In Ausserberg VS wird das Wasser seit mehr als 600 Jahren über die Suonen zu den Wiesen geleitet. Heute ergänzen moderne Beregnungsanlagen das traditionelle Wässern.
Die Landwirtin Regula Leutenegger, die den einzigen Vollerwerbsbetrieb in Ausserberg führt, nutzt beide Systeme. Sie zeigt, wie ausgeklügelt die Wasserverteilung organisiert ist und weshalb der Rückgang der Gletscher neue Fragen aufwirft.

Mit dem Wässerbeil, auf Walliserdeutsch «Wässerhowe», öffnet sie weitere kleine Rinnen. Langsam verteilt sich das Wasser über den Hang. Hier wird noch so gewässert, wie es die Walliser Bergbauern seit Jahrhunderten praktizieren. Auf anderen Flächen erledigen moderne Sprinkleranlagen die gleiche Arbeit.

Für Leutenegger sind die historischen Wasserleitungen kein touristisches Anschauungsobjekt, sondern Teil ihrer landwirtschaftlichen Infrastruktur. Die Biolandwirtin bewirtschaftet rund 36 Hektaren, verteilt auf unzähligen Parzellen. Sie hält Ziegen und Zeburinder und nutzt die Flächen entsprechend ihren unterschiedlichen Standortbedingungen.
Wässern verlangt Erfahrung
Das traditionelle Wässern erscheint einfach, erfordert aber einiges an Erfahrung. Mit der Wässerplatte wird der Wasserlauf gestaut. Über ein Netz kleiner Rinnen gelangt das Wasser auf die Wiese. Mit dem Wässerbeil werden die Gräben geöffnet, vertieft oder wieder verschlossen.
Die Landwirtin muss ständig beobachten, wie sich das Wasser verteilt. Je nach Hangneigung und Bodenbeschaffenheit fliesst es unterschiedlich schnell. Einzelne Stellen werden rasch nass, andere benötigen länger. Mit wenigen gezielten Eingriffen lässt sich die Fliessrichtung verändern.
«Es ist anstrengend und mit viel Arbeit verbunden und die Wässer-Einteilungen halten sich nicht an Bürozeiten. Und trotzdem mache ich diese traditionelle Arbeit sehr gerne, ich jongliere so mit meinen Wasserrechten, dass ich aber meist am Tag wässern kann», meint die junge Frau mit einem Lachen.
Anders funktioniert die Beregnung. Auf einem Teil ihrer Flächen setzt Leutenegger moderne Sprinkler ein. Das Wasser wird über Leitungen und Hydranten zu den Regnern geführt. Diese verteilen es weitgehend gleichmässig auf den Wiesen.
Die Technik spart Arbeitszeit, ist aber nicht ohne Tücken. Besonders der Wind kann die Beregnung beeinträchtigen. Er verfrachtet das Wasser und kann dazu führen, dass benachbarte Parzellen unbeabsichtigt nass werden. «Ich möchte das Heu des Nachbarn nicht nass machen, und meistens beregne ich sowieso über Nacht. Darum sprechen wir uns ab und tauschen, wenn nötig, auch die Wässerzeiten ab», sagt Regula Leutenegger, und «mit den meisten Beteiligten geht das sehr gut und unkompliziert.»
Ungleichmässiges Wässern hat Vorteile
Die beiden Bewässerungsmethoden unterscheiden sich nicht nur beim Arbeitsaufwand. Sie beeinflussen auch die Vegetation.
Bei der traditionellen Wässerung gelangt nicht überall gleich viel Wasser hin. Entlang der Gräben und in kleinen Mulden bleibt der Boden länger feucht, während höher gelegene Stellen schneller abtrocknen.
Dadurch entsteht ein Mosaik unterschiedlicher Standortbedingungen. Neben Pflanzen, die ausreichend Feuchtigkeit benötigen, können sich auch trockenheitsverträgliche Arten behaupten. Auf den Walliser Sonnenhängen trägt diese Vielfalt dazu bei, den ursprünglichen Steppencharakter der Landschaft teilweise zu erhalten.
Bei einer gleichmässigen Beregnung werden diese Unterschiede abgeschwächt. Das kann die Futterproduktion begünstigen, verändert aber auch die Konkurrenzverhältnisse zwischen den Pflanzenarten.
Leutenegger legt grossen Wert auf die Artenvielfalt. «Ich will die biologische Vielfalt auf meinen Parzellen schützen und wenn möglich sogar ausbauen. Für die Herausforderungen der Zukunft sind wir alle auf ein intaktes Ökosystem angewiesen, aber ganz besonders wir Bergbauern.»
Wasserrechte seit dem Mittelalter
Wie wertvoll das Wasser in Ausserberg ist, zeigt die lange Geschichte seiner Verteilung. Die drei wichtigsten Suonen sind die Undra, die Mittla und das höher gelegene Niwärch. Sie beziehen ihr Wasser aus dem Baltschiederbach.
Die Undra wird bereits 1377 urkundlich erwähnt, das Niwärch (das neue Werk) seit 1381. Mit diesen Wasserleitungen gelang es den Bauern, die trockenen Hänge überhaupt landwirtschaftlich nutzbar zu machen.

Der Bau erforderte aussergewöhnliches handwerkliches Geschick. Die Wasserleitungen wurden weit hinten im Tal gefasst und dann mit geringem Gefälle über kilometerlange Strecken geführt. Der Bachlauf wurde dabei oftmals direkt in die Felswand gehauen. An besonders exponierten Stellen befestigten die Erbauer hölzerne Kännel an den senkrechten Felswänden.
Ebenso bemerkenswert war die Organisation der Wasserverteilung. Die Berechtigten schlossen sich in sogenannten Geteilschaften zusammen. Sie regelten den Wasserbezug und den gemeinsamen Unterhalt der Anlagen.
Die Wasserrechte waren genau festgelegt. Die Grundeinheit bildete das sogenannte Viertel von sechs Stunden, das weiter unterteilt werden konnte. Teilweise waren die Wasserzeiten auf wenige Minuten genau bestimmt. Festgehalten wurden sie auf hölzernen Kerbstäben, den Wassertesseln.

Auch die geleisteten Unterhaltsarbeiten wurden dokumentiert. Wer Wasser beziehen wollte, hatte sich an der Instandhaltung der gemeinschaftlichen Anlagen zu beteiligen.
Die Wasserkehr ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil des Bewässerungssystems geblieben.
Die Genossenschaft organisiert das Wasser
Eine zentrale Rolle spielt heute die 2004 gegründete Genossenschaft Güterzusammenlegung Ausserberg, kurz GGz. Sie ist für Betrieb und Unterhalt der gemeinschaftlichen Bewässerungsinfrastruktur zuständig.
Während die Gemeinde die verbindliche Wassereinteilung vorgibt und die Suonen in Betrieb beziehungsweise ausser Betrieb setzt, ist die Genossenschaft für die gemeinschaftlichen Bewässerungsanlagen verantwortlich.
Eine Betriebskommission organisiert den laufenden Betrieb. Dazu gehören die Wasserverteilung, die Kontrolle von Leitungen, Hydranten und Reservoiren sowie Reparaturen und Unterhaltsarbeiten.

Das Beregnungsgebiet ist in Sektoren eingeteilt. Die Wasserzuteilung erfolgt nach einem festen Turnus. Ein Beregnungsturnus dauert vier Stunden. Pro Sektor ist festgelegt, wie viele Hydranten und Beregner gleichzeitig eingesetzt werden dürfen.
Gemäss dem neuen Reglement sind höchstens vier grosse Beregner mit 30-Millimeter-Düsen oder eine entsprechende Anzahl kleinerer Regner mit vergleichbarer Wassermenge gleichzeitig zugelassen. Dadurch soll verhindert werden, dass einzelne Benutzer zu viel Wasser beziehen und andere zu kurz kommen.
Auch die Finanzierung ist geregelt. Die Grundeigentümer tragen die Betriebs- und Unterhaltskosten der gemeinschaftlichen Anlagen. Das ordentliche Inkasso erfolgt im Dreijahresrhythmus. Für grössere Sanierungen und Erweiterungen können Beiträge von Bund, Kanton und Gemeinde beantragt werden.
Historische Suone und moderne Wasserleitung
Eine Besonderheit besteht beim Niwärch. Die historische Wasserleitung gehört zu den spektakulärsten Bauwerken des Walliser Suonensystems. Immer wieder wurden die Anlagen durch Steinschläge, Lawinen und Hochwasser beschädigt.

Seit 1970 wird das landwirtschaftlich genutzte Wasser des Niwärch durch einen Stollen geführt. Die historische Suone entlang der Felswände erfüllt deshalb heute vor allem eine kulturhistorische und touristische Funktion. Für ihren Erhalt engagieren sich die Stiftung «Suone Niwärch», die Gemeinde und Mitglieder des SAC.

Wenn die Gletscher verschwinden
Leutenegger betrachtet vor allem den Rückgang der Gletscher mit Sorge. Das Schmelzwasser trägt zur Wasserführung der Bergbäche bei. Während der gegenwärtige Gletscherrückgang zeitweise noch grössere Abflüsse verursacht, könnte diese Reserve in Zukunft zunehmend fehlen.
«Man muss anfangen, ganz anders zu denken. Wenn das Gletscherwasser ausbleibt, haben wir ein grosses Problem», sagt die Landwirtin. Sie bringt deshalb die Möglichkeit zusätzlicher Wasserspeicher ins Gespräch. Damit könnte Wasser aus Zeiten mit hohem Abfluss gespeichert und während trockener Sommerperioden genutzt werden.
«Aber wir als Bewirtschaftende dürfen uns nicht zurücklehnen und uns ausschliesslich auf Verbesserungen der Infrastruktur seitens der Gemeinde verlassen, sondern müssen uns auch aktiv um die Resilienz des Pflanzenbestandes und unseres Bodens bemühen.»
Wassermanagement bleibt Gemeinschaftsaufgabe
Ausserberg zeigt, wie eng Wasser, Landwirtschaft und Landschaftspflege miteinander verbunden sind. Was vor mehr als 600 Jahren mit offenen Gräben und hölzernen Wasserleitungen begann, ist heute ein Zusammenspiel aus historischen Suonen, Stollen, Leitungsnetzen, Sprinklern und einer verbindlichen gemeinschaftlichen Organisation.
Die moderne Beregnung erleichtert den Bauern die Arbeit. Das traditionelle Wässern bleibt auf einzelnen Flächen sinnvoll und trägt zur ökologischen Vielfalt bei.
Für Regula Leutenegger gehört der Umgang mit Wasser deshalb ebenso selbstverständlich zur Landwirtschaft wie das Mähen und die Tierhaltung. Ihre Arbeit mit Wässerplatte und Wässerbeil zeigt, dass jahrhundertealtes Wissen auch heute noch seinen Wert hat.
Mit dem Rückgang der Gletscher kommt allerdings eine neue Herausforderung dazu. Nicht mehr allein die Verteilung des Wassers, sondern zunehmend auch seine Speicherung könnte über die Zukunft der Bewässerung entscheiden.
Die Walliser Bauern haben in ihrer langen Geschichte immer wieder bewiesen, dass sie mit schwierigen Bedingungen umgehen können. Auch künftig wird es darauf ankommen, technische und agronomische Lösungen zu finden, die gemeinschaftlich getragen werden und zur Landschaft passen.

