ABO

Mit Schweizer Lohn will ein junger Bauer seinen Hof in Rumänien weiterentwickeln

Bären bedrohen in seiner rumänischen Heimat Mensch und Tier. In der Schweiz verdient Szabolcs Balázs Geld, um seinen eigenen Betrieb zukunftsfähig zu machen.

55-Stunden-Woche, körperlich anstrengende Arbeit und ein Arbeitsort, der 1500 Kilometer von zu Hause entfernt liegt: Das Leben von Menschen aus Rumänien, die auf Schweizer Landwirtschaftsbetrieben arbeiten, scheint weit weg von der bei uns viel gepriesenen Work-Life-Balance zu sein.

Szabolcs Balázs ist mit diesen Arbeitsbedingungen allerdings zufrieden. «Hier in der Schweiz arbeite ich zehn Stunden und habe dann Feierabend. Ich kann mit meiner Freundin essen, etwas unternehmen und den Abend geniessen», erklärt der 29‑Jährige. Am Samstagnachmittag und am Sonntag habe er zudem frei und könnte so einen Ausflug machen.

Von Siebenbürgen in die Schweiz

Seit diesem Sommer arbeitet Szabolcs Balázs auf dem Biohof Fluefeld in Oberarth im Kanton Schwyz. Er kommt aus Siebenbürgen im Osten Transsilvaniens. Diese Region gehört zwar zu Rumänien, wird aber fast ausschliesslich von Ungarn bewohnt. Szabolcs Balázs kommt aus Székelyszentkirály, wo er bis letzten Juni als Lkw-Fahrer und Maschinist bei einem Bauernunternehmen arbeitete.

«Auch dort arbeitete ich täglich zehn Stunden. Allerdings musste ich vor und nach der Arbeit jeweils noch meine Schweine füttern und betreuen», erklärt der junge Mann weiter. Sein Lohn zu Hause habe monatlich rund 1000 Franken betragen. Das reiche knapp zum Leben; Investitionen seien damit allerdings nicht möglich.

Die Raufutterernte im rumänischen Székelyszentkirály wird heute noch vielfach von Hand und mit Pferden erledigt. (Bild: Privat)

Ein Haus als grosses Lebensziel

Sein Ziel ist es, dank dem höheren Einkommen in der Schweiz den Bau seines eigenen Hauses abzuschliessen und den kleinen Landwirtschaftsbetrieb seines Vaters zu übernehmen, weiterzuentwickeln und auszubauen.

Trotz der höheren Lebenshaltungskosten verbleibt ihm in der Schweiz monatlich rund doppelt so viel Geld. Der Bruttolohn liegt bei 3500 Franken. Nach Abzügen für Wohnraum, Verpflegung, Krankenkasse und Steuern liegt die Auszahlung bei rund 2000 Franken.

Bereits von 2017 bis 2020 arbeitete Szabolcs Balázs in der Schweiz. Er war auf einem grossen Milchwirtschaftsbetrieb im Baselbiet angestellt. Mit seinem Chef habe er zwar ein sehr gutes Verhältnis gehabt, dennoch habe es natürlich auch einsame Momente gegeben.

Das sei nun auf dem grossen Gemüsebetrieb anders, denn nicht nur seine Freundin Rita Mihály arbeite auf dem gleichen Betrieb, sondern auch rund zehn weitere Personen aus seiner Region seien auf dem Biohof angestellt. «Im Team zu arbeiten ist natürlich interessanter, als immer nur alleine», so Szabolcs Balázs weiter.

Technik und Teamarbeit erleichtern den Alltag

Allerdings ist Szabolcs Balázs mittlerweile wieder häufiger alleine unterwegs. Dank seiner Zuverlässigkeit als Maschinist und Fahrer ist er oft mit dem Kleinlastwagen und Anhänger im Einsatz und liefert Gemüse und weitere Produkte aus. Dies mache den Alltag abwechslungsreich. Überhaupt könne er von seiner aktuellen Anstellung profitieren: Er lerne viel über effiziente Arbeitsabläufe und moderne Technik.

Denn während auf dem Arther Biohof bereits Roboter auf dem Feld im Einsatz sind, bewirtschaftet der Vater von Szabolcs Balázs seine Wiesen noch mit zwei Pferden. «Ich selbst habe zwar bei mir zu Hause einen alten Ford-Traktor, mein 58-jähriger Vater kann damit aber nicht fahren», erklärt Szabolcs Balázs.

Auf dem Hof, wo Szabolcs Balázs arbeitet, wird mit dem Roboter gejätet. (Bild: Reto Betschart)

Bären als Gefahr für Mensch und Tier

Sechs Mutterkühe mit Kälbern und einige Aufzuchttiere leben auf dem fünf Hektar grossen Betrieb der Familie Balázs. Klima und Landschaft von Székelyszentkirály ähneln dem Schweizer Voralpengebiet, nur die Berge sind etwas weniger hoch. Die Kühe und Kälber weiden im Tal auf einer Gemeinschaftsweide und werden dort tagsüber von einem Hirten gehütet, bevor sie am Abend wieder in den Stall zurückkehren.

Die Jungtiere gehen im Sommer auf die Alp. Auch auf der Alp betreut ein Hirte mit Unterstützung von acht Kangal-Hunden die Tiere. «Wir haben in unserer Region grosse Probleme mit den vielen Bären», betont Szabolcs Balázs. Diese würden nicht nur Rinder auf den Weiden und Schweine in den Ställen töten, sondern seien auch für die Menschen eine Gefahr.

In diesem Jahr seien in seiner Region bereits zwei Menschen durch Bärenangriffe gestorben. Der Abschuss sei seit einigen Jahren nicht mehr erlaubt, wodurch die Population stark zugenommen habe. Die Sorgen um das eigene Leben und die wirtschaftlichen Schäden infolge von Tierverlusten belasten die Bauern enorm.

In der Heimat von Szabolcs Balázs wird das Gras teilweise immer noch mit der Sense gemäht. (Bild: Privat)

Szabolcs Balázs ist durch den Tipp eines Freundes auf seine aktuelle Stelle gekommen. «Ich fragte ihn, ob er einen guten Arbeitgeber kenne, und kam so auf den Biohof Fluefeld.» Man tausche sich aber natürlich auch über die sozialen Medien über gute Arbeitsstellen aus. Aus seiner Region arbeiteten sehr viele junge Menschen in Deutschland und in der Schweiz.

Die meisten hätten das Ziel, mit ihrem Einkommen ein Eigenheim in der Heimat zu finanzieren. Rund 100 000 Franken koste ein solches, je nach Ausbaustandard.

Investitionen in die Zukunft

Szabolcs Balázs möchte noch einige Jahre in der Schweiz arbeiten und so Geld für Investitionen in seinen Betrieb verdienen. Er beabsichtigt, Land zu kaufen und in Technik zu investieren. In der Schweinehaltung sieht er allerdings wenig Potenzial. «Im Lidl in unserer Region findet sich fast nur Schweinefleisch aus Deutschland, das sehr günstig angeboten wird. Da können wir Kleinbauern mit unserer extensiven Mastschweinehaltung nicht konkurrieren.»

Chancen sieht er eher in der Milchwirtschaft. Er beabsichtigt, in einigen Jahren Kühe zu melken und die Milch über einen Automaten in der zehn Kilometer von seinem Hof entfernten Stadt Székelyudvarhely zu vermarkten.

Obwohl die Familie von Szabolcs Balázs in Rumänien lebt, hat sie wie viele Bewohner der Region auch die ungarische Staatsbürgerschaft. Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte die Region sogar zu Ungarn. Fast alle sprechen Ungarisch. Rumänisch lernen die Kinder zwar in der Schule, mangels Sprachpraxis verstehen aber die wenigsten die Sprache gut. Das kann zu Problemen führen, denn die gesamte Korrespondenz von staatlichen Körperschaften kommt auf Rumänisch.

Die Ungarn grenzen sich grösstenteils von den Rumänen ab; zu gross seien die kulturellen Unterschiede. Das zeigt auch der Umstand, dass Szabolcs Balázs beabsichtigt, sein rumänisches Autokennzeichen vorläufig abzugeben und ein Auto in der Schweiz einzulösen.

«Mit der rumänischen Autonummer wird man in der Schweiz sehr oft von der Polizei angehalten und kontrolliert. Insbesondere an der Grenze werden wir fast immer überprüft.»

Weiterlesen