Weidemilch mit weniger Leistung: Wie ein Biohof Kosten senkt und Freiraum gewinnt

Helen und Christian Gyr setzen bei ihrer Weidemilchproduktion auf Kurzrasenweide, saisonale Abkalbung und einfache Technik. Ihre rund 40 Kühe erhalten kein Kraftfutter.

Als Helen und Christian Gyr im Jahr 2001 den Hof in Männedorf ZH übernahmen, schlugen sie den in der Milchproduktion üblichen Weg ein. Die Leistung der Herde stieg von 4500 auf 10 000 Kilogramm je Kuh und Jahr. Ein Red-Holstein-Vertrag und eine leistungsbetonte Zucht gehörten dazu. Das Umdenken begann auf einer Neuseelandreise des Paares nach der Hochzeit. Schon vor der Reise liebäugelten sie mit dem Low-Input-System, wie es Peter Thomet und Peter Kunz, damalige Dozenten an der HAFL, unterrichteten.

Heute führen Helen und Christian Gyr einen Bio-Milchviehbetrieb nach dem Low-Input-Prinzip. Seit 2017 wird biologisch bewirtschaftet. Die Kühe geben im Durchschnitt rund 5000 bis 6000 Kilogramm Milch, Kraftfutter wird keines eingesetzt.

«Es interessiert uns nicht nur, wie viel Milch eine Kuh gibt. Entscheidend ist, was diese Milch kostet», sagt Christian Gyr. Mehr Leistung verlange meist mehr zugekauftes Futter, aufwendigere Technik und höhere Investitionen. Damit könne der zusätzliche Milcherlös rasch wieder weg sein.

Kurzrasenweide als Herzstück

Im Zentrum des Systems steht die Kurzrasenweide. Von insgesamt 22 Hektaren Weideland stehen der Herde neun Hektaren ständig zur Verfügung. Während der Weidesaison können die Kühe diese Fläche Tag und Nacht nutzen. Weitere Weideparzellen sind nur über Strassenquerungen erreichbar, was den Aufwand deutlich erhöht.

In dem dicht bevölkerten Gebiet schaffen die weidenden Kühe von Gyrs ein positives Bild der Landwirtschaft und der Tierhaltung. (Bild: Familie Gyr)

«Die Kuh soll das Gras dort holen, wo es wächst», sagen Gyrs. Mähen, Zetten, Schwaden, Einführen und Vorlegen entfallen. Damit sinken Maschinen-, Diesel- und Arbeitsaufwand.

Graswachstum, Witterung und Tierzahl müssen auf der Kurzrasenweide zusammenpassen. Die schweren Böden sind bei Nässe empfindlich auf Tritt, halten dafür in trockenen Perioden länger Wasser. Gyrs setzen vorwiegend auf stabile Naturwiesen. Neusaaten spielen eine untergeordnete Rolle.

Einfach ist auch die Wasserversorgung. Ausgediente Badewannen mit Schwimmerventilen dienen auf den Weiden als Tränken.

Gras statt Kraftfutter

Die Kühe erhalten während der Vegetationszeit nur Weidegras. Kraftfutter wird keines verfüttert. Im Winter besteht die Ration nur aus Grassiloballen. Heu wird nur für die Pensionspferde produziert, die einen weiteren Betriebszweig bilden.

Mit dem Verzicht auf Kraftfutter nehmen Helen und Christian Gyr eine tiefere Milchleistung bewusst in Kauf. Dafür bleiben die Futterkosten und die Abhängigkeit von Zukäufen gering.

«Wir brauchen keine grossen Kühe», sagen Gyrs. «Sie sollen Gras fressen, jedes Jahr zur gleichen Zeit und selbstständig kalben und Milch mit guten Gehalten liefern.» Es wird in der Zucht die Drei-Rassen-Kreuzung angewendet mit Norwegischem Rotvieh, Kiwi-Cross und alter, bewährter, roter und schwarzer Friesiangenetik. Zur Anpaarungshilfe verwenden die Gyrs das aAa‑System. Das Zuchtziel: kompakte Tiere, die gesund und langlebig sind und dazu noch leicht kalben.

Gesunde und robuste Kühe, saisonale Abkalbungen und Kurzrasenweide gehören zur Strategie des Betriebes Gyr. (Bild: Familie Gyr)

Langlebigkeit hat einen hohen Stellenwert. In der Herde stehen Kühe, die zwölf oder 15 Jahre alt sind und weiterhin regelmässig kalben.

Tausend Liter Milch für jedes Aufzuchtkalb

Bei der Kälberaufzucht wird nicht an der Milch gespart. Jedes Kalb, das für die Remontierung bestimmt ist, erhält rund 1000 Liter Vollmilch. Zugekauftes Futter bekommen die Kälber keines. Sie lernen früh zu weiden.

Die Aufzuchtrinder werden im Aufzuchtvertrag gehalten. Damit sie später in die saisonale Abkalbung der Herde passen, wird ein Erstabkalbealter von 24 Monaten angestrebt.

Abkalben ab Mitte Januar

Vor vierzehn Jahren stellten Gyrs auf saisonale Abkalbung um. Die Abkalbesaison beginnt nach dem 15. Januar. Damit kommen die Kühe mit steigender Milchleistung ins Frühjahr und können das wachsende Weideangebot nutzen.

Die konzentrierte Abkalbung bringt intensive Wochen, dafür verteilen sich Kälberbetreuung und Besamungen nicht über das ganze Jahr.

Auch die Besamung folgt einem engen Zeitplan. Ab dem 15. April werden alle Kühe während drei Wochen künstlich besamt, deren weibliche Nachkommen dann für die Nachzucht dienen. Anschliessend läuft während rund acht Wochen ein geleaster Angus-Stier mit der Herde.

Ein Stall ohne Denkmalcharakter

Auch beim Stallbau wurde auf eine einfache Lösung gesetzt. Der Laufstall entstand 2005 und kostete dank viel Eigenleistung rund eine halbe Million Franken für 48 Kühe. Das entspricht rund 10 000 Franken je Stallplatz. Statt ein schlüsselfertiges Gebäude zu bestellen, importierte die Familie eine Stahlhalle aus Frankreich. Die Konstruktion kostete ungefähr 65 000 Franken und wurde weitgehend in Eigenleistung über einer Güllegrube aufgestellt.

Kein Luxus sondern nur das Nötigste. Der funktionelle Stall wurde mit wenig Aufwand gebaut. Auf unnötige Anschaffungen haben Gyrs bewusst verzichtet. (Bild: Familie Gyr)

Die Halle ist auf Fundamente geschraubt, rückbaubar und überspannt 18 Meter ohne Stützen. Grosszügige Abstände zwischen den Liegeboxen lassen später auch eine  andere Nutzung zu.

Für Gyrs gehört diese Flexibilität zur Wirtschaftlichkeit. Hohe Investitionen und Schulden würden den Betrieb über Jahre an die einmal gewählte Produktionsform binden.

Einfach melken

Gemolken wird in einem einfachen Achter-Swing-Over-Fischgrätenmelkstand, dessen Masse in Neuseeland übernommen wurde. Die Einrichtung kostete weniger als 20 000 Franken. Eine bestehende Absauganlage wurde weiterverwendet, weitere Aggregate wurden gebraucht beschafft. «Was nicht eingebaut ist, kann auch nicht kaputtgehen», sagt Gyr.

Nicht die Milchmenge entscheidet

Futterzukäufe, Maschinenstunden und Fremdkapital werden möglichst tief gehalten. Damit relativiert sich für Gyrs die Bedeutung der Milchleistung je Kuh.

Christian Gyr spricht vom «Hamsterrad»: höhere Leistungen, grössere Kühe, mehr Futterzukauf, teurere Gebäude – und schliesslich noch mehr Milch, um die zusätzlichen Kosten zu decken. «Prestige bezahlt keine Rechnungen», sagt er. Entscheidend sei nicht die produzierte Milchmenge, sondern die Differenz zwischen Erlös und Aufwand.

Lebensqualität gehört zur Rechnung

Helen und Christian Gyr wollen neben dem Betrieb Zeit für Familie, soziale Kontakte und Ferien haben. Landwirte aus der Umgebung bezeichnen Christian mit einem Augenzwinkern als «Holiday Farmer», einen «Ferien-Bauer». Er versteht das durchaus als Kompliment.

Alle drei Kinder von Gyrs haben Freude an der Landwirtschaft. Die älteste Tochter Selina ist gelernte Landwirtin und studiert zurzeit Agronomie an der HAFL.

Das saisonale System und die einfache Technik ermöglichen Ferien im Sommer und über die Festtage, was aber nur dank gut organisierter und bezahlter Personen möglich ist. Diese freie Zeit gehört für Gyrs ebenso zum Ergebnis des Betriebs wie das Einkommen.

Ihre Strategie ist damit klar: Gras möglichst direkt durch die Kuh nutzen, die Kosten tief halten, mit einer passenden Kuh arbeiten und Investitionen auf das Notwendige beschränken. Nicht möglichst viele Kilogramm Milch sind das Ziel, sondern ein Betrieb, der wirtschaftlich funktioniert und den Menschen, die ihn führen, Freiraum lässt.

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