ABO

Analyse: Was der Hunger der Welt mit der Heuernte in der Schweiz zu tun hat

Der weltweite Handel verbindet Nationen – und führt zu Abhängigkeiten und Einflussnahmen. Und der globale Handel führt dazu, dass die Heuernte in den Bergen und der Hunger der Welt eben doch einen Zusammenhang haben.

Weltweit leiden mehr als 800 Millionen Menschen Hunger. Alleine im Jemen sind derzeit 20 Millionen Menschen akut unterernährt. Zwei von drei Menschen gehen dort mit Hunger ins Bett. In der Schweiz laufen derzeit die Feldarbeiten auf Hochtouren. Hungrig ins Bett geht nur, wer sich keine Zeit zum Essen nimmt. Was aber verbindet die zwei Welten? Was hat der Hunger der Welt mit der Schweiz zu tun?

Selbstversorgung erwünscht

Auf den ersten Blick haben die Schweizer Landwirtschaft und die globale Ernährung kaum einen Zusammenhang. Wenn nämlich in den Schweizer Alpen das Vieh weidet, dann hat das zuerst vor allem mit der Offenhaltung der Kulturlandschaft, der Produktion von Alpkäse zu tun. So gesehen muss uns nicht kümmern, wenn in Jemen und in Syrien die Bevölkerung Hunger leidet. Bei dieser Betrachtungsweise von Bedeutung ist lediglich die Unabhängigkeit und daraus folgend der Selbstversorgungsgrad. Je höher umso unabhängiger, umso besser. Diese Grundhaltung prägt nicht nur die Politik in der Schweiz, auch im Ausland wird ein hoher Selbstversorgungsgrad positiv bewertet und mit Souveränität und Selbstbestimmung verbunden.

Was sich auf den ersten Blick ganz plausibel anhört, hält einer genaueren Prüfung allerdings nur teilweise stand. Grund dafür ist der Handel mit Lebensmitteln und Agrarrohstoffen. Auf diesen ist auch die Schweiz angewiesen; ob es uns passt oder nicht, rund die Hälfte der benötigten Esswaren werden importiert. Und das legt nahe, dass der Hunger auf der Welt doch etwas damit zu tun hat, wie wir in der Schweiz Landwirtschaft betreiben.

Viel Kaufkraft gleich keine Probleme

Handel bedeutet in jedem Fall Warenaustausch. Dieser erfolgt bei Nahrungsmitteln unter ander anderem, wenn eine Hungersnot bekämpft werden muss. Oder er ist dann nötig (und vielleicht sinnvoll), wenn Konsumenten ein Luxusgut wie beispielsweise Schweizer Käse kaufen wollen und können. In dieser zweiten Ausprägung ist Ernährungssicherheit nicht mehr im Lichte der Produktionsgrundlagen und des Selbstversorgungsgrades zu sehen, sondern unter dem Aspekt der Kaufkraft. Die Gleichung ist einfach: Viel Kaufkraft gleich keine Probleme. In Kombination mit globalem Handel ist die wirtschaftspolitische Standardantwort «mehr Freihandel» richtig. Sie sichert den Zugang zu Nahrungsmitteln, vereinfacht den Warenaustausch und begünstigt die Ausrichtung an den eigenen Standortvorteilen. Konkreter: Wiederkäuer beweiden die Alpweiden, liefern Fleisch, Milch und Milchprodukte, die verkauft werden. Gleichzeitig werden pflanzliche Nahrungsmittel aus dem Mittelland zugekauft, um eine ausgewogene Ernährung für die Familie zu sichern.

Der Handel beeinflusst Kultur und Ökosysteme

Bei dieser wirtschaftsbasierten Betrachtung vergessen geht, dass der Handel längst nicht alle Probleme aus der Welt schaffen kann. Wer nämlich in Agrarmärkte eingreift und den Marktzugang für gewisse Produkte anpasst, der greift immer auch in lokale Kulturen ein. Wenn zum Beispiel durch ein Freihandelsabkommen statt des Alpkäses französischer Weichkäse gekauft wird, hat das für den Berglandwirt zur Folge, dass er unter Umständen keinen Absatz und damit kein Einkommen mehr hat. Die Folge: er muss sich neu ausrichten, was nicht immer einfach so geht. Dieser Druck verursacht Ernährungsunsicherheit, da plötzlich das Geld fehlt, um die übrigen Nahrungsmittel zu kaufen. Es geht aber noch weiter: Handel und damit auch Handelspolitik stellt immer einen Eingriff in lokale Ökosysteme dar. Mit dem Handel von Agrarprodukten werden auch Umweltlasten verschoben: Dünger fällt nämlich längst nicht mehr dort an, wo er gebraucht wird. Luzerner Bäuerinnen und Bauern können ein Lied davon singen, müssen sie doch Nährstoffe exportieren, damit sie ihre Felder nicht überdüngen.

Es ist deshalb nur sachlogisch, dass um die Umwelt besorgte Gruppen eine Landwirtschaft wollen, die mit möglichst geringer Umweltwirkung produziert. Die Frage ist dabei, was das genau heisst, zumal die Landwirtschaft die Umwelt gestaltet. Aus dieser Sicht könnte es sogar legitim sein, der Trinkwasser-Initiative zuzustimmen.

Ressourcen nutzen und schützen

Allerdings wäre das der falsche Weg; es wäre unverantwortlich und unethisch. Es wäre unverantwortlich, die in der Schweiz verfügbaren Ressourcen nicht optimal zu nutzen. Es widerspräche nicht nur der Wirtschaftstheorie, es wäre auch gegenüber jenen Menschen unethisch, denen wir mit unser Kaufkraft das Essen wegkaufen müssten, sofern die Agrarproduktion tatsächlich zurückgehen sollte. Genauso falsch wäre es aber auch, die Landwirtschaft auf Teufel komm raus zu intensivieren, wie das andere Gruppierungen wollen. Denn es hat schlicht keinen Wert, vorhandene Ressourcen zu übernutzen. Es gibt keinen Grund, Importgüter, die unter geringeren Umweltlasten hergestellt werden können und verfügbar sind, nicht zu importieren. Man könnte sie sogar nach Schweizer Standards anbauen lassen – dann hätte man den berühmten Fünfer und das Weggli: gute Produkte, zu den bestmöglichen Konditionen hergestellt.

Will die Landwirtschaft ihren Teil der Verantwortung im globalen Ernährungssystem tragen, muss sie die eigenen Ressourcen sinnvoll nutzen und schützen. Was passiert, wenn das nicht gelingt bzw. gar nicht möglich ist, kann man in Syrien und im Jemen beobachten.

Weiterlesen