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Gastbeitrag: Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts - Für einen Mittelweg ohne Scheuklappen

Landwirtschaftliche Konzepte gibt es viele. Der freie Agrarjournalist David Eppenberger erklärt in seinem Gastbeitrag, warum das Ziel einer nachhaltigen Landwirtschaft ohne Scheuklappen und mit einem Mix von Rezepten angepeilt werden muss.

Regenerativ, konventionell, konservierend, industriell, integriert, biologisch oder Permakultur? Landwirtschaftliche Konzepte gibt es viele. Doch welches ist das richtige für das 21. Jahrhundert? Eine schwierige Frage.

Unmöglich, alle über einen Kamm zu scheren

Ich bin viel auf Bauernhöfen unterwegs und staune immer wieder über die Vielfalt: Vom Direktvermarkter mit 40 Gemüsesorten auf 4 ha über den Milch-Bergbetrieb, den viehlosen Ackerbauern bis hin zum Hydrosalat-Gewächshaus-Bewirtschafter. Alle über einen Kamm zu scheren ist unmöglich.

Trotzdem wird es immer wieder gemacht. Es ist der Komplexität der Landwirtschaft unwürdig, wenn selbst ernannte Agrarexperten mit stark vereinfachten Konzepten die Gunst der Öffentlichkeit suchen. Besonders aktuell ist der Pflanzenschutz. Der Biolandbau wird hier voreilig als Allheilmittel gegen alle Probleme propagiert.

Wer sich etwas intensiver mit der Materie beschäftigt – unter anderem die Landwirte selbst –, weiss aber, dass Schwarz-Weiss-Denken ein untaugliches Mittel ist. Wie überall im Leben liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Extrem verändertes Umfeld

Bäuerinnen und Bauern bewegen sich in einem Umfeld, das sich in den letzten 100 Jahren extrem verändert hat. Die Schweizer Bevölkerung hat sich mehr als verdoppelt, potenzielles Agrarland musste Strassen und Häusern weichen. Mehr Lebensmittel von weniger Fläche zu ernten, das war die wohl grösste Herausforderung der letzten fünfzig Jahre. Es ist den Bauern einigermassen gelungen; der Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln liegt bei immerhin rund 60%.

Die Produktqualität ist gut, die Ladenregale sind immer zuverlässig gefüllt. Die Lebensmittel sind zudem sicherer als je zuvor. Doch das System hat seine Grenze erreicht. Obwohl das Landschaftsbild immer noch einigermassen intakt ist, sind die negativen Folgen des «Produktionswunders» unübersehbar: «Ausgeräumte» Landschaften, einseitige Fruchtfolgen, Nährstoffüberschüsse oder der Verlust an Biodiversität beispielsweise.

Diese Entwicklung gefördert haben gestiegene Qualitätsansprüche und der anhaltende Preisdruck der Abnehmer. Und das sind in der Schweiz vor allem Coop und Migros, die 70% des Einzelhandels kontrollieren.

Detailhandel schwenkt Nachhaltigkeitsfahne

Beide schwenken gerne und oft medienwirksam ihre Nachhaltigkeitsfahnen. Konkret auf dem Acker bewirken sie eher das Gegenteil: Jedes Jahr bezahlen die Abnehmer den Bauern für ihre Produkte weniger. Was passiert? Diese müssen immer noch mehr aus ihren Böden holen mit den zuvor beschriebenen Folgen.

Anständige Löhne können längstens nicht mehr bezahlt werden. Wer nun übrigens meint, dass die Biobauern von dieser Entwicklung ausgenommen sind, der täuscht sich leider. Diese sind längst in der gleichen Tretmühle. Fairnesshalber darf man die Rolle des Konsumenten nicht unerwähnt lassen.

Er ist es, der im Laden nur die einwandfreien Äpfel herausfischt und die Aktions-Inserate aus der Hosentasche zieht. Oder gleich ins grenznahe Ausland fährt, um billig einzukaufen. Was dann natürlich wiederum ein Problem für den inländischen Handel ist.

Das Beste aus allen Landwirtschaftswelten

Um zurück zur Eingangsfrage zu kommen: Man sollte das Beste aus allen Landwirtschaftswelten zu einem neuen System vereinen, ohne Scheuklappen und Dogmatismus. Technologie spielt dabei eine Schlüsselrolle. Gespritzt wird dank leistungsfähigen Sensoren nurmehr gezielt und wenn möglich mit biologischen Pflanzenschutzmitteln, die schon heute auch im konventionellen Landbau häufig angewandt werden.

Dank Gentechnologie werden Pflanzen krankheitsresistenter und kommen mit wenig oder gar keinem zusätzlichen Pflanzenschutz aus. Hack-roboter machen Herbizide überflüssig und schonen den Boden. Salate werden in hocheffizienten Gewächs-häusern produ­ziert, damit auf den Feldern Platz für artenreiche Blumenwiesen frei wird.

Beim Thema Fleisch gilt: Weniger ist mehr. Beim Rindfleisch sollte das Futter von unseren Wiesen reichen. Eine standortgerechtere Produktion ist nötig. Es muss nicht alles, was irgendwie möglich ist, in der Schweiz produziert werden!

Natürliche Grenzen für Selbstversorgungsgrad

Ein gewisser Selbstversorgungsgrad sollte zwar bewahrt werden, doch die hohe Bevölkerungsdichte setzt diesem natürliche Grenzen. Es widerspricht aber auch meinen Vorstel­lungen von globaler Solidarität, im Inland nur noch hochpreisige Nahrungsmittel aus Permakulturen zu produzieren und den grossen Rest zu importieren. Ein Mittelweg ist nötig.

Klar ist: «meine» hier proklamierte Landwirtschaft des21. Jahrhunderts kostet etwas. Nachhaltig produzierte Lebensmittel eignen sich nicht für Billigkanäle. Preisdruck ist Gift für eine verantwortungsvoll betriebene Landwirtschaft.

David Eppenberger ist freier Agrarjournalist und Redaktor von «Der Gemüsebau»

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