Ab diesem Herbst ist es Pflicht: Wer in Bern oder Zürich Veterinärmedizin studieren will, muss vor oder während des ersten Semesters drei Wochen auf einem Landwirtschaftsbetrieb arbeiten. Dreimal fünf Tage, auf einem professionellen Vollerwerbsbetrieb mit Milchkühen, Mutterkühen, Schweinen, Schafen, Ziegen oder Geflügel. Ob es dafür Lohn gibt, entscheidet der Betrieb selbst; die Universität Bern empfiehlt zumindest Kost und Logis.
Sonja Turtschi hat dieses Praktikum bereits gemacht – freiwillig, denn für ihren Jahrgang ist noch nicht restlos geklärt, ob die neue Regel für ihn überhaupt noch gilt. Die 36-Jährige hat soeben ihr zweites Semester abgeschlossen. Für sie war das keine Frage des Reglements: «Unabhängig davon, welche Richtung ich später einschlage, war mir klar: Das ist eine Erfahrung, die mir fehlt. Die muss ich machen.»
Selbst gesucht, weil es keine Liste gibt
Wer als Bauer oder Bäuerin schon mal versucht hat, kurzfristig eine Aushilfe zu finden, kennt das Problem von der anderen Seite: Sonja Turtschi suchte ihren Praktikumsplatz komplett auf eigene Faust. Eine Vermittlungsstelle, an die sie sich hätte wenden können – beim Bauernverband etwa –, gibt es nicht. Zumindest noch nicht. «Ich ging davon aus, dass es etwas gibt, wo man sich orientieren kann.» Am Ende fand sie selbst einen Hof in der Umgebung von Bern, der ihr auf Anhieb sympathisch war.
Das ist der Punkt, an dem das neue Pflichtpraktikum steht und fällt: Wer selbst von einem Hof kommt, hat über Familie oder Nachbarschaft in der Regel schnell einen Platz. Wer nicht – und das betrifft heute die Mehrheit der Studierenden – muss sich selbst durchfragen, ohne zu wissen, wo überhaupt anzuklopfen ist. Sonja Turtschi bringt es auf den Punkt: Gerade jene mit den wenigsten Verbindungen in die Landwirtschaft bräuchten eine Anlaufstelle am dringendsten – haben sie aber am wenigsten. Für die Höfe selbst ist das eine Einladung: Wer sich jetzt sichtbar macht, dürfte ab Herbst häufiger angefragt werden.
Zur Tiermedizin kam Sonja Turtschi über einen Umweg. Den Wunsch, Veterinärin zu werden, hatte sie schon als Kind. Es folgte zunächst ein Bürojob – bis ihr klar wurde, dass das nichts für sie ist. Vor zwei Jahren entschied sie sich, diesen Weg doch noch zu gehen.
Mitten in der Krankheitswelle
Sonja Turtschi kannte die Landwirtschaft vor dem Praktikum nur von aussen, aus Gesprächen mit einzelnen Bauern. Drei Wochen auf dem Hof haben das gründlich verändert: «Mit der Zeit kamen Fragen auf, die ich vorher gar nicht hatte. Es ist eine unglaubliche Menge an Informationen, die man zu verarbeiten versucht.» Sie ist sich bewusst, dass sie nur einen Ausschnitt gesehen hat: «Ich sehe jetzt den Sommer und weiss nicht, wie es im Frühling oder Winter auf dem Betrieb aussieht.»
Ihr Praktikum fiel mitten in die Krankheitswelle, die diesen Sommer zahlreiche Milchkuhbestände erfasst hat – Durchfall, Fieber, teils drastischer Milchrückgang, wobei bis heute unklar ist, wie stark Hitzestress und Viren oder auch Bakterien je einzeln daran beteiligt sind.
Für Turtschi war genau das lehrreich: Sie erlebte hautnah, wie viel in der Kommunikation zwischen Amtsstellen, Tierärzten und Bauern harzt. Am meisten überrascht habe sie, wie konkret sich ein einzelner Faktor wie Hitzestress auf Milchleistung und Befinden eines Tieres auswirken kann – eine Erfahrung, die kein Vorlesungssaal ersetzt.
Eine Kuh ist ein Tier mit Charakter
Bestätigt statt überrascht hat sie dagegen der gute Umgang mit den Tieren selbst: «Ich habe das erwartet, aber es war trotzdem schön, es zu sehen.» Vieles lernte sie schlicht durch Vergleichen: Auf dem Hof standen mehrere Geburten an, und mit der Zeit erkannte sie, wie sich eine Kuh in den Tagen davor verändert – ein Blick, den man sich nur durch wiederholtes, geduldiges Beobachten aneignet.
Dazu kamen zwei Begegnungen mit Tierärzten: Ein Pferde-Chiropraktiker liess sie bei der Behandlung viel zusehen, ein Rinderpraktiker erklärte ihr eine Trächtigkeitsuntersuchung. Wertvoll war für sie auch der Austausch mit einem Studienkollegen, der vor dem Studium ein ganzes Zwischenjahr auf einem Hof verbracht hatte – im Studiengang sind nach wie vor viele, die selbst auf einem Betrieb aufgewachsen sind.
Ob aus ihr eine Tierärztin für Klein- oder Grosstiere werden sollte, war für Sonja Turtschi vor dem Praktikum offen. Das ist es nach wie vor, aber jetzt sagt sie: «Ich habe gemerkt, dass ich gerne draussen und körperlich arbeite – und dass ich gerne mit Kühen arbeite. Ich mochte sie schon immer, aber hier hat sich das erst richtig manifestiert. Eine Kuh ist ein Tier mit Charakter, das entspricht mir sehr.»
Ein Jahrgang, der zeigt, wohin sich der Beruf entwickelt
Sonja Turtschis Studienjahrgang zeigt in Zahlen, was sich in der Tiermedizin seit Jahren abzeichnet: Von rund 90 Studierenden sind gerade einmal sieben oder acht Männer. Die meisten kommen direkt von der Matur, ein Teil nach einem längeren Praktikum. Rund fünf – Turtschi eingeschlossen – haben den zweiten Bildungsweg gewählt: drei mit einem abgeschlossenen Studium, zwei mit einer Berufslehre, eine mit agronomischem Hintergrund. Vier Studierende sind über 30.
Diese Entwicklung – der stark steigende Frauenanteil im Studium – war Ende Mai Thema in der SRF-«Rundschau». Dort schilderte der Bündner Tierarzt Fadri Vincenz seinen Alltag: mindestens zwölf Stunden Arbeit pro Tag, seit letztem Sommer, weil er trotz Anfragen an sämtliche deutschsprachigen Universitäten niemanden zum Einstellen findet. Die Zürcher Kleintierärztin Sarah Lopez berichtete von der hohen körperlichen und psychischen Belastung des Berufs – bis hin zu Situationen, in denen sie ein Tier einschläfern musste, weil die Halter eine eigentlich einfache Behandlung nicht bezahlen wollten. Vetsuisse-Dekan Roger Stephan bestätigte, dass eine Erhöhung der Studienplätze geprüft wird, von heute 172 auf möglicherweise 272 pro Jahr – warnte aber gleichzeitig: Mehr Studienplätze allein lösen das Problem nicht, solange 20 bis 25 Prozent der jungen Tierärztinnen und Tierärzte den Beruf innerhalb der ersten drei Jahre nach Abschluss wieder verlassen.
Sonja Turtschi selbst kann die Gründe für den tiefen Männeranteil nicht abschliessend erklären: «Ich weiss nicht, was die Männer davon abhält, in diesen Bereich zu gehen. Das ist auch keine neue Entwicklung.» Sie sieht aber genau, welche Fragen sich Frauen stellen, sobald Kinder zum Thema werden: aufhören, das Pensum reduzieren, oder bleibt der Mann zu Hause? Für den Landwirtschaftsbetrieb hat das sehr direkte Folgen: Wenn mehr Tierärztinnen Teilzeit arbeiten, kommen häufiger wechselnde Personen in den Stall – und die kennen die einzelne Kuh weniger gut als eine feste Bezugsperson, die über Jahre den gleichen Betrieb betreut.
Für sie selbst ist die Familienfrage kein Thema: Sie will keine Kinder. Und wo sie sich in fünf Jahren sieht, will sie ohnehin nicht beantworten: «Dafür bin ich nicht der Typ. Zuerst mal das Studium schaffen.»
Zum Numerus clausus, der Aufnahmeprüfung fürs Studium, hat sie eine nüchterne Haltung: Ob er die richtigen Leute auswähle, wisse sie nicht. Sicher schrecke aber der Ruf des Berufs viele potenzielle Interessierte ab – ein Job, der buchstäblich rund um die Uhr fordern kann, wie es auch Vincenz in der «Rundschau» schilderte. Das sei allerdings kein Spezifikum der Tiermedizin, sondern treffe medizinische Berufe generell.
Was sie an der Landwirtschaft überrascht hat
Auch ihr Bild von der Landwirtschaft selbst hat sich in den drei Wochen verschoben. Sie sei überrascht gewesen, wie unterschiedlich Betriebsleitende mit ihren Tieren umgehen – von grossem Fachwissen und echtem Interesse bis zu spürbarem Desinteresse liege die Bandbreite in Gesprächen erstaunlich weit auseinander.
«Ich habe eigentlich die Erwartung, dass Bauern durchwegs Fachpersonen sind, die erkennen, ob es den Tieren gutgeht, ob sie alles haben, was sie brauchen. Diese Erwartung habe ich an sie.» Weiterbildung sei da sicher ein Thema – aber offenbar nicht überall gleich stark verankert.
Das habe sie nicht nur selbst beobachtet, sondern auch von Studierenden gehört, die ein vergleichbares Praktikum im Rahmen eines Agronomie-Studiums absolvieren. «Dieser Austausch ist unglaublich wertvoll. Was macht man eigentlich in anderen Studiengängen? Am Ende verfolgen wir ja alle das gleiche Ziel: gesunde Tiere und einen funktionierenden Hof.»
Wie sieht die Zukunft aus?
Der Tierärztemangel auf dem Land ist kein neues Problem – die «Rundschau» hat ihn im Mai eindrücklich dokumentiert, mit 12-Stunden-Tagen für die einen und der Sorge, überhaupt noch Personal zu finden, für die anderen. Neu ist, dass die beiden Fakultäten jetzt konkret reagieren: mit einem Pflichtpraktikum, das den Kontakt zu Nutztieren früh im Studium erzwingt, und mit der geprüften Erhöhung der Studienplätze.
Sonja Turtschis Geschichte zeigt aber auch die Grenzen dieser Massnahme. Der politische Wille allein löst das Problem nicht. Es braucht genügend Praktikums- und später Rotationsplätze, damit die künftigen Tierärztinnen und Tierärzte diese Erfahrung überhaupt machen können – der Platz ist knapp, nicht nur im Hörsaal, sondern auch in der praktischen Ausbildung danach, in Tierarztpraxen.
Und es braucht, wie Turtschi es selbst erlebt hat, eine echte Anlaufstelle für jene Studierenden, die noch keinen Zugang zur Landwirtschaft haben. Genau hier können die Bauernbetriebe des Landes ansetzen: mit offenen Türen für Praktikantinnen und Praktikanten ohne eigene Hofverbindung – im Wissen, dass diese drei Wochen mitentscheiden können, ob aus einer Studentin später eine Tierärztin wird, die auch auf dem Land bleibt.

