1248 weibliche Herdebuch-Tiere der Schweizer Landrasse (SL) führt die Suisag. Das sind 200 mehr als noch vor zehn Jahren. Wurde bis vor wenigen Jahren noch gezielt Landrasse-Genetik importiert – vor allem aus Frankreich –, ist die Schweizer Zucht heute eigenständig.
Und dank der guten Mütterlichkeit, konkret der Eignung für das freie Abferkeln, dank hoher Einzelferkelgewichte und tiefer Ferkelverluste wird seitdem exportiert. Auch die E.‑coli-Resistenzen würden von den ausländischen Kunden sehr geschätzt, heisst es bei der Suisag. SL wird damit zum perfekten Partner für Schweizer Edelschwein (ES) für die Produktion von F1‑Sauen, den Müttern der Mastferkel.
Verhalten der Schweizer Landrasse untersucht
Die SL gilt als etwas aggressiver als das ES. Stimmt das? Kürzlich wurde der Abschluss eines Projekts zur Untersuchung des Verhaltens von Schweizer Landrasse-Sauen publik. In den vergangenen vier Jahren hat die Suisag, namentlich die Zucht-Fachleute Negar Khayatzadeh und Henning Luther, in Zusammenarbeit mit dem Scotland's Rural College (SRUC) ein Forschungsprojekt zur Untersuchung des Verhaltens von Schweizer SL-Sauen durchgeführt.
Ziel der Untersuchung sei gewesen, das Verhalten von SL-Sauen unter Praxisbedingungen systematisch zu erfassen, genetische Variationen sowie Erblichkeit verschiedener Verhaltensmerkmale einzuschätzen und schliesslich deren Eignung für eine mögliche züchterische Bearbeitung im Schweizer Zuchtprogramm zu bewerten, schreibt die Suisag.
Das Projekt war Teil eines von der schottischen Regierung finanzierten Doktorats und wurde von der Suisag als Industriepartner begleitet und unterstützt, auch bei der Definition der Projektziele und bei der Auswahl der zu erfassenden Verhaltensmerkmale.
Muttereigenschaften und Verhalten
Für die Datenerhebung besuchte Doktorandin Nicole Maffezzini innert Jahresfrist mehrmals vier Schweizer Landrasse-Kernzuchtbetriebe. Durch die wiederholte Beurteilung der Sauen innerhalb derselben Würfe sowie über mehrere Würfe hinweg konnten umfangreiche Daten gesammelt werden. Im Mittelpunkt standen sowohl die Muttereigenschaften als auch die Sicherheit der Betreuungsperson.
Bei säugenden Sauen kamen unter anderem ein Separationstest sowie ein Ferkel-Schrei-Test zum Einsatz. Im Separationstest wurde die Reaktion der Sau auf die vorübergehende Trennung von ihren Ferkeln beurteilt. Beim Ferkel-Schrei-Test wurde die Reaktion der Sau auf aufgezeichnete Ferkelrufe bewertet. Für tragende Sauen wurde ein Annäherungstest durchgeführt. Dabei wurde bewertet, wie die Tiere auf die Annäherung von Menschen reagieren.
Zusätzlich wurden weitere praxisnahe Erhebungs-Bewertungen entwickelt. Dabei wurden die SL-Sauen nach dem Abferkeln hinsichtlich ihrer Umgänglichkeit gegenüber dem Menschen beurteilt. Ein weiterer Teil des Projekts befasste sich mit der Beurteilung der Jungeber in der zentralen Eberaufzucht in Sempach. Dort war Ziel, zu überprüfen, ob unerwünschte Verhaltensmerkmale frühzeitig erkannt werden können, um aggressive Tiere rechtzeitig von der Zucht auszuschliessen.
Es gibt Unterschiede zwischen den Rassen
Insgesamt wurden 620 SL‑Sauen ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten gemäss Suisag für alle Verhaltenstests eine gute Wiederholbarkeit von über 0,56. Dies bedeutet, dass Tiere bei wiederholter Durchführung der Tests ähnliche Reaktionen zeigten und die Verfahren somit zuverlässig Verhaltensunterschiede erfassen können.
Für die untersuchten Verhaltensmerkmale wurden mittlere Erblichkeiten zwischen 0,24 und 0,44 geschätzt. Zudem wurde eine moderate genetische Korrelation von 67 % zwischen den Züchter-Bewertungen und dem Separationstest festgestellt. Diese Resultate würden zeigen, dass Verhaltensmerkmale genetisch beeinflusst werden und grundsätzlich für die züchterische Bearbeitung geeignet sind.
Im Rahmen der Eberbeurteilung wurden über einen Zeitraum von zwei Jahren insgesamt 522 Jungeber der Mutterlinien Schweizer Edelschwein (ES) und Schweizer Landrasse (SL) bewertet. Im Vergleich zu den Sauen wurden nur sehr wenige junge Eber bewertet. Die ES-Jungeber erhielten überwiegend die beste Bewertung, während keine ES-Jungeber die schlechteste Verhaltensnote erreichten (Note 3). Bei den SL-Jungebern wurden häufiger mittlere Noten vergeben (Note 2), und ein paar Tiere wurden als sehr aggressiv (Note 3) eingestuft. Unterschiede zwischen den Rassen waren deutlich erkennbar.
Die Anzahl der bewerteten Jungeber reiche jedoch derzeit nicht aus, um die Erblichkeit des Merkmals zuverlässig zu schätzen. Die vorläufige Analyse deutet auf Erblichkeiten zwischen 0 und 0,35 hin. Auf Ebene der SL-Sauen konnte eine mittlere Erblichkeit der Verhaltensmerkmale nachgewiesen werden. Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse wird auch bei den Ebern von einem genetischen Einfluss auf das Verhalten ausgegangen. Das Verhalten der Mutterlinien-Eber gegenüber dem Stallmitarbeiter in den Einzelbuchten im Wartestall der Eberaufzucht in Sempach wird weiterhin in drei Kategorien beurteilt. Die wenigen, aber extrem aggressiven Eber werden seit Oktober 2025 von der Zucht ausgeschlossen und kommen nicht in den KB-Einsatz.
Mit aggressiven Sauen nicht weiterzüchten
Die Suisag empfiehlt seit Jahren allen Jungsauen-Erzeugern, also Kernzüchtern, Vermehrern und Eigenremontierern, besonders aggressive Sauen nicht als Jungsauenmütter einzusetzen. Die Ergebnisse der Doktorarbeit von Nicole Maffezzini bestätigen nun diese Empfehlung, denn Verhaltensmerkmale besitzen eine mittlere Erblichkeit. Mit zusätzlichen Daten von der zentralen Eberaufzucht soll die genetische Auswertung in den kommenden Jahren weiter präzisiert werden. Ziel sei, so die Suisag, Verhaltensmerkmale künftig gezielt in die Zucht zu integrieren und damit sowohl die Umgänglichkeit als auch die Arbeitssicherheit nachhaltig zu verbessern.

