Urs Meier (Name geändert) hat einen Milchviehbetrieb mit 80 Kühen der Rasse Brown Swiss. Auf seinem Betrieb kommen somit jährlich rund 70 Kälber auf die Welt. Der Grossteil der Kälber wird verkauft, 15 Tiere werden pro Jahr für die Aufzucht auf dem eigenen Betrieb nachgezogen.
Die obligatorische Kälberimpfung hat ihn dazu bewogen, die Gesundheit seiner Kälber von Rindergesundheit Schweiz einmal genauer anschauen zu lassen. Die Galtphase optimal zu gestalten war für Urs Meier schon immer sehr wichtig. Die Trockenstehzeit dient nicht nur zur Regeneration fürs Euter, sondern ist auch eine Vorbereitung auf die nächste Laktation und ausschlaggebend für einen reibungslosen Geburtsverlauf.
Es ist ein Zusammenspiel von Fütterung, Mineralstoffversorgung und hygienischen Haltungsbedingungen. Die Geburten verlaufen auf seinem Betrieb komplikationslos, Milchfieber kommt äusserst selten vor, die Kälber sind vital und trinkfreudig. Nach der Geburt kommen die Kälber trocken in ein Kälberiglu. Dort werden sie zweimal täglich mit je drei Liter Milch getränkt, bis sie mit etwa zwei Wochen in die Kälbergruppe kommen.
Bis anhin hat der Betriebsleiter die Kälber noch nie gegen Kälbergrippe geimpft. Aufgrund des Obligatoriums hat er sich dazu entschieden, auch seine Aufzuchtkälber zu impfen. Alle Tiere erhalten in der ersten Lebenswoche einen Impfstoff in die Nase. Die Aufzuchttiere impft er etwa zehn Wochen nach der ersten Impfung ein zweites Mal in die Nase. Grundsätzlich gibt es kein grosses Problem mit der Kälbergesundheit auf dem Betrieb. Ab und zu hustet ein Kalb oder zeigt für kurze Zeit Durchfall. Wo liegen also die Ansatzpunkte für eine Optimierung der Kälbergesundheit auf seinem Betrieb?
Ungenügende Kolostrumversorgung bei vier von zehn Kälbern
Um die Kolostrumversorgung zu überprüfen, wurden von zehn Kälbern im Alter von zwei bis zehn Tagen Blutproben genommen. Auch wenn Kälber nach der Geburt gut trinken, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass die Kolostrumversorgung ausreichend ist. Vier der zehn Kälber hatten eine unzureichende Kolostrumversorgung. Zur Optimierung wird nun jede Kuh möglichst schnell nach der Geburt sauber gemolken und die ganze Menge dem Kalb vertränkt. In den ersten sechs bis zwölf Stunden soll das Kalb mindestens vier Liter trinken. Werden die Kälber bei der Mutter gelassen und können das Kolostrum selbst trinken, ist die Versorgung häufig ungenügend. Es braucht eine Überwachung.
Kälber haben ein hohes Wachstumspotenzial und eine hohe Nährstoffeffizienz. Milchmengen von über acht Litern pro Tag führen zu einer geringeren Anfälligkeit gegenüber Krankheitserregern und einer höheren Mastleistung. Viel Milch in den ersten Lebenswochen lohnt sich in jeder Hinsicht. Studien haben gezeigt, dass Kälber, die in den ersten Lebenswochen viel Milch erhalten, in der ersten Laktation eine höhere Milchleistung haben als Tiere, die restriktiv mit sechs Liter Milch pro Tag getränkt wurden.
Die Kontrolle der täglichen Zunahmen hilft zu beurteilen, ob das Gesamtkonzept der Kälberhaltung funktioniert. Auf dem Betrieb werden nun alle Kälber nach der Geburt mittels Massband gewogen. Mit dem Gewicht und dem Alter beim Verkauf können so die täglichen Zunahmen berechnet werden. Mit einer durchschnittlichen Gewichtszunahme von 800 g pro Tag liegt Urs Meier in einem guten Bereich. Kälber sollten mindestens 750 g pro Tag zunehmen. Mit der Umsetzung der Empfehlungen bezüglich der Kälbergesundheit und der unterstützenden Impfung sollten sich die täglichen Zunahmen auf seinem Betrieb verbessern.
Obligatorische Kälberimpfung hilft gegen Lungenentzündungen
Auf dem Betrieb von Jürg Blättler (Name geändert) werden jährlich 300 grosse Schlachtmunis produziert. Alle vier Wochen stallt er etwa 20 Tränker ein. Bis jetzt hat er jedes Tier im Abstand von vier Wochen mittels Injektion gegen Kälbergrippe geimpft. Zusätzlich erhielten die Tiere Eisen und Selen nach der Ankunft. Trotz der vorbeugenden Massnahmen waren die gesundheitlichen Probleme auf dem Betrieb gross. Die Tiere zeigten kurze Zeit nach dem Einstallen Husten, reduzierte Tränkeaufnahme sowie Fieber, sodass eine Therapie der Tiere häufig notwendig wurde.
Seit die zuliefernden Milchviehbetriebe die erste Impfung machen, dient das dem Folgebetrieb zur Prophylaxe von Lungenentzündungen. Vorher kam die erste Impfung auf dem Mastbetrieb für die Kälber zu spät. Zusätzlich ist es entscheidend, dass möglichst viele Kälber geimpft auf dem Folgebetrieb ankommen. So ergibt sich der Vorteil einer sogenannten Herdenimmunität. Wenn nur wenige Tiere einer Gruppe geimpft werden, verpufft der potenzielle Vorteil und man hätte sich den Aufwand auch gleich sparen können.
Um die Gesundheit der Kälber auf seinem Betrieb weiter zu optimieren, hat sich Jürg Blättler nach der Einführung der obligatorischen Kälberimpfung dazu entschieden, einige Punkte auf seinem Betrieb in Bezug auf die Kälbergesundheit anzupassen. Das Stallklima hat einen grossen Einfluss auf die Gesundheit der Kälber. Schadstoffgase führen zu Lungenschäden und machen die Tiere anfälliger für Erkrankungen.
Für ein optimales Stallklima wurde auf dem Betrieb eine Schlauchlüftung eingebaut. Auch die Gruppengrösse hat einen Einfluss auf die Gesundheit der Kälber. Durch die Trennung der Gruppen beim Einstallen können Erkrankungen ebenfalls minimiert werden. Hierbei ist darauf zu achten, dass die Tiere keinen direkten Kontakt zueinander haben. Die kleinen Gruppen führen zu weniger Stress und besseren Zunahmen, was sich wirtschaftlich wiederum lohnt.
Schlussendlich ist das Kalb für beide Produktionsformen (Aufzucht und Mast) von zentraler Bedeutung. Die Impfung ist ein Schlüsselelement für eine gute Kälbergesundheit in der Schweiz, erfordert jedoch die konsequente Umsetzung durch alle Beteiligten und weitere gute Rahmenbedingungen für die Kälber.
Jessica Bauer ist Tierärztin bei Rindergesundheit Schweiz am Standort Zürich.
Obligatorische Kälberimpfung
- Seit dem 1.7.2025 ist die Kälberimpfung obligatorisch, denn eine flächendeckende Impfung ist entscheidend für den Erfolg. - Auf Milchviehbetrieben müssen Kälber, die den Betrieb vor dem 57. Lebenstag verlassen, mindestens zwei Wochen vor dem Verkauf geimpft werden. - Der Folgebetrieb muss innerhalb von 28 Tagen nach der Ankunft eine zweite Impfung gegen Atemwegserkrankungen applizieren.

