Die Schweiz kennt ihr Futtermittel-Problem seit 40 Jahren und löst es bis heute nicht

Schon 1982 war die Abhängigkeit der Schweizer Fleisch- und Eierproduktion von importiertem Kraftfutter bekannt. Chefredaktorin Simone Barth zeigt, warum sich daran bis heute nichts geändert hat – und was das mit Mercosur zu tun hat.

Jüngst habe ich einen Bericht gelesen, der mich seither beschäftigt. Er stammt vom Oktober 1982, verfasst von einer Nationalratskommission, die sich mit einer Volksinitiative befasste – «gegen übermässige Futtermittelimporte und Tierfabriken». Die Kommission stellte fest, was damals offensichtlich war: Die Schweiz produziert Fleisch auf importiertem Boden. Die Abhängigkeit von ausländischem Kraftfutter unterhöhlt den Anspruch der bodengebundenen Produktion. Es braucht Höchstbestände, Stallbaubewilligungen, Anreize für betriebseigene Futterbasis.

Die Initiative scheiterte. Das Landwirtschaftsgesetz wurde moderat angepasst. Und dann kamen vierzig Jahre Agrarpolitik. In den 1990er-Jahren der grosse Systemwechsel: weg von der Preisstützung, hin zu Direktzahlungen, gebunden an ökologische Leistung. Ein Paradigmenwechsel, der weltweit beachtet wurde. Dann AP 2002, AP 2007, AP 2011, AP 2014, AP 22+. Ressourcenprogramme, Zielvereinbarungen, Aktionspläne. Jede Legislatur: neue Instrumente, neue Versprechen, neue Berichte. Und das Ergebnis? Ein Blick auf die aktuellen Zahlen gibt die Antwort.

Die Zahlen sind heute schlechter als damals

Laut Agristat-Futtermittelbilanz stammen beim Futter für Schweizer Schweine und Hühner gerade noch 39,6 Prozent aus dem Inland, gemessen in Trockensubstanz. Beim Protein ist es noch weniger: Nur 27 Prozent des Rohproteins im Monogastrierfutter kommen aus der Schweiz und dieser Anteil sinkt: 2022 waren es noch 29,4 Prozent, 2023 noch 27,5 Prozent, 2024 noch 27,1 Prozent.

Agroscope hat es 2023 vorgerechnet: 63 Prozent des Kraftfutters importiert, Futtermittelimporte zwischen 2001 und 2021 um 85 Prozent gestiegen. Der Netto-Selbstversorgungsgrad ist 2024 auf 42 Prozent gesunken – neuer Tiefstwert seit Beginn der Berechnungsreihe.

Geflügel, Hochleistungskühe, schrumpfende Weiden

Woran liegt das? Nicht an fehlendem Wissen. Die Treiber sind bekannt und messbar. Die Geflügelproduktion wächst – über 13 Millionen Hühner stehen 2025 in Schweizer Ställen, und Geflügel ist die einzige Tierkategorie, die zulegt.

Hühner und Schweine fressen kein Gras; sie brauchen eiweissreiches Kraftfutter, das die Schweiz nicht selbst produziert. Die Milchleistungen steigen, und Hochleistungskühe kommen ohne Kraftfutterzusatz nicht aus, auch wenn sie Wiederkäuer sind. Und die Weiden schrumpfen: Die Dauergrünfläche ist zwischen 2023 und 2025 von 58,1 auf 57,5 Prozent der Nutzfläche zurückgegangen, der Silomaisanbau wuchs gleichzeitig um 3,2 Prozent auf fast 51 000 Hektaren.

Grössere Ställe, Robotermelksysteme, Hochleistungszucht. Das macht Weidegang unwirtschaftlicher und Kraftfutterzukauf unvermeidlicher. Die heimische Sojaanbaufläche hat seit 2020 zwar um 67 Prozent zugelegt. Auf 3400 Hektaren. In einem Land mit einer Million Hektaren Nutzfläche.

Mercosur zieht den Teufelskreis enger und liefert das Feindbild gleich mit

Das EFTA-Mercosur-Freihandelsabkommen, im September 2025 unterzeichnet, wird oft in einem Atemzug mit der Futtermittelabhängigkeit genannt. Und tatsächlich hängt es enger damit zusammen, als die Zollkontingente allein vermuten lassen.

Diese betreffen vor allem Fleisch – 3000 Tonnen Rind-, 1000 Tonnen Geflügel-, je 200 Tonnen Lamm- und Schweinefleisch –, dazu kleinere Mengen Speiseöl und Futtergetreide. Sojaschrot, das eigentliche Eiweissfuttermittel, ist schon heute weitgehend zollfrei und kommt in den Kontingentslisten gar nicht separat vor.

Der Wettbewerbsdruck durch günstigeres Importfleisch wirkt aber genau in die Richtung, die den Trend seit Jahrzehnten prägt: Wer mit billigerer Importware mithalten muss, gleicht das am ehesten über höhere Leistung pro Tier aus – mehr Milch pro Kuh, mehr Fleisch pro Poulet, schnelleres Wachstum. Und das geht kaum ohne mehr Kraftfutter.

Der Teufelskreis dreht sich damit nicht einfach weiter, er zieht sich enger: Mehr Konkurrenzdruck bei Fleisch erhöht den Anreiz zur Intensivierung, und Intensivierung erhöht den Bedarf an importiertem Eiweiss. Der Bauernverband rechnet wegen des Abkommens mit jährlichen Produktionswerteinbussen von 70 bis 115 Millionen Franken. Der Nationalrat hat der Ratifizierung Mitte Juni 2026 zwar einen Dämpfer verpasst – mit 96 zu 86 Stimmen abgelehnt, samt dem 880-Millionen-Verpflichtungskredit, der die Landwirtschaft hätte abfedern sollen. Das Geschäft liegt jetzt beim Ständerat, vom Tisch ist es damit nicht.

Der Pakt mit dem Teufel

Schon im Vorfeld des Entscheids hatte sich das Bild der Bauern in der breiten Presse verhärtet. Eine Woche vor der Abstimmung warf in der SRF-«Arena» ein Vertreter der Exportwirtschaft Bauernpräsident Markus Ritter vor, mit seinem Schulterschluss mit SP und Grünen einen Pakt mit dem Teufel einzugehen.

Nach der Ablehnung wurde der Ton nicht milder: Der Blick berichtete über einen Erpressungsvorwurf aus dem bürgerlichen Lager, dem sich der Bauernverband entgegenstellte. Die Weltwoche ordnete Ritters Vorgehen zwar als politisch nicht aussergewöhnlich ein, hielt aber fest, dass es ihm heftige Kritik eingetragen habe. Und in der NZZ eskalierte der Streit zusätzlich in der Sache: Ritter wirft dem Bundesrat vor, sich bei der Folgenabschätzung auf ein veraltetes Agroscope-Gutachten von 2020 gestützt zu haben – das zuständige Departement widerspricht. Der Tenor in der breiten Presse bleibt weitgehend derselbe: Bauern blockieren aus Eigeninteresse den Wohlstand des Landes.

Was in dieser Erzählung fehlt: Die Bauern sind hier nicht die Urheber des Problems, sondern die Leidtragenden eines Strukturfehlers, der seit 1982 dokumentiert und nie behoben wurde. Wer den Bauernverband allein für sein Nein verantwortlich macht, verwechselt Symptom und Ursache – die eigentliche Frage, wer diese Importlogik über vierzig Jahre hinweg toleriert hat, ohne das Grundproblem zu beheben, bleibt unbeantwortet.

Rational im Einzelnen, irrational im Ganzen

Das ist das Muster, das sich seit 1982 wiederholt: Nicht die Erkenntnis fehlt, sondern die Konsequenz. Importiertes Eiweiss ist billiger als einheimisches – ein Resultat von Handelspolitik, fehlenden Lenkungsabgaben und einer Agrarkommunikation, die lieber den Bruttoselbstversorgungsgrad nennt als den Nettowert. Denn der Bruttowert klingt besser. 50 Prozent statt 42. Niemand muss unangenehme Fragen beantworten.

Alle handeln rational: die Importeure, die Tierhalter, der Handel, die Konsumenten. Das Ergebnis ist kollektiv irrational. Und politisch bequem genug, um es so zu lassen.

Die Frage, die bleibt

1982 war die Diagnose klar. 2026 ist sie es immer noch. Die Frage ist nicht mehr, ob wir das Problem kennen, sondern wie lange wir uns noch leisten wollen, es nicht zu lösen.

Weiterlesen

  • SVP gewinnt: Bauernfraktion legt im Berner Grossrat deutlich zu

    Berner Bauernverband lüftet Geheimnis um Ehrenkodex

    Der Berner Bauernverband soll Kandidierende zu einem geheimen Ehrenkodex verpflichten – ein möglicher Konflikt mit dem Instruktionsverbot. Nun macht der Verband das Papier öffentlich und erklärt gegenüber der BauernZeitung, was wirklich drinsteht.
    Show more
    Plus
  • Wenn sich Pferdeaktivstall und Schweinemast optimal ergänzen

    Plus
  • Die zweite gute Ernte in Folge und trotzdem Importe: Fenaco erklärt die Lage

    Plus