Mitte September kursierten in den Medien Stundenlöhne für verschiedene Betriebszweige der Landwirtschaft. Sie stammen aus einer Studie des Ökonomen Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten SO, die der Verein Faire Märkte Schweiz in Auftrag gegeben hatte.
Für die Milchproduktion wies sie einen durchschnittlichen Stundenlohn von 8.30 Franken aus. In der Rindviehmast waren es 7.90 Franken, in der Mutterkuhhaltung 4.30 Franken. Der Pflanzenbau schnitt deutlich besser ab: Bei den Zuckerrüben waren es knapp 56 Franken, beim Raps 73.60 Franken. Nicht wenige Milchbauern dürften sich gefragt haben, ob sie wirtschaftlich tatsächlich so schlecht dastehen. Auch viele Leserkommentare zweifelten an den Zahlen.
«Die Publikation solcher Ergebnisse erachten wir nicht als zielführend», sagt Daniel Hoop von der Gruppe Unternehmensführung und Wertschöpfung bei Agroscope in Tänikon TG. Die Studie stützt sich zwar auf Daten von Agroscope. Gerechnet wurde aber nach einer anderen Methode als der, die Agroscope standardmässig verwendet.
Eine Zahl reicht nicht
«Die Sachlage ist viel zu komplex, als dass man die wirtschaftliche Lage eines Betriebszweigs mit einer einzigen Zahl darstellen könnte», sagt sein Agroscope-Kollege Christian Gazzarin. Schon der Stundenlohn an sich sei eine problematische Grösse, weil die Arbeitszeit bei der Berechnung so stark ins Gewicht falle.
Wie schief solche Zahlen werden können, zeigt ein bewusst zugespitztes Beispiel aus dem extensiven Ackerbau: Mit Brachland lassen sich pro Hektare mehrere Tausend Franken Direktzahlungen einnehmen. Weil kaum Arbeit anfällt, ergibt das rasch einen Stundenlohn von über 100 Franken.
Damit die Schweizer Landwirtschaft nicht verbracht wird, hat der Bund aber verschiedene Vorschriften erlassen. «Auch bei anderen Produktionszweigen gibt es Restriktionen wie beispielsweise Fruchtfolgerestriktionen oder Tierhöchstbestände. Sie begrenzen sinnvollerweise die Ausdehnung eines Produktionszweiges, obwohl der Stundenlohn vermeintlich gut ist», sagt Gazzarin.
Sieben Tage Pikett
Auf dem Acker bleibt die Arbeitszeit überschaubar. In der Tierhaltung dagegen hat die Woche immer sieben Arbeitstage, und dazu kommen faktisch 24 Stunden Pikettdienst. Doch auch unter den Tierhaltern gibt es Unterschiede.
«Geflügel und Schweine verdienen pro Stunde besser, weil sich die Fütterung viel einfacher automatisieren und vor allem die Futterproduktion auslagern lässt», sagt Daniel Hoop. In der Milchproduktion, die auf Grasland beruht, muss das Futter dagegen weitgehend selbst produziert werden.
Eine Automatisierung rechnet sich erst bei grösseren Beständen. Dieser höhere Arbeitsaufwand drückt den Stundenlohn schnell nach unten.
Was wären die Alternativen?
Was nützen solche Vergleiche also dem einzelnen Betrieb? Entscheidend seien oft die Alternativen, die ein Betrieb habe, sagt Christian Gazzarin. Man könne immer mit einem Lohn ausserhalb der Landwirtschaft vergleichen und einen Ausstieg aus der Milch in Erwägung ziehen.
«Dabei gehen aber Privilegien verloren, die auf einem Milchbetrieb einzigartig sind: die unternehmerische Freiheit, die Arbeit mit den Tieren und auch die interessante Herausforderung, es nächstes Jahr besser zu machen.» Hinzu kommt, dass viele Milchbetriebe reine Graslandbetriebe sind. Als andere Nutzung ihres Landes bleibt ihnen nur die Rind- oder Lammfleischproduktion.
Das Einkommen pro Hektare zählt
Wer weiterhin in der Landwirtschaft tätig sein und insbesondere im Grünlandgebiet ein Einkommen für sich und die Familie erwirtschaften will, sollte nach Ansicht der beiden Agroscope-Fachleute auf eine andere Grösse schauen, nämlich das Einkommen je Hektare. «Und hier braucht sich die Milchproduktion keinesfalls zu verstecken», sagt Daniel Hoop. Die Flächeneinkommen liegen deutlich über jenen der Mutterkuhhaltung und können auch mit Betriebszweigen im Ackerbau mithalten.
Ist einmal in die Milchproduktion investiert, macht es zudem keinen Sinn mehr, wegen des tieferen Stundenlohns auf Ackerbau umzustellen. «Das Geld ist ausgegeben. Die Fixkosten in Form von Abschreibungen, sogenannte ‹versunkene Kosten›, fallen ohnehin an. Das heisst: Tiefe Stundenlöhne sind auch eine Folge von unbedachten Investitionen. Darum sollte man vor der Investition gut kalkulieren», sagt Christian Gazzarin.
Kleine Betriebe drücken den Schnitt
Wichtig ist auch, wie ein Durchschnittswert zustande kommt. Er umfasst Milchbetriebe, die sehr gut verdienen, aber auch solche, die ihn mit teilweise sogar negativen Stundenlöhnen nach unten ziehen. Diese werden mit der Berechnungsmethodik von Binswanger übergewichtet.
In der Regel sind das Betriebe mit weniger als 15 Hektaren. Sofern sie keine Spezialkulturen haben, erwirtschaften sie das Einkommen hauptsächlich im ausserlandwirtschaftlichen Nebenerwerb. Wegen der versunkenen Kosten kann es zwar sinnvoll sein, weiterhin Milch zu produzieren, doch solche Betriebe zehren oft vom Kapital und sind nicht nachhaltig, sagt Daniel Hoop.
«Aber die Milchproduktion ist keine Zwergziegenhaltung», sagt Christian Gazzarin. Sie ist der wichtigste Produktionszweig der Schweizer Landwirtschaft, und ein grosser Teil ihrer Produkte geht in den Export. Schon bei durchschnittlichen Schweizer Betrieben liegen die Vollkosten mindestens doppelt so hoch wie bei Betrieben im benachbarten Ausland. Umso wichtiger sei eine minimale Wettbewerbsfähigkeit, und dafür brauche es eine minimale Grösse. Nur so kommen nicht nur der einzelne Betrieb weiter, sondern die ganze Schweizer Milchwirtschaft.
Wie gross ein wettbewerbsfähiger Betrieb sein muss, hängt vom Milchpreis, vom Produktionssystem und vom Standort ab, weil die Direktzahlungen je nach Erschwerniszone unterschiedlich hoch sind. Im Tal sprechen die Agroscope-Fachleute ab rund 40 bis 50 Kühen von wettbewerbsfähigen Strukturen, im Hügel- und Berggebiet je nach Milchpreis ab 30 bis 40 Kühen. Zwar könnten auch grössere Betriebe nach einer Investition tiefere Stundenlöhne haben, doch sollte diese Phase auf 10 bis 15 Jahre befristet sein.
Äpfel mit Äpfeln vergleichen
Wer Milchproduktion und Ackerbau gegenüberstellt, vergleicht Äpfel mit Birnen, meinen die beiden Forscher. Viel interessanter wäre es, Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, also die Stundenlöhne innerhalb der Milchproduktion. Dafür bietet Agroscope mit AgriPerform ein Excel-Tool an.
Es macht die Kostenstruktur transparent, und jeder Betrieb kann sich mit einer ähnlich aufgestellten Referenzgruppe vergleichen. So lassen sich Stärken und Schwächen erkennen und auf der Kostenseite gezielt angehen. «Als Unternehmer kann ein Milchproduzent seinen Stundenlohn einzig erhöhen, indem er seine Kosten senkt», sagt Christian Gazzarin.

Stundenlöhne 2024 gemäss Agroscope
Milch, Berg, 11–17 GVE: 5.70 Fr.
Milch, Tal, 51–84 GVE: 21.50 Fr.
Intensive Rindviehmast Tal: 19.00 Fr.
Mutterkuhhaltung Tal: 8.25 Fr.
Zuckerrüben: 41.60 Fr.
Raps: 55.05 Fr.

