, der braucht Unternehmerkompetenzen.
Die Aargauer Landwirtschaft ist sehr heterogen. Wie schafft es ein Bildungszentrum, all die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen?
Die Angebote der Liebegg sollen ein Abbild der Agrarstrukturen sein. Deshalb bieten wir ein sehr breites Spektrum an, das gilt auch für die Mitarbeitenden. Aber es gibt schon Ressourcengrenzen, zumal die Spezialisierung in der Landwirtschaft weiter zunimmt. Die absolute Spezialisten-Beratung wird schwieriger, da sehen wir uns eher als Beratungscoach, welcher hinweist, wo weiteres Wissen geholt werden kann.
So laufen bei uns aktuell rund 20 Projekte mit externer Beteiligung, so können wir gleichwohl sehr spezifisches Wissen vermitteln. Ein Beispiel sind die Open-Farming-Hackdays, da entstanden schon einige spannende Innovationen.
Wie beurteilen Sie das Verständnis der Bevölkerung für die Landwirtschaft und welche Rolle haben die Bildungszentren diesbezüglich?
In der Tat begreifen viele Leute die komplexen Zusammenhänge der Landwirtschaft immer weniger. Wir müssen Verständnis schaffen, dass die Landwirtschaft wie jede andere Tätigkeit einen Fussabdruck hinterlässt, und dass es eben Zielkonflikte gibt. Die Aargauer Politik erwartet von der Liebegg eine Drehscheibenfunktion.
Wir sollen auch weitere Anspruchsgruppen abholen und der Gesellschaft die Landwirtschaft näher bringen. Da gibt es ja die verschiedensten Formate wie «Aarau wird zum Bauernhof» oder Tage der Schulen an der Liebegg. Und mit FutureLiebegg wird auf Begegnungsräume gesetzt, die Leute erhalten beispielsweise Einblick in den neuen Milchviehstall.
Eine grosse Passion ist die Pferdezucht, Sie waren ja auch langjähriger Geschäftsführer der Pferdezuchtgenossenschaft Aargau. Welche Bedeutung hat die heute noch?
Die Pferdezucht ist in der Schweiz aus verschiedenen Gründen stark unter Druck, und auch rückläufig. Stichworte sind die Kaufkraft, die teure Aufzucht, der ökologische Fussabdruck der Pferdehaltung oder auch raumplanerische Hürden. Anderseits ist die Pensionspferdehaltung für viele Landwirtschaftsbetriebe ein wichtiges wirtschaftliches Standbein, fast jeder dritte Betrieb im Aargau hält noch Pferde.
Sind Sie künftig wieder mehr auf dem Familienbetrieb Zelgenhof in Oberentfelden tätig, wo ja auch Pferde gezüchtet werden?
Den Betrieb mit Schwerpunkt Mutterkuhhaltung, Ackerbau, Lohnarbeiten und Direktvermarktung führt mein Sohn mit seiner Familie. Meine Frau betreut die Pferde. Und ja, ich werde künftig sicher dort wieder vermehrt im Stall und auf dem Feld mithelfen.
Mein Motto nach der Pensionierung lautet aber «Entschleunigung ohne Langeweile». Ich bin noch Präsident eines Schulverbandes, bleibe in zwei Gemeinden auch Ackerbaustellenleiter und habe auch einige Anfragen als Stiftungs- und Verwaltungsrat. Ich werde mich sicher auch im Bereich Landwirtschaft weiter engagieren.
Zum Schluss: Welche Tipps geben Sie Landwirten für die Zukunft?
Bauern sollen das machen, was ihnen Freude bereitet. Aber auch den Mut für Veränderungen und eine unternehmerische Optik haben. Es gilt mein Lieblingszitat von Darwin: «Überlebensfähigkeit ist keine Frage der gegenwärtigen Stärke und Grösse, sondern eine Frage der Fähigkeit zum Wandel.»

Melanie Chaves übernimmt die Leitung
Melanie Chaves übernimmt am 1. November 2026 die Leitung des Landwirtschaftlichen Zentrums Liebegg in Gränichen. Sie verfügt über langjährige Führungs- und Managementerfahrung in der Land- und Ernährungswirtschaft. Sie ist seit mehr als 20 Jahren in verschiedenen Funktionen entlang der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette tätig. So unter anderem in der Forschung von Pflanzenschutzmitteln, im Obsthandel bei der Charles Füglister AG sowie in leitenden Funktionen im Category Management und der Beschaffung für Fleisch, Geflügel, Charcuterie und Fisch, sowie Früchte und Gemüse und Blumen bei der Migros.
Zuletzt leitete Melanie Chaves als Geschäftsführerin die Rathgeb BioLog AG, einen der grössten Biogemüseproduzenten der Schweiz. Als eidgenössisch diplomierte Ingenieurin FH in Hortikultur mit Vertiefung Pflanzenproduktion und einem EMBA in General Management verfüge sie über fundierte fachliche Kenntnisse mit einem breiten betriebswirtschaftlichen Verständnis, heisst es in der Medienmitteilung des Kantons. Melanie Chaves bringe eine beeindruckende Kombination aus starkem Praxisbezug, unternehmerischer Erfahrung und ausgeprägter Führungskompetenz mit, sagt Matthias Müller, Leiter von Landwirtschaft Aargau. Er sagt weiter, dass sie vernetzt denke, kommuniziere kontaktstark und setze Projekte mit Leidenschaft um. Melanie Chaves wohnt in Killwangen, ist verheiratet und Mutter eines Sohnes.

