Mit dieser zweideutigen Frage spreche ich zwei Themen an: Müssen wir in der Schweiz damit rechnen, dass in naher Zukunft die Energieversorgung nicht mehr garantiert ist? Und: Sind wir als Individuum, als Gesellschaft, als Staat noch stark genug, um Krisen zu akzeptieren und auszustehen?
Das kann es bei uns nicht geben...
Seit einigen Monaten hat ein neuer Begriff Eingang in unseren Wortschatz gefunden: «Energiemangellage». Dieses Wort bringt ein Risiko zum Ausdruck, das bei nüchterner Betrachtung schon länger besteht, das wir aber nicht wirklich wahrhaben wollten. Es widersprach schlicht unserem Selbstverständnis als Bewohner(innen) der reichen und perfekt organisierten Schweiz. Wenn wir von Strom-Blackouts in anderen Staaten hörten oder Bilder mit Autokolonnen vor Tankstellen sahen, dachten wohl die meisten: Das kann es bei uns nicht geben. Unser Glaube an die Zuverlässigkeit von Infrastrukturen und Lieferketten war zu gross, um solche Szenarien ernsthaft zuzulassen.
Auch Glück spielt eine Rolle
Dabei wissen wir seit vielen Jahren, dass Europa beim Gas vom Wohlwollen Russlands abhängig ist. Trotzdem wurden von 2016 bis 2021 noch bei 10 Prozent aller Neubauten neue Gasheizungen installiert. Und wir wissen ebenfalls seit vielen Jahren, dass die Schweiz im Winterhalbjahr auf Stromimporte angewiesen ist. Sind die Abflussmengen in den Flüssen zu gering, die Pegelstände in den Speicherseen während der Frühlingsmonate zu niedrig oder fallen Grundlast liefernde Kern- oder Wasserkraftwerke ungeplant aus, benötigen wir auch Glück. Das sind keine neuen Erkenntnisse. Sie waren schon lange vor dem Krieg in der Ukraine bekannt.
Konflikte zwischen Nutzungs- und Schutzinteressen lösen
Trotzdem haben wir es bisher nicht geschafft, die Energiewende so voranzutreiben, dass die Energieversorgung wirklich gesichert ist. Vor diesem Hintergrund hat die entstandene Unsicherheit vielleicht sogar etwas Gutes. Die Gewissheit, dass zu jeder Zeit unbeschränkt Energie zur Verfügung steht, gibt es nicht. Persönlich bin ich zwar zuversichtlich, dass wir die nächsten Winter gut überstehen. Eine Selbstverständlichkeit ist dies aber nicht. Es ist daher richtig, dass wir unsere Produktions- und Speicherkapazitäten rascher ausbauen und uns endlich ernsthafter der Frage annehmen, wie Konflikte zwischen Nutzungs- und Schutzinteressen gelöst werden sollen.
Die Bevölkerung hält mehr aus, als viele glauben
Der Stromverbrauch von Haushalten und Firmen lag im September dieses Jahres um 13 Prozent tiefer als im Durchschnitt der letzten sieben Jahre. Das zeigt zweierlei: Erstens, das Sparpotenzial ist gross. Und zweitens, wir Schweizer sind bereit, uns bei einer drohenden Krise freiwillig einzuschränken. Doch wie sieht es mit unserer Krisenfähigkeit aus, wenn eine Krise effektiv eintritt? Hier bin ich skeptischer. Wenn vonseiten des Mieterverbandes erwartet wird, dass ein Vermieter auch bei einer Mangellage für Wohnräume eine Temperatur von mindestens 19 Grad garantieren muss, zweifle ich am Realitätssinn. Und wenn bei einer Jahresteuerung von 3 Prozent nicht nur eine gezielte Unterstützung von Personen mit tiefen Einkommen gefordert, sondern vom Parlament die Giesskanne zur Hand genommen wird, dann beginne ich an der Krisenfähigkeit unserer Wohlstandsgesellschaft zu zweifeln.
Die Bevölkerung hält aber mit Bestimmtheit mehr aus, als viele Politiker(innen) glauben. Es wird zwar immer öfter nach dem Staat gerufen. Doch die Bereitschaft, eigenverantwortlich zur Bewältigung einer (drohenden) Krise beizutragen, ist noch immer gross genug. So schnell geht uns daher die «Energie» nicht aus.
Zur Person
Daniel Fässler ist Ständerat des Kantons Appenzell Innerrhoden und Präsident von Wald Schweiz. Er schreibt für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

