Das letzte Mal, als wir uns gegenübersassen, war in der Brasserie Bodu in Luzern. Spät am Abend nach unserer Service-Schicht beim Abrechnen. Wir arbeiteten neben unserem Studium im französischen Restaurant mitten in der Luzerner Altstadt.
Silja Stofer hatte gerade ein Jus-Studium in Angriff genommen, ich war in die Welt der Kunstgeschichte und Germanistik vertieft. Nun sitzen wir uns am Fenaco-Regionalstandort in Sursee LU als Interviewpartnerinnen gegenüber, denn unsere beiden Wege haben uns ins landwirtschaftliche Umfeld geführt.
Bei Silja Stofer ist die Tätigkeit als Mitglied der Fenaco-Geschäftsleitung und Leiterin des Departements Nachhaltigkeit/Entwicklung/Kommunikation (NEK) eine Rückkehr zu den Wurzeln.
Lieber backen als Traktorfahren
Aufgewachsen ist die 43-Jährige unweit von hier: Auf der Rippertschwand in der Gemeinde Neuenkirch LU führten ihre Eltern in einer Betriebsgemeinschaft gemeinsam mit Silja Stofers Onkel und Tante einen Hof, wie er von der Ausrichtung her klassisch für die Region rund um den Sempachersee ist. «Neben Milchkühen, Schweinen und Ackerbau widmeten sich meine Eltern als Spezialkultur den Erdbeeren», erzählt die heutige Leiterin des anfangs Jahr neu formierten Departements NEK.
Als eines von insgesamt neun Kindern, die auf dem Hof aufwuchsen, genoss die kleine Silja viele Freiheiten und bekam ein gutes Stück Bodenhaftung mit auf den Weg, wie sie rückblickend sagt. «Während sich schnell herauskristallisierte, dass mein jüngster Cousin das Landwirtschafts-Gen in sich trägt, interessierte ich mich eher fürs Backen als fürs Traktorfahren», erinnert sich die Bauerntochter. Schon bald war klar, dass ihr Cousin den Hof weiterführen und die anderen Sprösslinge sich beruflich ihren anderen Interessen widmen würden.
Wenn alle Puzzleteile zusammenkommen
Bei Silja Stofer war dies die Jurisprudenz. So jedenfalls dachte sich das die junge Frau direkt nach der Maturität. «Mir wurde jedoch rasch klar, dass mich dieses Studium nicht erfüllt. So wechselte ich, begeistert von meinem Studentenjob im Gault-Millau-Restaurant, an die Schweizerische Hotelfachschule Luzern», erzählt die gebürtige Neuenkircherin. Dies sei eine sehr vielseitige und angewandte Grundausbildung gewesen, blickt Silja Stofer auf den Diplomlehrgang zur Hôtelière-Restauratrice HF zurück.
Bereits in ihrer ersten Festanstellung schnupperte die frisch Diplomierte Genossenschaftsluft. Für das schweizweit tätige Hotellerie- und Gastrounternehmen ZFV durfte sie die Marketing- und Kommunikationsabteilung aufbauen. Danach verantwortete sie einige Jahre die Kommunikations- und Marketing-Abteilung des Zürcher Stadtspitals Waid, bevor sie 2019 die Unternehmenskommunikation der Fenaco übernahm.
«Bei der Fenaco fügten sich für mich alle Puzzlestücke meiner bisherigen beruflichen Laufbahn zusammen: der Genossenschaftsgedanke, die Kulinarik, politische Prozesse, mit denen ich im Gesundheitswesen in Kontakt gekommen war, und natürlich meine landwirtschaftlichen Wurzeln», resümiert die Kaderfrau.
Nicht abgehoben, sondern greifbar
Auch bei ihren heutigen Aufgaben sei es so, dass viele verschiedene Aspekte ganz organisch ineinandergreifen. Einerseits ist Silja Stofer gemeinsam mit ihrem Team daran, die Nachhaltigkeitsstrategie der Fenaco weiterzuentwickeln. Andererseits fällt die Organisations-, Team- und Personalentwicklung in ihren Verantwortungsbereich.
Dazu gehört auch die einheitliche Verankerung des Zwecks und der Werte der Agrargenossenschaft in den verschiedenen Unternehmenseinheiten. «Eine wichtige Aufgabe, wenn man bedenkt, dass immer weniger von unseren Mitarbeitenden einen landwirtschaftlichen Hintergrund mitbringen», sagt die Innerschweizerin.
Die Kommunikation ist quasi das Heimspiel der Bauerntochter, griff sie doch schon als Jugendliche für zwei Regionalzeitungen in die Tasten. Hier geht es darum, die Medienarbeit, die Auftritte auf den Sozialen Medien und auf der Webseite, aber auch die UFA-Revue oder den Geschäftsbericht der Fenaco zu koordinieren.
«An meiner Arbeit schätze ich die Sinnhaftigkeit. Was die Fenaco tut, ist nicht abgehoben, sondern sehr greifbar und verbunden mit einem der grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen, der Versorgung mit Lebensmitteln», schwärmt Silja Stofer.
Zudem gefällt ihr die grosse Vielfalt der Tätigkeitsfelder. «An einem Tag setze ich mich mit Drohnentechnologien im Pflanzenschutz auseinander, am nächsten mit einem Bauprojekt in der Lebensmittelindustrie, und am dritten kommuniziere ich unseren Genossenschaftsmitgliedern, wie sie dank der Photovoltaikanlagen von Agrola zu Energiewirten werden», gibt das Geschäftsleitungsmitglied Einblick in ihren Alltag.
Diese Vielfalt sei grossartig, manchmal werde die Adressierung der vielen unterschiedlichen Anspruchsgruppen aber auch zur Herausforderung, gesteht die sympathisch und nahbar wirkende, zugleich aber eloquent auftretende Fachfrau. Bei den verschiedenen Bedürfnisgruppen müssen alle jeweils anders angesprochen werden.

Frauen sichtbarer und die Landwirtschaft resilienter machen
Gelingt ihr dies als Frau besonders gut oder ist es für sie in diesem noch eher männerdominierten Bereich herausfordernd, eine Führungsposition innezuhaben? «Ich freue mich auf den Tag, an dem sich die Frage nach der Positionierung als weibliche Führungskraft erübrigt hat», gesteht Silja Stofer.
Klar gäbe es Tage, an denen sie die einzige Frau im Raum sei, allermeist werde sie aber einfach als Silja wahrgenommen. Sie möchte Frauen motivieren, noch sichtbarer zu werden, zum Beispiel in Branchenorganisationen oder LANDI Verwaltungsräten. Denn schliesslich haben sie in der Landwirtschaft eine wichtige Rolle inne. «Es braucht Mut, sich zu exponieren, gleichzeitig macht es aber enormen Spass, mitentscheiden zu können», erklärt die Luzernerin.
Momentan würden die Drähte bei der Fenaco heisslaufen. «Die Folgen der Hitze und Trockenheit halten uns in Atem. Uns erreichen zurzeit viele Anfragen, ob wir die Versorgung mit Raufutter, Dünger und anderen Produktionsmitteln sicherstellen können. Die Beschaffung ist anspruchsvoll, aber gewährleistet. Es braucht von allen viel Flexibilität, weil es zu Lieferverzögerungen und Einschränkungen in der Produktpalette kommt», berichtet das Geschäftsleitungsmitglied.
Längerfristig brauche es Lösungen, wie die Landwirtschaft resilienter gegen extreme Wetterereignisse werden kann. Die Fenaco investiere viel in dieses Thema und auch bei ihr stehe es weit oben auf der Agenda. «Um vorwärtszukommen, braucht es alle: die Landwirtinnen und Landwirte, die Forschung, die Wirtschaft, die Politik und die Konsumentinnen und Konsumenten», betont Silja Stofer. Mit ihrem Team wird sie sich zudem dafür einsetzen, den Dialog zwischen Stadt- und Landbevölkerung zu verbessern.
Zwischen See und Berg
Sorgen, dass es der Departementsleiterin im Berufsalltag langweilig werden könnte, sind sicherlich unbegründet. Umso wichtiger ist es, dass sie auch mal den Kopf frei bekommt. Vom Sempachersee ist sie mittlerweile an den Vierwaldstättersee gezogen und statt des Ruswilerberges ist nun die Rigi ihr Hausberg.
«Zwischen See und Bergen spielt sich auch die Freizeit von mir und meiner Familie ab, etwa beim Segeln, dem Skifahren oder Wandern», verrät Silja Stofer und fügt an, dass sie einem guten Essen in Begleitung eines Schlucks schönen Weins nie abgeneigt ist. Neben dem Landwirtschafts- schlägt schliesslich auch immer noch das Gastro-Herz in ihrer Brust.
Fünf Kurzfragen
Was gönnen Sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag?
Das Znacht mit meiner Familie.
Wo macht ein erfrischender Schwumm mehr Spass – im Sempachersee oder im Vierwaldstättersee?
Hauptsache, der See hält eine Abkühlung bereit.
An welchem Fenaco-Standort fühlen Sie sich am wohlsten?
Ich habe keinen Lieblingsstandort. Ich bin von der West- bis in die Ostschweiz viel im Unternehmen unterwegs und erlebe das als Privileg.
Tierzucht oder Pflanzenbau – was hat sie als Kind auf dem elterlichen Hof mehr interessiert?
Am liebsten habe ich während der Erdbeersaison das Abwägen der gefüllten Schalen übernommen und zwischendurch eine Beere genascht.
Können Sie als Gastrokennerin einen Restauranttipp in Luzern geben?
Ich bin nirgendwo Stammgast. Dafür gibt es in Luzern zu viele gute Restaurants. Aber für ein feines Entrecôte im Bodu kann man mich auch heute noch begeistern.

