Vor wenigen Jahren hat Gloria Dominguez-Bello eine Reise ins Amazonasgebiet unternommen. Dort hat sie die Yanomami, das grösste, relativ isoliert lebende indigene Volk Südamerikas, besucht. Die Yanomami versorgen sich selbst mit Jagen, Sammeln, Fischen und dem Anbau verschiedener Feldfrüchte. Sie haben ein enormes Wissen über die lokale Botanik und verwenden ungefähr 500 Pflanzen für Essen, Medizin, Hausbau und Gebrauchsgegenstände.

AboEin Asthaufen für Kleinsäugetiere und Insekten gilt als Kleinstruktur.Biodiversität«Viele der Strukturen sind bereits vorhanden»Dienstag, 8. März 2022 Man stelle sich das einmal vor: Ein Volk überlebt und vermehrt sich im Jahre 2022 ohne Pfizer, Novartis, Bayer und wie die Chemischen alle heissen. Einzig die immer tiefer in ihr Gebiet eindringenden Goldsucher, die das Wasser mit Quecksilber vergiften und Krankheiten einschleppen, stellen eine echte Bedrohung für sie dar.

Mikrobielle Vielfalt bei den Indigenen

Aber zurück zu Gloria, die sich der Mikrobiologie verschrieben hat und deren Besuch keinen sensationslüsternen Hintergrund hatte. Nein, sie wollte lediglich ein paar Stuhlproben von den Ureinwohnern. Im Labor verglich sie dann die Exkremente des indigenen Volkes, welches weitestgehend unberührt von moderner Medizin, industrialisierter Nahrung und westlichen Hygiene-Standards lebt, mit den Hinterlassenschaften der Menschen von westlichen Industrieländern. Und siehe da, in den «Hüfeli» der Indigenen fand Gloria rund doppelt so viele Arten an Mikroben wie bei uns.

Mikroben sind enorm wichtig, denn sie steuern und verbinden (einfach erklärt) eigentlich alles in unserem Körper. Bildlich stelle man sich eine Tinguely Installation vor. Fehlt eines oder mehrere Rädli oder eben die Mikroben, funktioniert es nur noch halbpatzig. Mikroben im Menschen helfen nicht nur bei der Verdauung oder bei der Immunabwehr, sie kommunizieren über ihre Stoffwechselprodukte auch mit dem Nervensystem.

Ausgewogene Ernährung statt Powerfood

AboDas Bild zeigt eine Moorlandschaft am Chatzensee vor den Toren der Stadt Zürich. (Bild Andreas Baumann)ercnBiodiversitätDas bedeuten die Pläne für die Wiederherstellung von 1'300 Hektaren Moor im Kanton ZürichSamstag, 10. April 2021 Fazit: Die innere Artenvielfalt schwindet bei uns massiv und das ist tragisch. Doch sind wir uns dessen überhaupt bewusst? Eher nicht, denn die innere Artenvielfalt sieht man ja nicht und allfällige Schwächen lassen sich auf irgendeine Art (Pillen, Powerfood, Drinks usw.) wegschminken.

Dabei könnte sehr vieles mit einer ausgewogenen Ernährung, etwas mehr Natur- statt Onlinenutzung und einer grossen Portion Bescheidenheit ins Lot gebracht werden. Wie heisst es doch so schön: «Man ist, was man isst» und: «mens sana in corpore sano».

Alle 3 Sekunden verschwinden 2 Quadratmeter Artenvielfalt

Das ist zwar eine Fettwiese, sie ist aber arten- und blütenreich und der häufigste naturnahe Lebensraumtyp im zentralen Mittelland. (Bild Roman Graf / Vogelwarte)VogelwarteStudie: Warum es zwar genug Biodiversitätsförderflächen hat, deren Qualität aber nicht stimmtMontag, 23. November 2020 Doch kommen wir doch auch noch zur äusseren Artenvielfalt, die ja von allen wahrgenommen wird. Auch diese schwindet stetig, trotz der enormen Anstrengungen seitens der Landwirtschaft. Allein in der kleinen Schweiz werden heute 19 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Förderung der biologischen Vielfalt genutzt, Chapeau. Gerade jetzt, wo die Rapsfelder, Obstanlagen und Wiesen blühen und es entsprechend summt und brummt, darf sich jede Landwirtin und jeder Landwirt auf die Schultern klopfen und sagen «Gut gemacht und es lebe die Artenvielfalt». 

Doch exakt in diesen 3 Sekunden Schulterklopfen gehen in der Schweiz 2,1 m2 Artenvielfalt verloren. Pro Jahr ergibt dies rund 2700 Fussballfelder Kulturland, die vorwiegend für Siedlung und Verkehr verloren gehen. Bei unseren Deutschen Nachbarn sind es übrigens knapp zehnmal mehr Fussballfelder.

Ja, und nun verlangt unser Bundesrat von uns Bauernfamilien, dass wir ab 2024 zusätzlich noch 3,5 % bestes Ackerland für die Artenvielfalt hergeben. Da zitiere ich unseren (von mir sehr geschätzten) Bundesrat Ueli Maurer und sage: «Kä Luscht!» Jetzt ist fertig Schluss, jetzt sind die anderen dran.

Zur Autorin

Virginia Stoll ist Bäuerin und Sekretärin des Schaffhauser Bauernverbands. Sie schreibt für die Rubrik Arena in der BauernZeitung Ostschweiz und Zürich.