Die Schweizer Getreidebranche steht vor dem paradoxen Problem: Der Markt wächst mit der Bevölkerung, die nach wie vor Brot und Backwaren isst – seit 1965 nahm die hiesige Bevölkerung um 50 Prozent zu. Gleichzeitig stagniert der Absatz für Schweizer Getreideprodukte. Der Grund ist bekannt. Es sind Importe, mit denen Inlandware preislich nicht mithalten kann.
Schweiz als Produktionsstandort
«EU-Getreide ist dreimal günstiger als Schweizer Getreide, Mehl 2,5-mal und Butter aus der EU kostet auch etwa dreimal weniger», schilderte Lukas Amrein, Geschäftsführer von Hiestand, am diesjährigen Tag der Nahrungsmittelindustrie.
Die Föderation Schweizerischer Nahrungsmittelindustrien (Fial) hatte zu der Veranstaltung in Bern geladen, um über gleichbleibende Absätze in eigentlich wachsenden Märkten zu reden. Für Hiestand sei die Situation speziell, fuhr Amrein fort. Denn das Unternehmen produziert zwar in der Schweiz und erzielt nach eigenen Angaben 80 Prozent seines Umsatzes mit Schweizer Produkten, die wiederum zu 84 Prozent aus inländischen Rohstoffen bestehen.
«Aber wir beziehen auch Produkte aus der EU», so der Geschäftsführer. Das betreffe insbesondere Spezialitäten, da Hiestand nicht das gesamte Produktportfolio selbst herstellen könne.
Preis wird wichtiger, Herkunft weniger
In den letzten zwei Jahren sei der Backwarenmarkt intensiver geworden, beobachtet Lukas Amrein. «Der Preis wurde zum Teil wichtiger, die Herkunft vor allem bei Ausschreibungen und im Retail weniger.» Er stellt allerdings Unterschiede je nach Produkt fest.
So liessen sich Gipfeli einfacher aus dem Ausland verkaufen und bei einem Verkaufspreis von 60 Rappen könne Hiestand auch schlicht nicht mithalten. Wenn die Herkunft kaum eine Rolle spiele, seien Rohstoffpreise entscheidend. Bei Züpfe oder St.‑Galler Brot sähe die Lage anders aus.
«Da steckt auch die Migros drin»
Hiestand bekennt sich zum Standort Schweiz. Lukas Amrein verwies auf kürzlich getätigte Investitionen in Dagmersellen LU. Doch die Importkonkurrenz ist für das Unternehmen eine Herausforderung. «Da steckt die Migros auch drin», sagte Matthias Wunderlin, Leiter der Migros-Industrie.
Er sieht das Problem in erster Linie darin, dass die Zölle auf Rohstoffe höher sind als jene auf Fertigprodukte. «Wenn das Regelwerk nicht konsistent ist, wird der politische Wille zur Unterstützung der Landwirtschaft nicht umgesetzt», so Wunderlin.
Das laufe auch dem Ziel der Selbstversorgung zuwider. Die Migros befinde sich in einem Spannungsfeld, beschrieb er: «Wir wollen eine Partnerin für die Schweizer Landwirtschaft sein, stehen aber auch in Konkurrenz.» Das führe zu «komischen Entscheidungen».

Zwei Motionen aus dem Nationalrat
Der Appell ging also an die Politik. Nationalrätin Katja Riem (SVP, BE) stellte ihre Motion vor, die eine Aufhebung der zolltariflichen Begünstigung der Importe von Halbfertig- und Fertigprodukten des Zollkapitels 19 fordert. Es geht um den Rabatt, den die Schweiz auf Backwarenimporte aus der EU gewährt.
«Den Vorstoss habe ich tatsächlich selbst geschrieben», bemerkte die Agronomin und zeigte Grafiken des starken Anstiegs der Importe über die letzten Jahre. Die Importregeln seien komplex und ebenso die Lösungsvorschläge.
Riem erwähnte auch die Motion ihrer Ratskollegin Christine Badertscher, die den Maximalzoll für Brotgetreide jenem gemäss WTO-Übereinkommen gleichsetzen will.
Genug diskutieren und Spielraum nutzen
In der Wirtschaftskommission des Ständerats (WAK-S) wurden jüngst beide Vorstösse abgelehnt und stattdessen zwei Kommissionsmotionen auf den Weg gebracht, die primär beim System der Kontingentsversteigerung ansetzen.
«Ich wünsche mir einfach, dass dieses Missverhältnis aufgelöst wird», meinte Katja Riem mit Blick auf die Importkonkurrenz. Es seien die verschiedenen Lösungsvorschläge zu prüfen. «Für einen massiven Grenzschutz bin ich und sind meine Kollegen viel zu liberal», räumte die Nationalrätin ein.
Aber es wird ihrer Meinung nach einfach zu wenig diskutiert. Sie ist überzeugt, dass es Spielraum gäbe. Und zwar, ohne dass – wie der Bundesrat befürchtet – Handelsabkommen neu verhandelt werden müssen.
Verhältnisse wie beim Billetverkauf für ein Konzert
Fial-Geschäftsführer Lorenz Hirt lieferte Hintergründe dazu, wie Importe vor sich gehen. «Für Getreide gilt das System Windhund an der Grenze», erläuterte er. Es heisst also, «dr Ender isch dr Gschwinder», wenn die Ware am Zoll ist. Es kann so lange eingeführt werden, bis das Kontingent ausgeschöpft ist.
Das habe in letzter Zeit den Charakter eines Konzert-Ausverkaufs angenommen, schilderte Hirt: «Wie bei den Rolling-Stones – innert Millisekunden war alles versteigert.» Das Nachsehen hätten vor allem kleinere Betriebe, die keine Spezialitäten mehr importieren könnten. Dieses Windhund-System will die WAK-S mit ihren Motionen «optimieren».
«Kommissionsmotionen verbessern unsere Lage nicht»
Der Schweizerische Getreideproduzentenverband (SGPV) und der Dachverband Schweizer Müller (DSM) sind sicher, dass die Kommissionsmotionen die Lage der Produzenten und Verarbeiter nicht oder zumindest nicht ausreichend verbessern würden.
Hingegen würden aus ihrer Sicht die beiden Motionen von Katja Riem und Christine Badertscher die einheimische Getreidebranche stärken. Sie verbesserten ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importen von verarbeiteten Produkten, erklären die beiden Verbände in einer gemeinsamen Mitteilung. Langfristig liessen sich so Marktanteile zurückgewinnen.
«Sowohl die Produktion von Brotgetreide als auch dessen Verarbeitung zu Mehl könnten in der Schweiz zunehmen, was Skaleneffekte ermöglichen würde», so SGPV und DSM. Bei einem geschätzten Mehrpreis von nur 0,8 Rp./kg Brot würde der Konsument durch die Motionen Riem und Badertscher nicht benachteiligt.
2026 über 20 000 t Brotweizen deklassiert
Ausserdem liessen sich so Deklassierungen von Brotgetreide in den Futtermittelsektor begrenzen. Ein aktuelles Thema, denn gleichentags informierte der SGPV über die Deklassierung von insgesamt 21 413 t backfähigem Weizen (in erster Linie TOP).
Die letzten zwei Jahre hatte es keine Deklassierungen gegeben, zuletzt 2023 (9 236 t Weizen der Klasse II). Diese Massnahme sei heuer zur Stabilisierung des Marktes notwendig, da aufgrund der guten Ernten 2025 und 2026 die verfügbaren Mengen die Nachfrage der Verarbeiter «bei weitem» überstiegen.
Der SGPV übernehme im Interesse der Produzenten Verantwortung. Man werde die Entwicklung der Marktlage sowie die endgültige Bilanz der Ernte 2026 während der nächsten Wochen prüfen und schliesse weitere Massnahmen zur Marktentlastung im Herbst nicht aus.
Sorge um das «Protokoll 2» mit der EU
Während Getreideproduzenten und Verarbeiter auf die Vorstösse hoffen, sehen Bundesrat und Verwaltung darin ein Risiko. Sie befürchten, bei einer Annahme der Motion Riem müsste das EU-Freihandelsabkommen neu verhandelt werden.
Denn der Grenzschutz für Verarbeitungsprodukte ist Teil des sogenannten «Protokolls 2» des Freihandelsabkommens zwischen der Schweiz und der EU. Darin ist festgelegt, dass die Schweiz bei Backwaren, Schokolade, Teigwaren usw. auf einen Teil der Zollbelastung verzichtet. Es bleibt ein Preisausgleichsmechanismus für sensible Rohstoffe.
«In Verhandlungen ist dieser Mechanismus jeweils schwer zu erklären», sagte Michèle Glauser, Ressortleiterin Warenverkehr beim Seco, anlässlich des Tags der Nahrungsmittelindustrie. Für den Preisausgleich ist die Differenz zwischen dem EU- und dem Schweizer Preis für einen landwirtschaftlichen Rohstoff ausschlaggebend. Beim Export von Verarbeitungsprodukten aus der Schweiz in die EU fällt er somit weg.
Allerdings gewährt die Schweiz der EU einen Rabatt auf den Preisausgleich, der die Zollbelastung von EU-Teiglingen und -Halbfabrikaten um 18,5 Prozent senkt. Ein weiterer Haken: Der Preisausgleich wird basierend auf Standardrezepturen bemessen, die teilweise veraltet sind. So kann z. B. die angenommene Menge Butter in einem Tiefkühlgipfeli nicht dem tatsächlichen Gehalt entsprechen, wodurch die Einfuhr je nachdem günstiger wird.
Zollfreier Export floriert, aber EU ist nicht begeistert
«Das Protokoll 2 ist für die Schweizer Nahrungsmittel-Industrie sehr vorteilhaft», betonte Michèle Glauser. Im Durchschnitt der Jahre 2023–2025 habe die Schweiz zollfreie Exporte in die EU im Wert von 3,8 Milliarden Franken tätigen können, illustrierte sie. Gleichzeitig kamen EU-Waren im Wert von 0,9 Milliarden Franken ohne Zollbelastung in die Schweiz – gegenüber 1,4 Milliarden mit Preisausgleich bzw. Importzoll.
Aber: «Die Zuständigen bei der EU sind davon nicht so begeistert», so Glauser. Schon mehrfach sei seitens der EU versucht worden, das Protokoll 2 zu liberalisieren. Der Rabatt auf den Preisausgleichsmechanismus – der über die Jahre vergrössert worden ist – ist das Resultat von Verhandlungen, um das Protokoll 2 zu retten.
Daher hält es Glauser – wie der Bundesrat – für gefährlich, am Protokoll 2 zu schrauben. Sowohl, was eine Anpassung der Standardrezepturen betrifft, als auch wenn es um eine Reduktion des Rabatts für Teiglinge und Halbfabrikate geht. Angesichts des grossen Nutzens von Protokoll 2 sei das Risiko einfach zu hoch.
Appell ans Parlament
Matthias Staehlin, Leiter Beschaffung bei Swissmill, stellte die Frage in den Raum, welche Branchen denn konkret vom Protokoll 2 profitierten. «Die Backwarenbranche tut es nicht», konstatierte er. Schoggi und Biscuits gehörten zu den Profiteuren des zollfreien EU-Marktzugangs, antwortete Glauser. Es würden allerdings auch Teiglinge aus der Schweiz exportiert. «Eine goldene Lösung kann ich nicht präsentieren», meinte die Seco-Expertin Michèle Glauser.
Eine Lösung zu finden, wäre nun am Parlament. SGPV und DSM appellieren an den Ständerat, die Motionen Riem und Badertscher anzunehmen. «Die Getreidebranche kann so mit Unterstützung des Bundesrats und des Bundesamts für Landwirtschaft endlich Massnahmen ergreifen, um die einheimische Getreidebranche aufzuwerten», so ihre Hoffnung.

