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Bäuerinnen-Leben am anderen Ende der Welt: Ein Besuch in Mynamar

Eine Bäuerin in Myanmar, ehemals Burma, hat ein total anderes Leben als eine Bäuerin in der Schweiz. Ein Besuch unserer Autorin Agnes Schneider Wermelinger vor Ort.

Vor dem Haus rennen ein paar einzelne Schweine und Hühner herum. Etwas weiter entfernt hütet eine junge Frau einen Wasserbüffel. Was uns heute staunen lässt, war in der Schweiz vor vielleicht fünfhundert Jahren ganz ähnlich. In einem Shan-Bergdorf in Myanmar, dem ehemaligen Burma, treffen wir gleich mehrere Bäuerinnen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie wirken aufgestellt und offen, freuen sich über unseren Besuch und auch über die mitgebrachte handgesiedeten Seifen.

Geisterverehrung als Religion

Wir befinden uns in einem Dorf des Akha-Stammes. Obwohl knapp 90 Prozent der Bevölkerung Myanmars Buddhisten sind, ist es hier anders: Der Glaube der Akha ist wie bei anderen Stämmen der Animismus. Die Bergvölker leben eine grosse Ahnenverehrung und glauben an verschiedene Geister. Ihr Motto lautet: Alles ist beseelt. Jetzt ist auch klar, was das kleine Häuschen am Dorfeingang war: Es war der Nat-Schrein, das Geisterhäuschen. Der Führer erklärt, dass auch Buddhisten oft an Nats, also an Geister glauben. Gleich erklären die Bäuerinnen, mit denen wir uns mithilfe des einheimischen Reiseführers sehr gut unterhalten können, dass sie den Nats täglich opfern. Wir sehen auch, dass es in jedem Haus eine Art Altar gibt, wo den Geistern geopfert wird.

Vergleich Schweiz – Myanmar

Schweiz Myanmar

Fläche: 41'285 km2

Fläche: 676'578 km2

Besiedlung: 207 pro km2

Besiedlung: 82 pro km2

Einwohner: 8,6 Mio.

Einwohner: 55 Mio.

BIP: 705,50 USD

BIP: 68,67 USD

Bäuerinnen-Leben am anderen Ende der Welt: Ein Besuch in Mynamar

Die Shan-Region liegt im nordöstlichen Teil Myanmars. Beim roten Punkt liegen die besuchten Dörfer. (Grafik BauZ)

Junge Bräute und Polygamie

Rasch wird klar, dass das Familiengefüge in Myanmar ganz anders ist als in der Schweiz. Die Akha-Frauen, die mit Kohle geschwärzte Zähne haben, sind verheiratet oder verlobt. Die Bäuerinnen erzählen, dass sie mit rund 14 bis 16 Jahren geheiratet haben. In den Bergdörfern des Shaan-Staates ist Polygamie normal. Es ist also üblich, dass ein Mann mehrere Frauen hat. Die Bäuerinnen erklären, es sei die normalste Sache der Welt.

Es gibt hier sehr junge Mütter – und auch uralte. Verhütung ist kein Thema, denn die Sterblichkeitsrate bei Kleinkindern liegt nach wie vor bei rund 60 Prozent. Eine Frau erzählt, dass sie 12 Kinder hatte, acht seien vor dem vierten Lebensjahr gestorben. Was bei Schweizern grösste Betroffenheit auslöst, wird in Myanmar ohne grosses Wehklagen hingenommen. In der Gruppendiskussion sind sich die Frauen einig, dass dann ja wieder ein neues Kind komme und dass der Tod sowieso nicht endgültig sei. Er sei eine Station auf dem Weg des Lebens.

Nur keine Zwillinge!

Auf ihre grössten Sorgen angesprochen, kommt eine Antwort sehr schnell und gleich mehrmals: Die Angst vor einer Zwillingsgeburt. Auf Nachfrage erklären die Frauen, dass dies das Schlimmste sei, das jemandem passieren könne. Wenn Zwillinge geboren werden, werden sie sofort nach der Geburt getötet. Der Grund sei, dass eines der Kinder von einem bösen Geist besessen sei. Weil man nicht wisse welches, würden beide Kinder getötet. Anschliessend müsse das Paar ein Jahr ausserhalb des Dorfes in Abgeschiedenheit leben. Später dürfe es zurückkommen und ein neues Haus bauen, das nach Westen gerichtet sei.

«Chinesen-Büffel» mit Motor

Der grösste Teil der Bevölkerung der Region lebt von der Landwirtschaft, und die meisten Arbeiten werden von Hand erledigt. Zum Fuhrwerken werden Wasserbüffel oder Ochsen eingesetzt. Äusserst selten sieht man ein Vehikel mit Motor. Die Frauen erzählen mit einem Lachen, dass das ein «Chinesen-Büffel» sei.

In den Akha-, Ann-, Lahu- und Padaungdörfer werden in der Regel Reis, verschiedene Gemüse und vereinzelt auch Opium angebaut. In den Städten des Shan-Staates finden wöchentlich mehrere Märkte statt. Die Bäuerinnen machen sich an den Markttagen sehr früh auf, um ihre Waren zu verkaufen. Meist haben sie von verschiedenen Gemüsen ein paar Stück. Dann und wann kommen ein Huhn oder ein paar Eier dazu. Mit einfachen Webstühlen, am Boden sitzend, weben sie sehr schöne Schals und andere Prunkstücke. Auch im Sticken verfügen die Bäuerinnen über sehr grosse Fähigkeiten. Wie Schweizer Bäuerinnen hoffen die Frauen in Myanmar, ihre Produkte zu guten Preisen verkaufen zu können. Oft ist das nicht einfach: Es gibt zu viel auf dem Markt.

Alter und Erfahrung zählen

Während in der Schweiz vor allem die Jugend zählt, ist es in Myanmar umgekehrt: Hier zählen Alter und Erfahrung. Auch wenn es unter den Bergvölkern noch sehr viele Analphabeten gibt, in jedem Haus gibt es eine Art Stammbaum. Die Ahnen werden verehrt, und alte Leute geniessen höchstes Ansehen. Während in der Schweiz die Lebenserwartung bei rund 84 Jahren liegt, ist sie in Myanmar rund 20 Jahre tiefer. Das ist nicht verwunderlich, ist die medizinische Versorgung – vor allem auf dem Land – doch sehr schlecht.

Bei den indigenen Bergvölkern des Shan-Staates sind es meist die Schamanen, die sagen, ob und wie etwas geheilt werden soll. Die Dorfältesten haben das Sagen. Die Bäuerinnen sind sich einig, dass das nichts Schlechtes sei. Sie kennen es nicht anders und lehnen sich nicht auf. Sicher ist, Stress gibt es auf dem Land nirgends zu sehen. Die Bäuerinnen, die bei der Reisernte schwerste Säcke schleppten, machen einen total zufriedenen Eindruck – und das auch gegen Abend.

Fazit: Myanmar ist ein wunderschönes Land, doch wenn erlebt werden konnte, wie sich Frauen über eine kleine Seife riesig freuen, bleiben bei Schweizern ein paar Fragen offen …

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