Nach einem in Sachen Futterbau sehr herausfordernden Sommer steht die Frage im Raum, ob man das eigene Grundfutter analysieren lassen soll. Doch für wen lohnt sich eine solche Analyse?
Reto Tobler, Ressortleiter bei der Firma Hofmann Nutrition AG, meint: «Grundsätzlich für jede und jeden, der sein Grundfutter effizient verwerten oder auch optimieren will – egal ob Vollweide-, Bio- oder Hochleistungsbetrieb.» Je nach Ansprüchen und verfolgten Zielen sei es gut zu wissen, mit was für einem Futter man arbeite.
Benjamin Laville, Leiter Product & Innovation bei Melior, erachtet eine Analyse auf denjenigen Betrieben als sinnvoll, die ihre Ration aufgrund der Ergebnisse bedarfsgerecht anpassen oder ergänzen wollen. In manchen Fällen sei eine Analyse auch bei unerklärlichen Gesundheits- oder Leistungseinbussen nützlich. Voraussetzung sei, dass das analysierte Futter über einen längeren Zeitraum gefüttert werde und einen grösseren Anteil der Ration ausmache.
Was dieses Jahr beim Mais anders ist
Beim Silomais sei eine Analyse in diesem Jahr besonders sinnvoll, erklärt Reto Tobler. Man habe viele unterschiedliche Bestände gesehen und auch sehr verschiedene Erntezeitpunkte. Zudem unterscheide sich der Mais bezüglich des Kolbenanteils zum Teil sehr stark von anderen Jahren. Der Fachmann weist darauf hin, dass heuer eine CNCPS (cornell net carbohydrate and protein system) Analyse Sinn ergebe, da der Stärke- und Zellwandgehalt sowie die Verdaulichkeiten stark variieren könnten.
Auch Benjamin Laville teilt diese Meinung. Er beobachtete, dass vielerorts zu spät geerntet wurde, der Mais bereits zu trocken war und deshalb der TS‑Gehalt zu hoch ist. Stark beschädigte Bestände seien jedoch teilweise auch sehr früh und entsprechend mit tiefem Kolbengehalt siliert worden.
In anderen Regionen sind tiefe Kolbenanteile aufgrund des Hagels vorzufinden. Die Bodeneigenschaften würden aber heuer auch zu deutlichen Unterschieden führen. Schwere Böden mit Zugang zu Grundwasser seien gegenüber leichten Böden mit schlechter Speicherkapazität im Vorteil gewesen. So gebe es beim Mais nicht nur je nach Region, sondern auch innerhalb einer Parzelle grössere Unterschiede.
Der diesjährige Mais enthält laut Laville also durch den tieferen Kolbenanteil deutlich weniger Stärke. Dies müsse aber bei guter Faserverdaulichkeit der Restpflanze nicht zwangsläufig zu tieferen NEL/NEV‑Gehalten führen, so der Experte. Der Proteingehalt sei jedoch höher, da der reduzierte Ertrag zu einer geringeren Verdünnung des Stickstoffs in der Pflanze führe.

Was bedeutet der trockene Sommer für die Winterration?
Dieses Jahr fehle in vielen Teilen der Schweiz das Grundfutter und damit die nötige Struktur durch die Zellwände, bilanziert Reto Tobler. Nährstoffe wie Protein, Stärke und schnell lösliche Kohlenhydrate lassen sich ergänzen. Aber die wiederkäuergerechten, langsam abbaubaren Kohlenhydrate, die fehlen.
Dazu komme, dass Ersatzprodukte wie Zuckerrübenschnitzel oder Apfeltrester auch rar seien, weil die Erträge ebenfalls ungewiss waren, beklagt der Fachmann. Kartoffeln sind zwar keine Zellwandträger, wären aber auch eine Ergänzungsmöglichkeit, die heuer wiederum fehlt.
Benjamin Laville sieht beim Gras aus dem Frühjahr eine gute Qualität und vor allem viel Zucker. Im Herbst erwartet er hohe Eiweissgehalte, da die Leguminosen die Trockenheit besser überstanden haben als die Gräser. Ausserdem hat die Trockenheit die Stickstoffmineralisierung gebremst.
Wenn die Bodenmikroorganismen durch den Niederschlag wieder aktiviert werden, kann schnell viel Stickstoff freigesetzt werden. Wird dieser von der Pflanze aufgenommen, steigt der Rohproteingehalt. Auch bei einem guten Herbstaufwuchs könne jedoch vielerorts der fehlende Ertrag aus dem Sommer nicht kompensiert werden, stellt Laville klar.
Die Suche nach Lösungen
Bei fehlendem Futter müsse man kreativ werden und alternative Möglichkeiten wie Raufutterersatzwürfel oder den Einsatz von Stroh prüfen, rät Benjamin Laville. Er empfiehlt, Maissilagen mit niedrigem Stärkegehalt (unter 20%) und guter Verdaulichkeit der Restpflanze (über 69%) durch den Einsatz von strukturreichen Grundfuttermitteln und stärkereichem Ausgleichsfutter zu ergänzen.
Bei einer Maissilage mit niedrigem Stärkegehalt und geringer Verdaulichkeit der Restpflanze (unter 69%) müsse die Energiedichte der Ration deutlich erhöht werden. Dies gelinge zum Beispiel durch den Einsatz von Getreide, Trockenschnitzeln oder anderen energiehaltigen Nebenprodukten. Solche Silagen empfiehlt Laville eher für Tiere mit geringem bis mittlerem Leistungsniveau.
Zugekauftes Grundfutter analysieren
«Heu zuzukaufen ist nicht günstig, dann sollte man unbedingt wissen, was drin ist», meint Reto Tobler. Auch Benjamin Laville betrachtet die Analyse von zugekauftem Raufutter als sinnvoll. Teils würden sich die tatsächlichen Gehalte stark von der Deklaration unterscheiden. Grundsätzlich müsse aber der Lieferant die bestellte Qualität liefern. Wenn mengenmässig viel davon gefüttert werde und der Zweifel an der Qualität bestehe, könne eine Analyse bestimmt Sinn machen.
Tiefe Energie- oder Proteingehalte können gemäss Laville mit entsprechendem Ausgleichsfutter kompensiert werden. Zu schlecht verdaulichem Heu könne man leicht verdauliche Komponenten wie Zuckerrübenschnitzel oder entsprechende Raufutterergänzungswürfel geben.
Analyse nach CNCPS
Die Futtermittelanalyse nach CNCPS ist ein an der Cornell-Universität in den USA entwickeltes Rationsberechnungs-Modell. Es bewertet Futtermittel dynamisch und biologisch im Vergleich zu den bekannten rein statischen und chemischen Methoden. Basierend auf den bekannten Analysen Weender und Van Soest wird es durch die genaue Betrachtung der Verdauungsvorgänge im Pansen erweitert.
Bei der Hofmann Nutrition AG werden Grundfutteranalysen ausschliesslich nach dieser Methode durchgeführt. Reto Tobler möchte nicht mehr darauf verzichten müssen. Bei den rein statischen Analysen fehlen ihm die Angaben zur Verdaulichkeit. Auch Informationen zu den Mineralstoffen und den Gärsäuremuster würden häufig fehlen, beklagt er. Dabei seien diese Informationen essenziell, um das Grundfutter und dessen Qualität richtig interpretieren zu können und für die Galtkuhrationen. Häufig werde dort gespart, dann kaufe man Mineralstoffergänzungen und wisse nicht, was im Grundfutter bereits vorhanden wäre. Auch das Rationsberechnungsprogramm ist auf dem CNCPS-Modell aufgebaut.
Die Proben werden von den Mitarbeitern der Hofmann Nutrition AG möglichst repräsentativ gezogen, direkt verpackt und nach Amerika versendet. Die Resultate werden schriftlich kommentiert und mögliche Anpassungen werden besprochen. Tobler empfiehlt, die wichtigsten zwei bis drei Grundfutter zu analysieren.

Die Verdaulichkeit nicht vernachlässigen
Der hilfreichste Unterschied zwischen den herkömmlichen und den dynamischen Analysemethoden sieht Reto Tobler bei der Darstellung der Verdaulichkeiten. Herkömmliche Analysen würden nach 30 Stunden eine Ein-Punkt-Verdaulichkeit abbilden. Unverdauliche Zellwände werden mit einer Formel aus Lignin berechnet. Die CNCPS-Methode misst die Zellwand-Abbaugeschwindigkeit bei drei bis vier Zeitpunkten.
Das sei das, was der Landwirt feststelle, wenn das Futter in einem Jahr «gut melkt», in einem anderen gar nicht oder wenn es in einem Jahr länger hinhält. Tobler erklärt: «Wenn das Futter besser verdaulich ist, kann die Kuh auch mehr davon fressen, weil schneller wieder Platz im Pansen verfügbar ist.» So sei logischerweise auch der Heustock eher leer.
Damit die Nährstoffe für Gesundheit, Milchleistung und Fruchtbarkeit zur Verfügung gestellt werden können, müssen die Verdaulichkeiten bekannt sein. «Das heisst nicht, dass man mit den herkömmlichen Methoden nicht rechnen kann, aber man ist mit dieser Methode viel genauer», sagt der Fachmann. Die wichtigste Frage sei jedoch, was die Kuh am Ende des Tages tatsächlich fresse. Denn wenn die Nährstoffe im Futter gut seien, die Silagequalität aber mangelhaft, nütze die beste Analyse nichts.

