Der Stör hat 200 Millionen Jahre überlebt. In dieser Zeit hat er sich kaum verändert, die Flüsse boten ihm alles, was er brauchte. Dann kam der Mensch, begradigte die Bäche, baute Staumauern und zwängte die Flüsse in Kanäle. In 150 Jahren war der Stör aus der Schweiz verschwunden.
Der Sommer 2026 hat gezeigt, wie schnell es gehen kann. Bäche führten kaum mehr Wasser, Weiden wurden braun, und manche Quelle, auf die man sich seit Generationen verlassen hatte, lief nur noch schwach. Wer diesen Sommer auf einem Hof erlebt hat, weiss, wie abhängig wir vom Wasser sind. Die Fische haben es als Erste zu spüren bekommen.
Ein gutes Gesetz wird zum Beruhigungsmittel
Die Schweiz hat ein gutes Gewässerschutzgesetz. Nur tun seine Fristen niemandem weh. Verpasst ein Bauer beim ökologischen Leistungsnachweis eine Vorgabe, werden ihm die Direktzahlungen gekürzt. Verpasst ein Kanton um Jahre die Frist für den Gewässerraum, passiert nichts. Und der Bund, der seine eigenen Ziele um Jahrhunderte verfehlt, kürzt im nächsten Budget trotzdem noch einmal. So wird ein gutes Gesetz zum Beruhigungsmittel. Man kann darauf zeigen und sagen, die Schweiz tue etwas. Unterdessen werden die Fische weniger, und die Bäche trocknen aus.
Kein Bauer würde seinen Hof mit undichtem Dach und ausgelaugten Böden an die nächste Generation übergeben und dazu sagen, die Jungen würden das dann schon richten. Genau so gehen wir aber mit unseren Gewässern um. Die Strombranche verweist auf die Versorgungssicherheit, die Kantone auf die Einsprachen, der Bund auf das Sparprogramm und die Landwirtschaft auf die Lebensmittelproduktion. Jeder hat gute Gründe, die Reparatur aufzuschieben. Bezahlen werden sie unsere Kinder und Enkel, die einen Bach nur noch als Graben kennen.
Die Bauern spüren es sofort
Natürlich gibt es Zielkonflikte. Wir behandeln das Wasser aber, als liesse es sich gegen Strom, Land oder Geld abwägen wie jedes andere Interesse. Dabei hängt alles andere davon ab: Ohne Wasser gibt es keinen Strom aus Wasserkraft, keine Ernte und kein Trinkwasser.
Wir Bauern bewirtschaften den grössten Teil der Landschaft, deshalb betrifft uns das Thema besonders direkt. Die Streifen entlang der Bäche liegen auf unserem Land. Was auf unseren Feldern geschieht, gelangt früher oder später ins Wasser. Und wenn es fehlt, spüren wir es sofort.
Diese Brücke baut keiner allein
Umso mehr gibt zu denken, dass diese Woche an der Jubiläumsfeier der Fischer zum neuen Gewässerschutzgesetz kaum ein Bauer im Saal sass. Der Vertreter der Landwirtschaft auf dem Podium machte klar, dass Bauern und Fischer dasselbe wollen, nämlich sauberes Wasser. Eine solche Brücke baut aber keiner allein. Solange die Landwirtschaft beim Wasser nur dann mitredet, wenn es um Einschränkungen geht, bestimmen andere, wie über sie gesprochen wird.
Es wäre deshalb kurzsichtig, jede Lockerung beim Gewässerschutz als Erfolg zu verbuchen. Ein paar Meter mehr Bewirtschaftung am Bachrand bringen wenig, wenn der Bach im August trocken ist. Böden, die Wasser speichern, Hecken und Uferstreifen, die Schatten spenden, und Bäche, die nicht in Kanälen davonschiessen, nützen auch unseren eigenen Höfen.
Die nächste Revision des Gewässerschutzes kommt bestimmt. Die Landwirtschaft sollte dann mit eigenen Vorschlägen dabei sein, statt sich wieder nur zu wehren.
Der Bund kann ein Gesetz nicht feiern und gleichzeitig dessen Umsetzung aushungern. Die Kantone sollten ihre Fristen so ernst nehmen, wie sie es von jedem Bürger erwarten. Die Strombranche kann nicht neue Staumauern fordern, solange die alten nicht saniert sind. Und die Landwirtschaft muss den Gewässerschutz als eigenes Anliegen verstehen.
Wir können uns die Zielkonflikte nicht mehr leisten
Auch die Fischer sind gefordert. Mit einer neuen Volksinitiative können sie Druck machen, und sie haben schon einmal bewiesen, dass das wirkt. Aber Druck allein reicht nicht. Wer gewinnen will, braucht Verbündete, auch auf den Höfen. Der junge Fischer Valentin Iseli aus dem Jura zeigte die richtige Haltung: Die Fischer seien bereit, selbst zu verzichten, wenn dafür die Gewässer geschützt werden. Und wir alle müssen uns fragen, ob jeder neue Stromwunsch wichtiger ist als ein lebendiger Bach.
Die Zielkonflikte ums Wasser sind real, aber wir können sie uns nicht mehr leisten. Wer weiter abwägt, statt zu handeln, steuert auf eine Zukunft zu, in der die Flüsse zwar noch auf der Landkarte stehen, in ihnen aber nichts mehr lebt. Der Stör hat 200 Millionen Jahre überlebt. Unsere Flüsse sollten nicht noch 200 Jahre auf ihre Rettung warten müssen.

