Im Juni 2022 legte der Bundesrat den Bericht «Zukünftige Ausrichtung der Agrarpolitik» vor. Darin beschreibt er ein Zukunftsbild für das Jahr 2050.
Die Inlandproduktion soll mehr als die Hälfte des Bedarfs decken, und die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft soll gegenüber 2020 um die Hälfte steigen. Die Treibhausgase der Produktion sollen mindestens 40 Prozent unter dem Stand von 1990 liegen. Nährstoffverluste sollen die Umwelt nicht mehr überlasten, und die Lebensmittelverluste sollen um drei Viertel sinken. Und die Bevölkerung soll sich gesund und ausgewogen ernähren, nach der Schweizer Lebensmittelpyramide.
Das Parlament hat den Bundesrat danach verpflichtet, die nächste Agrarreform auf dieses Zukunftsbild auszurichten. Diese Reform ist die Agrarpolitik ab 2030, kurz AP30+. Seit September ist sie in der Vernehmlassung. In dieser Anhörung können Verbände, Parteien und Kantone Stellung nehmen. Im Bericht zur Vorlage steht das Zukunftsbild als langfristiges Ziel noch vollständig drin. Für das Jahr 2033 legt der Bundesrat zudem Zwischenziele fest, an denen sich messen lassen soll, ob die Schweiz auf Kurs ist.
Für die Höfe: Ziele in Zahlen
Bei der Produktion sind die Ziele von 2022 in Zahlen übersetzt. Bis 2033 sollen die Treibhausgase der Landwirtschaft von 8,6 Millionen Tonnen im Jahr 2024 auf höchstens 6,5 Millionen Tonnen sinken. Für Stickstoff und Phosphor gibt es Zielwerte für die Verluste und für die Effizienz. Der Anteil der Ackerfläche, auf der Lebensmittel wachsen, soll von 39 auf mindestens 50 Prozent steigen. Bei der Arbeitsproduktivität ist das Ziel ebenfalls beziffert: Pro Vollzeitstelle sollen bis 2033 mindestens gut 66 000 Franken erwirtschaftet werden, heute sind es knapp 61 000 Franken. Für die Selbstversorgung gilt bis 2033 ein Ziel von mindestens 47 Prozent, zuletzt lag sie bei 42 Prozent.
Wie weit die Schweiz davon entfernt ist, zeigt die Zwischenbilanz im selben Bericht. Die Treibhausgase der Landwirtschaft sind in den letzten Jahren nicht gesunken. Das Stickstoffziel für 2030 dürfte um rund 3000 Tonnen verfehlt werden. Die Selbstversorgung ist rückläufig.
Für den Teller: keine Zwischenziele
Zwei Ziele von 2022 betreffen vor allem das Essen: die gesunde Ernährung nach der Lebensmittelpyramide und die drei Viertel weniger Lebensmittelverluste. Für beide gibt es in der AP30+ kein Zwischenziel. Der Bericht begründet das so: Wo andere Politikfelder für die Zielerreichung zentral seien, verzichte man auf Etappenziele. Zuständig seien die Ernährungsstrategie des Innendepartements und der Aktionsplan gegen Lebensmittelverschwendung. Die AP30+ solle dazu einen Beitrag leisten.
Laut Zwischenbilanz isst die Bevölkerung heute schon etwa so viel Milchprodukte wie empfohlen. Bei Fleisch und Zucker seien die Lücken aber gross, und dass sie bis 2030 geschlossen werden, sei wenig wahrscheinlich. Ein Zwischenziel gibt es nur für die Treibhausgase des Konsums: Sie sollen pro Kopf von 1,8 Tonnen im Jahr 2023 auf 1,4 Tonnen im Jahr 2033 sinken.
Erreichen will der Bund das freiwillig. Er setzt auf Abmachungen mit dem Detailhandel, und Gemeinden sollen Geld für Projekte erhalten, die eine gesunde Ernährung mit regionalen Produkten fördern. Gebote und Verbote hat der Bundesrat bei der Ausarbeitung der Vorlage grundsätzlich nicht geprüft. Eine im Bericht zitierte Studie kommt zum Schluss, dass freiwillige Beiträge ausserhalb der Agrarpolitik zwar wertvoll sind, die Entwicklung aber kaum grundlegend ändern dürften. Das gilt auch für die Beiträge des Detailhandels zum Konsum.
Warum der Teller zählt
Was es für die Höfe bedeutet, wenn sich beim Essen nichts ändert, hat Agroscope in einer Studie berechnet, die dieses Jahr erschienen ist. Die Forschungsanstalt des Bundes hat das Zukunftsbild von 2022 mit einem Rechenmodell durchgespielt. Fachleute des Bundesamts für Landwirtschaft haben die Arbeit begleitet. Im Bericht zur AP30+ wird die Studie nicht erwähnt. Die Zahlen beziehen sich jeweils auf die Entwicklung, die bis 2050 ohne die Ziele zu erwarten wäre.
Agroscope hat zwei Fälle gegeneinander gerechnet. Im ersten müssen nur die Bauern ihre Ziele erreichen, gegessen wird weiter wie bisher. Dann geht der Tierbestand um rund einen Sechstel zurück, damit die Klimaziele erreicht werden. Ausweichen können die Betriebe kaum, weil niemand mehr Gemüse oder Kartoffeln kauft. Die Landwirtschaft verliert 8 Prozent ihres Einkommens, im Tal 13 Prozent, das sind dort über 200 Millionen Franken. Die Selbstversorgung kommt kaum vom Fleck: Gut die Hälfte der Kalorien stammt aus dem Inland, wobei Fleisch und Milch aus importiertem Futter nicht mitzählen.
Im zweiten Fall ändert sich nur das Essen: mehr Gemüse und Kartoffeln, viel weniger Fleisch und Zucker, weniger Abfall. Die Betriebe können umstellen, das Einkommen sinkt nur um 2 Prozent, und fast drei Viertel der Kalorien kommen aus dem Inland. Die Studie folgert, dass die Landwirtschaft die Ziele allein nicht erreichen kann. Das Modell rechnet dabei mit gleichbleibenden Preisen.
Was die AP30+ den Betrieben bietet
Am deutlichsten passen Zukunftsbild und AP30+ beim Ackerbau zusammen. Im Modell wird rund fünfzehnmal so viel Hafer angebaut, Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen fast dreimal so viel, die Wintergerste nur noch auf gut einem Viertel ihrer Fläche. Die AP30+ sieht neu 1000 Franken pro Hektare für Hafer, Gerste, Hartweizen und Mais vor, wenn sie auf dem Teller landen. Für Hülsenfrüchte steigt der Beitrag von 1000 auf 1500 Franken. Für Kulturen, die verfüttert werden, wird er halbiert.
Beim Gemüse gehen die beiden Papiere auseinander. Im Modell trägt es den Umbau: Die Fläche wächst auf rund das Dreifache, der Erlös steigt auf über 1,8 Milliarden Franken. Klima, geeignete Böden und Arbeitsspitzen setzen dem laut Studie Grenzen. Eine Fördermassnahme für den Gemüsebau enthält die AP30+ nicht. Neu will der Bund aber die Preise für Früchte und Gemüse auf dem Weg vom Hof in den Laden genauer beobachten.
Für die Tierhaltung rechnet das Modell mit tiefen Einschnitten. Von den Schweinen bleibt rund ein Fünftel, die Mutterkühe gehen um 80 Prozent zurück. Die Milchkühe bleiben, die Milch wandert aber vom Tal ins Berggebiet. Wirtschaftlich trifft es die Hügelzone am härtesten. Dort sinkt das Einkommen um sechs Prozent, weil Alternativen zur Tierhaltung fehlen. Die AP30+ enthält keine Massnahme, die auf einen solchen Abbau zielt. Sie erhöht die Zulage für Milch, die zu Käse verarbeitet wird, um zwei Rappen pro Kilogramm und jene für silofreie Fütterung um einen Rappen. Im Hügel- und Berggebiet fällt der Offenhaltungsbeitrag weg. Das Geld fliesst in den Produktionserschwernisbeitrag, den es weiterhin nur gibt, wenn Tiere auf dem Betrieb stehen.
Die Debatte ist in der Vernehmlassung
Mehr pflanzliche Lebensmittel hatte auch die Ernährungs-Initiative verlangt. Das Stimmvolk lehnte sie am 27. September mit 72,5 Prozent ab. Wie viel vom Umbau die Höfe tragen und wie viel Handel und Konsum, wird nun in der Vernehmlassung zur AP30+ verhandelt. Spätestens Ende 2027 muss der Bundesrat dem Parlament die fertige Vorlage unterbreiten.

