Wer am Tag der offenen Tür durch den neuen Stall von Jürg Mäder, seiner Partnerin Pia Spack und deren Sohn Aaron Schmutz geht, merkt rasch, weshalb viele Berufskollegen etwas länger stehen bleiben. Hier gibt es nicht einfach einen neuen Laufstall zu besichtigen. Fast an jeder Ecke steckt eine technische Lösung: Melkroboter, automatisches Fütterungssystem, Entmistungsroboter, Weidetor, gesteuerte Kuhwege, automatische Einstreu, Heutrocknung und eine Gesundheitsüberwachung, die Daten direkt aus dem Netzmagen liefert.
Das alles hat einen betrieblichen Hintergrund. Jürg Mäder führt mit seinem Bruder einen Holzbaubetrieb in Flamatt/Wünnewil FR, in dem auch Aaron Schmutz arbeitet. Die Landwirtschaft muss deshalb so organisiert sein, dass nicht ständig jemand für Routinearbeiten im Stall gebunden ist. Genau darauf wurde der Neubau ausgerichtet.

«Wenn wir einen Mischwagen haben, muss ihn wieder jemand bedienen», bringt Mäder die Überlegung hinter dem Konzept auf den Punkt. Statt Arbeitszeit in wiederkehrende Arbeiten zu stecken, soll Technik diese übernehmen. Der Mensch bleibt aber keineswegs überflüssig. Seine Aufgabe verschiebt sich: kontrollieren, beobachten, reagieren und sich um jene Kühe kümmern, bei denen tatsächlich etwas nicht stimmt.
Fünf Jahre bis zur Bewilligung
Bis dieser Stall stand, brauchte es Geduld. Rund fünf Jahre vergingen im Bewilligungsverfahren. Der Standort liegt in einem sensiblen Umfeld, zudem spielte der Schutz eines bestehenden Gebäudes eine Rolle. Mehrere Sitzungen und Kompromisse mit den zuständigen Stellen waren nötig.
Jürg Mäder macht keinen Hehl daraus, dass ihn dieser Prozess zeitweise ärgerte. Rückblickend sieht er in der langen Planungsphase aber auch einen Vorteil. «Wenn ich mehr gedrückt hätte, wäre es vielleicht schneller gegangen. Aber dann wäre es jetzt nicht so, wie es ist», sagt er. Die Familie hatte Zeit, immer wieder über Details nachzudenken.
Besonders intensiv beschäftigten sie sich mit den Wegen der Kühe. Wo sollen Tiere nach dem Melken hin? Wie lässt sich eine Kuh zur Besamung separieren? Wie kommt sie zur Abkalbebox oder zum Klauenstand, ohne dass Menschen die ganze Herde in Bewegung bringen müssen?

«Wir haben uns lange die Frage gestellt, wie wir die Kühe laufen lassen sollen», erinnert sich Mäder. Die lange Planungszeit habe geholfen, solche Abläufe immer wieder zu hinterfragen.
Holzbauwissen als grosser Vorteil
Ein entscheidender Trumpf war Jürg Mäders beruflicher Hintergrund. Seit Jahren ist er im Holzbau tätig und kennt Stallbauprojekte nicht nur aus der Perspektive des Bauherrn. Über die Firma kamen Kontakte zu Unternehmern und Lieferanten hinzu. Gleichzeitig konnte er bei anderen Projekten beobachten, welche Lösungen funktionieren – und welche Fehler man besser nicht wiederholt.
«Die Connections vom Holzbau waren matchentscheidend», heisst es im Gespräch. Auch die Erfahrung aus anderen Stallbauten floss ein. Nicht alles wurde selbst hergestellt; grössere Elemente und Binder kamen von spezialisierten Partnern. Doch das Wissen über Konstruktion und Montage erleichterte Planung und Eigenleistung erheblich.

Das Ergebnis ist kein Stall, in den nachträglich möglichst viele technische Geräte hineingestellt wurden. Die Technik wurde vielmehr in die Abläufe eingebaut.
Die Kuh entscheidet, wann sie zum Melken geht
Das Herzstück ist ein Lely-Melkroboter. Automatische Tore lenken den Kuhverkehr. Tiere können je nach Status zum Melken, zurück zur Herde oder in einen separaten Bereich geleitet werden. Muss beispielsweise eine Kuh besamt werden, kann sie gezielt ausgeschleust und fixiert werden. Das erspart das Heraussuchen aus der ganzen Herde.
Auch Kühe, die zu lange nicht beim Melken waren, lassen sich in einen Wartebereich führen. Von dort gelangen sie erst wieder zurück, nachdem sie den Roboter passiert haben.
Die Umstellung verlief erstaunlich ruhig. Vor allem die jüngeren Tiere verstanden das System schnell. Einzelne ältere Kühe müssen noch gelegentlich geholt werden. Manche jüngere Kuh probiert dagegen mehrmals, ob im Roboter vielleicht bereits wieder Lockfutter zu holen ist.
Genau diese Ruhe ist für Mäders wichtig. Je weniger Menschen Kühe treiben und aus der Gruppe holen müssen, desto weniger Unruhe entsteht.
Futter kommt automatisch
Auch beim Füttern wurde dieser Gedanke konsequent weitergeführt. Das automatische Futtermischsystem verwaltet zwei unterschiedliche Rationen. Es erfasst den Futterbedarf, mischt die vorgesehenen Komponenten und legt frisches Futter vor. Automatisierung schafft hier Spielraum.

Die Maschine füttert auch dann, wenn der Mensch gerade anderswo gebraucht wird.
Gute Luft und weiche Laufwege
Bei aller Begeisterung für Elektronik fallen im Stall auch einfachere Details auf. Die Laufgänge sind mit profilierten Gummiauflagen versehen. Sie sollen den Klauenabrieb vermindern und den Kühen sicheren Halt bieten.

Die Lüftung wird temperaturabhängig gesteuert. Pia Spack legt grossen Wert auf frische Stallluft. «Das hat mich in Ställen immer gestört, wenn man das Ammoniak so stark riecht», sagt sie. Gute Luft sei nicht nur für Menschen angenehm, sondern vor allem für die Tiere wichtig.
Dass Automatisierung nicht bedeutet, dass nie etwas schiefgeht, zeigte sich während der Hitze. Die starke Lüftung trocknete den Mist auf den Laufgängen derart aus, dass die Entmistung Schwierigkeiten bekam. Es musste gereinigt und Wasser eingesetzt werden. Auch ein hoch technisierter Stall bleibt also ein System, das zuerst unter Praxisbedingungen kennengelernt und eingestellt werden muss.
Heu trocknen mit der Wärme vom Dach
Besonders interessant für einen silofreien Betrieb ist die Heutrocknung. Warme Luft unter dem Dach wird angesaugt und für die Trocknung genutzt. Zusätzlich entzieht ein Kondensationstrockner der Luft Feuchtigkeit. Anschliessend wird die trockene Luft durch das Futter geblasen.
Ziel ist, das Dürrfutter innerhalb kurzer Zeit auf eine stabile Qualität zu bringen. In der Planung wird mit einer Trocknung innert rund zwei Tagen gerechnet. Damit werden das kurze Schönwetterfenster besser genutzt, das Risiko auf dem Feld reduziert und grosse Bröckelverluste vermieden.
Einstreuen durch das Rohr
Auch über den Liegeboxen steckt Technik. Hackstroh wird nicht mit Hoflader oder von Hand verteilt, sondern durch ein geschlossenes Rohrsystem transportiert. Eine Tellerkette befördert das Material bis zu den einzelnen Abwurfrohren. Jeweils zwischen zwei Liegeboxen sind hohe Kunststoffrohre bis zum Kopfbereich der Kühe montiert. So gelangt immer frisches Stroh vorn in die Liegeboxen.

Neben der Arbeitsersparnis hat das einen weiteren Vorteil: Staub bleibt weitgehend im geschlossenen System. Der Antrieb benötigt lediglich 1,5 kW; nach Urban Koller, dem Hersteller der Anlage, sind Förderstrecken bis etwa 250 Meter möglich.
Gerade solche Einrichtungen zeigen, wie konsequent der Stall auf das Vermeiden wiederkehrender Handarbeit ausgerichtet wurde.
Ein Sensor im Netzmagen schlägt Alarm
Noch einen Schritt weiter geht die Tierüberwachung. Jede Kuh trägt einen Smaxtec-Bolus im Netzmagen. Er misst unter anderem Körpertemperatur, Wiederkauaktivität und Wasseraufnahme. Veränderungen werden automatisch erkannt und auf das Smartphone gemeldet.
Für Jürg Mäder liegt darin ein grosser Nutzen. «Wenn ich es der Kuh ansehe, ist es eigentlich schon zu spät», sagt er. Durch die Daten könne viel früher reagiert werden. Das System wurde bereits vor dem Bezug des Neubaus eingesetzt.
Aaron Schmutz hatte die Technik auf einem Lehrbetrieb kennengelernt und wollte sie auch zu Hause nutzen. Die Investition von rund 7000 Franken erschien zunächst hoch. Doch Jürg Mäder sagt, die Tierarztkosten seien seither deutlich gesunken. Entscheidend sei, Veränderungen zu erkennen, bevor eine Kuh sichtbar krank werde.
Während einer Virusinfektion der Herde zeigte sich der Nutzen besonders deutlich. Die Familie konnte auffällige Tiere früh erkennen und behandeln. Ergänzend wurde ein akkubetriebenes Drenchgerät angeschafft, mit dem grössere Flüssigkeitsmengen und Nährstoffe verabreicht werden können.

Der Stall ist für 60 Milchkühe ausgelegt, im Moment sind aber nur 34 Tiere drin. Aaron Schmutz sagt dazu: «Heute wäre es kein Problem, günstig Kühe zu kaufen, aber wegen der Trockenheit fehlt uns das nötige Futter für den Vollbestand in diesem Winter.»
Technik ersetzt die Routine, nicht den Tierhalter
Der Neubau in Albligen BE ist zweifellos technikintensiv – und entsprechend investitionsintensiv. Die Familie spricht nicht von einem billigen Stall. Entscheidend ist für sie aber eine andere Rechnung: Wer künftig einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet, muss mit knapper Arbeitskraft umgehen können. Investitionen dieser Grössenordnung binden einen Betrieb über Jahrzehnte. Entsprechend muss ein Stall auch dann funktionieren, wenn nicht ständig mehrere Familienmitglieder verfügbar sind.
Melken, Füttern, Einstreuen, Entmisten und das Lenken der Kühe sind deshalb weitgehend automatisiert. Was übrig bleibt, ist aus Sicht der Familie gerade jene Arbeit, für die es den Menschen braucht: hinschauen, Daten beurteilen, Entscheidungen treffen und sich um einzelne Tiere kümmern.
Der Stallneubau zeigt damit eine mögliche Richtung für arbeitswirtschaftlich stark geforderte Milchviehbetriebe. Nicht möglichst viel Technik ist das Ziel. Entscheidend ist, ob die einzelnen Systeme zusammenpassen. Fünf Jahre haben Mäders daran geplant und gefeilt. Heute laufen Kühe, Futter, Mist und Daten auf sorgfältig durchdachten Wegen durch den Neubau.

