Seit 20 Jahren folgen bei Agroscope in immer kürzeren Abständen – so scheint es – Hiobsbotschaften zur Reorganisation und zur Standortstrategie. Besonders einschneidend ist die Sparrunde, die Mitte Juni kommuniziert wurde. Diese führt zu einer Reduktion der Forschungsthemen und zum Verlust von 58 Vollzeitstellen. Unter anderem wird die Forschung für alternative Nischenkulturen (Standort Reckenholz, ZH) und Gewürz- und Medizinalpflanzen (Conthey, VS) aufgegeben.
Verlust von genetischen Ressourcen
Eigentlich ein Widerspruch zum Bekenntnis von Agroscope «die genetischen Ressourcen (Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen) der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft für künftige Generationen zu sichern». Marc Andrey, Leiter Kommunikation Agroscope, versucht nicht zu beschwichtigen.
Er sagt: «Alle Projekte und Themen, die wir ganz aufgeben, sind wichtig für die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft und werden eine spürbare Lücke hinterlassen.» Aufgrund des flächenmässig eher geringen Stellenwerts der Gewürz‑ und Medizinalpflanzen sowie der Nischenkulturen habe Agroscope entschieden, diese Aktivitäten im ordentlichen Bundesbudget aufzugeben.
Eine besondere Herausforderung stelle jedoch der langfristige Erhalt der Mutterlinien der zahlreichen Gewürz‑ und Medizinalpflanzensorten dar, die Agroscope über viele Jahre entwickelt hat. Diese genetischen Ressourcen seien ein wesentliches Fundament für die Schweizer Branche. Auch für die Weiterführung der Züchtung sowie für die Sicherung der pflanzengenetischen Vielfalt sei der Erhalt der Mutterlinien von zentraler Bedeutung. «Derzeit ist noch nicht geklärt, wer künftig die Verantwortung für die Pflege und Erhaltung dieser Mutterlinien übernehmen wird», so Andrey.
Wer übernimmt, wer springt ein?
Allenfalls liessen sich diese Forschungsthemen von anderen Institutionen, mit kompetitiven Forschungsgeldern oder projektbezogenen Beiträgen von Unternehmen weiterführen – Gespräche würden laufen. Mehr ist dazu von Agroscope nicht zu erfahren. «Falls nicht, ist es bedauerlicherweise durchaus realistisch, dass Know-how, Innovation und die Schweizer Produktion an Bedeutung verlieren», so Marc Andrey weiter.
Auch beim Thema Nischenkulturen, wo es beispielsweise um Hülsenfrüchte und die Generierung neuer Wertschöpfungsketten geht, ist ungewiss, ob die Branche oder private Akteure Interesse an der Weiterführung von Forschungstätigkeiten in der Schweiz zeigen, und ob sich die Forschung bei anderen Institutionen oder mit anderen Finanzquellen weiterführen lasse.
Probleme kumulierten sich
Agroscope sieht sich als Opfer der Sparrunden des Bundes, die durch Parlament und Bundesrat verabschiedet wurden. Aber es fragt sich, ob das der einzige Grund ist, oder hat sich Agroscope in den vergangenen Jahren selbst Versäumnisse vorzuwerfen?
«Wir bedauern sehr, dass es zu diesen umfangreichen Sparmassnahmen kommt, vor allem tut es uns leid für die betroffenen Mitarbeitenden», sagt Andrey und weiter: «Es handelt sich um die Kumulation mehrerer Faktoren über mehrere Jahre.» Er zählt diese Faktoren auf:
- Die verschiedenen Budgetkürzungen aus Bundesrat und Parlament kumulieren sich, und es kommen aus dem Entlastungspaket 27 laufend neue dazu.
- Unter anderem wegen der im Dezember 2024 vom Parlament kurzfristig beschlossenen, zusätzlichen Sparvorgaben für Agroscope von 7 Mio. Franken mussten verschiedene kurzfristig wirksame Massnahmen umgesetzt werden, z. B. das Verschieben von Investitionen in Geräte und IT-Infrastruktur. Diese Investitionen können nicht weiter verschoben werden und führen nun zu einem höheren Bedarf.
- Frühere Sparmassnahmen, die Agroscope beschlossen habe, würden nicht ausreichen.
Stabilität in weiter Ferne
Für die verbleibenden Mitarbeitenden wäre es wichtig, zu wissen, ob mit dieser Sparrunde dann mal Schluss ist, oder ob Agroscope quasi immer weiter «ausgeblutet» wird. Marc Andrey hofft, dass mit der jüngsten Fokussierung des Forschungsportfolios eine solide finanzielle Basis für die Zukunft von Agroscope gelegt werde. Für «Forschung & Entwicklung» setze Agroscope circa 70 Prozent des Budgets ein, für Vollzugsaufgaben und -hilfen sowie wissenschaftliche Unterstützung der Agrarpolitik circa 30 Prozent.
«Zudem sind und bleiben Drittmittelprojekte ein wichtiger Hebel, um zusätzliche Themen zu erforschen», so Andrey. An der Standortstrategie mit einem zentralen Campus in Posieux (FR), den Forschungszentren Changins (VD) und Reckenholz (ZH) sowie den diversen Versuchsstationen halte man fest. Standortoptimierungen würden jedoch weiter geprüft. «Im finanziell angespannten politischen Umfeld besteht leider jederzeit die Möglichkeit, dass weitere Sparmassnahmen beschlossen werden, um die Bundesfinanzen zu stabilisieren, die auch Agroscope betreffen könnten», so Andrey abschliessend.

