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Drohender Mangel an Arbeitskräften durch «Keine 10-Millionen-Schweiz»?

Der Arbeitsmarkt ist eines der Hauptargumente gegen die Nachhaltigkeits-Initiative der SVP. Sie gefährde letztlich die Versorgungssicherheit, sagen die Gegner. Ein wichtiger Akteur – gerade in der Frage um ausländische Arbeitskräfte – hat sich noch nicht dazu geäussert.

Nach Meinung der SVP gibt es ohne Gegenmassnahmen durch die Zuwanderung bald zu viele Menschen in der Schweiz. Die Volkspartei warnt vor zubetonierten Landschaften, mehr Kriminalität und Stau sowie fehlendem Wohnraum, Überlastung des Gesundheitswesens und sinkender Bildungsqualität.

Das soll ihre Nachhaltigkeits-Initiative («Keine 10-Millionen-Schweiz») verhindern, indem sie in der Verfassung ein Maximum von zehn Millionen Menschen für die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz festlegt. Mitte Juni folgt die Volksabstimmung.

Die Landwirtschaftskammer des Schweizer Bauernverbands (Laka) hat zu dieser Vorlage die Stimmfreigabe beschlossen (wir berichteten). Andere Akteure positionieren sich klar, etwa die IG Agrarstandort Schweiz (Igas) und die IG Detailhandel. Beide lehnen die Nachhaltigkeits-Initiative ab.

Versorgungssicherheit bedroht

Die Igas sieht durch die Initiative nicht weniger als die Kerninteressen der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft bedroht. «Sie setzt wichtige internationale Handelsverbindungen unserer Branche aufs Spiel und gefährdet aufgrund eines zu erwartenden Arbeitskräftemangels die Versorgungssicherheit mit einheimischen Lebensmitteln», so die Argumentation der Igas.

Angesichts der demografischen Alterung der Schweizer Bevölkerung und immer mehr pensionierter Fachkräfte sei die Initiative gefährlich. Es bestehe letztlich das Risiko, dass die Verarbeitungsindustrie ihre Produktion dorthin verlagert, wo die Arbeitskräfte seien – «ins Ausland».

Auf Linked-In weist Igas-Geschäftsführer Christof Dietler die SVP auf einen scheinbaren Widerspruch hin: «Versorgungssicherheit müsste der SVP wichtig sein.» Daher hätte die Partei ihre Initiative anders formulieren müssen.

Detailhandel lehnt die Initiative ab

Die Migros erklärt in ihrem wöchentlichen Magazin die Haltung der IG Detailhandel, zu der sie zusammen mit Coop und Denner gehört. Man lehne die Nachhaltigkeits-Initiative ab, da sie die guten Beziehungen der Schweiz zur EU – dem wichtigsten Handelspartner unseres Landes – gefährde.

Eine Annahme würde aus Sicht der IG Detailhandel erhebliche Unsicherheiten für die Wirtschaft schaffen, etwa durch Investitionsrisiken, Beschaffungsengpässe, steigende Produktionskosten und Umsatzeinbussen. «Zudem würde der Arbeitskräftemangel weiter verschärft, auch im Agrar- und Lebensmittelsektor, der stark auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist.»

Müsste die Schweiz die Persönenfreizügigkeit künden?

Gemäss Laka arbeiten heute über 50 000 familienfremde Arbeitskräfte auf Schweizer Bauernhöfen, wovon schätzungsweise 35 000 Personen aus dem EU‑Raum stammen sollen. Die Nachhaltigkeits-Initiative verlangt je nach Entwicklung zwecks Bremsung des Bevölkerungswachstums explizit die Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens.

Das würde gemäss Laka die Verfügbarkeit von Arbeitskräften infrage stellen. «Die Zuwanderung in die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz erfolgt mehrheitlich aus dem EU-/EFTA-Raum und im Rahmen des Personenfreizügigkeitsabkommens», schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft zur Nachhaltigkeits-Initiative, und weiter: «Die Ursache dafür ist in erster Linie die Nachfrage der Schweizer Wirtschaft nach Arbeitskräften.»

Gemüseverband wartet

Ein grosser Teil der ausländischen Arbeitskräfte in der Schweizer Landwirtschaft ist im Gemüsebau beschäftigt. Bisher hat der Verband Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP) aber noch keine Position zur Nachhaltigkeits-Initiative bezogen.

«Die internen Prozesse beim VSGP sind noch im Gange», erklärt Markus Waber, stellvertretender Direktor des Verbands, auf Anfrage der BauernZeitung. Daher könne man sich noch nicht abschliessend zu diesem Thema äussern.

Werner Salzmann, Berner SVP-Nationalrat und seines Zeichens Präsident des VSGP, hat im Parlament aber klar die Nachhaltigkeits-Initiative verteidigt. Sie schaffe die Möglichkeit, die Zuwanderung zu steuern.

«Es ist klar, dass wir Kontingente schaffen müssen, aber wir bestimmen, wer wann in die Schweiz kommt und in welche Branche», sagte Salzmann während der Debatte in der vergangenen Wintersession. Das Parlament hat sich im Dezember 2025 schlussendlich dem Bundesrat angeschlossen – beide lehnen die Nachhaltigkeits-Initiative ab und es gibt keinen Gegenvorschlag.

Kosten und Nutzen der Migration

In der Wintersession hat der Bundesrat aber in dieser Sache noch einen Auftrag erhalten. Er muss in einem Bericht umfassend Kosten und Nutzen der Migration für die Schweiz darlegen – «im Besonderen unter Betrachtung eines durch eine neue Volksinitiative vorgesehenen Einwanderungsstopps.»

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