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Schweine im Sturzflug: Immer mehr deutsche Schweinehalter geben auf

In Deutschland stellten 40 Prozent der Schweinehalter seit 2015 ihren Betrieb ein. Niedrige Preise, unklare politische Rahmenbedingungen und eine Förderkulisse, die auf Eis liegt. Ist die Situation in Deutschland ein Vorzeichen für die Schweiz?

Kurz & bündig

- Die Lage am deutschen Schweinemarkt drängt Schweinehalter reihenweise in die Betriebsaufgabe, weil sie nicht mehr rentabel wirtschaften können. Auch in der Schweiz hören viele Schweinehalter auf. - Die finanzielle Herausforderung aufgrund der niedrigen Schweinepreise ist für Schweizer Betriebe oft noch abzufedern. - Ein Stau im Stall, weil die ausgemästeten Schweine nicht abgeholt werden, sorgt allerdings für einen hohen psychischen Druck. - Eine klare Kommunikation und eine verlässliche Absprache mit dem Viehhändler sind aktuell umso wichtiger.

«Die vielen Betriebsaufgaben sind sehr bedrückend und schade. Aber sie sind zu begründen», sagt der deutsche Landwirt Markus Hansen, der im Norden von Rheinland-Pfalz in vierter Generation Ferkel erzeugt und Schweine mästet. Sein Betrieb befindet sich zwischen den Städten Trier und Bitburg. «Früher gab es in der Region viele schweinehaltende Betriebe. An der Bitburger Qualitätsferkelauktion wurden alle zwei Wochen bis zu 4000 Ferkel versteigert. Mittlerweile sind wir einer der wenigen Betriebe, die noch übrig sind. Von den wenigen hören immer noch welche auf. Dazu zählen auch junge Betriebsleiter, die bis vor einiger Zeit noch Investitionspläne für ihren Betrieb hatten», erzählt Hansen.

Starker Strukturwandel in der deutschen Schweinehaltung

Gemäss dem statistischen Bundesamt ging die Zahl der deutschen Schweinehalter seit 2015 um 40,8 Prozent zurück. 10 500 Betriebe haben aufgegeben. Bei den Ferkelerzeugern zeichnet sich das Bild noch deutlicher ab. Fast die Hälfte der Sauenhalter (49,9 Prozent) stellten ihren Betrieb ein. Ein nicht zu ignorierender Strukturwandel.

Gründe dafür gibt es einige. So machte die Verschärfung des deutschen Tierschutzrechts Stallumbauten notwendig. Die Förderungen für die Umbauten sind unklar, Genehmigungsverfahren laufen langsam. Der Umbau der deutschen Tierhaltung hin zu klaren Haltungsstufen von 1 = Stall, 2 = Stall plus Platz, 3 = Frischluft, 4 = Auslauf/Weide und 5 = Bio soll dem Konsumenten an der Ladentheke mehr Klarheit über die Produktherkunft verschaffen. Grosse Supermarktketten und Discounter wollen ihr Sortiment umstellen und langfristig kein Fleisch aus Haltungsstufe 1 mehr anbieten. Aldi Süd verzichtet bereits seit Ende 2025 auf Fleisch aus Haltungsstufe 1 bei Eigenmarken. Im Angebot finden Konsumenten primär Fleisch aus den Haltungsstufen 2 und 3.

Weitere Faktoren sind die Schliessungen von Schlachtstätten, die über die letzten Jahre in Deutschland zugenommen haben, sowie der sinkende Schweinefleischverzehr, welcher in Deutschland laut dem Bundesamt für Lebensmittel und Ernährung (BLE) aktuell bei 28,2 kg pro Kopf liegt. Das Image von Schweinefleisch hinkt im Vergleich zu Geflügelfleisch ebenfalls hinterher. Alle diese Faktoren prallen auf die schweinehaltenden Landwirte und Landwirtinnen, die vor grossen Entscheidungen stehen.

Auf dem Betrieb Hansen ist die Nachfolge durch den 22-jährigen Sohn der Familie gesichert. Gute Aussichten so weit – was unterscheidet den Betrieb also von den vielen anderen, die aufgeben? «Mein Vater vor mir und auch ich, wir haben schon immer versucht, etwas quer zu denken und nach Alternativen zu suchen. Sonst wären wir auch schon nicht mehr da», erklärt Markus Hansen.

Auf seinem Betrieb hält Hansen 170 Zuchtsauen. Vor sieben Jahren baute die Familie einen Mastschweinestall mit 700 Plätzen. Höheres Tierwohl war für die Familie ein Leitthema. Die Mastschweine werden in Platzverhältnissen über dem gesetzlichen Mindeststandard gehalten. Ein offener Besucherraum sorgt zudem dafür, dass Besucher sich die Schweinehaltung selbst ansehen können. Damit will Markus Hansen Transparenz schaffen und das Image der Schweinehaltung verbessern.

Das Fleisch seiner Schweine vermarktet er über eine Regionalmarke. «Wir fahren die Tiere selbst und beliefern regionale Metzgereien. Anders würde es überhaupt nicht gehen», erzählt Hansen. Rund 2000 Tiere werden auf dem Hof jährlich selbst gemästet, etwa 3500 Jager verkauft Hansen mit 30 kg an andere Mastbetriebe. Neben der Schweinehaltung baut die Familie Gerste, Weizen, Raps und Erbsen an, hat eine Brennerei und betreibt eine PV-Anlage. Die Marktlage ist dennoch eng und bereitet Markus Hansen Sorgen.

Schweine im Sturzflug: Immer mehr deutsche Schweinehalter geben auf

«Wir haben schon immer versucht, quer zu denken.»

Markus Hansen, Landwirt

Deutsche Mäster und Ferkelerzeuger machen Verlustgeschäft

Ein Blick in die Vergangenheit hilft, die momentane Situation besser zu verstehen: In Deutschland wurde die Schweineproduktion durch Effizienzsteigerungen im Laufe der 1990er-Jahre so hochgeschraubt, dass der Selbstversorgungsgrad von 80 Prozent auf aktuell 134 Prozent stieg. Die Überproduktion wurde meist nach Polen abverkauft. Durch die Erhöhung der US-Strafzölle kann Spanien als grösster Schweinefleischprozent Europas seinen bislang stärksten Exportpartner, die USA, nicht mehr in dem Masse beliefern. Daher gibt es am europäischen Markt aktuell zu viel spanisches Schweinefleisch. Dies birgt negative Folgen für die deutschen Schweinehalter, denn auch Polen kauft lieber günstigeres spanisches als teureres deutsches Fleisch. Die Schweinepreise in Deutschland sind infolgedessen Anfang 2026 dramatisch auf 1.45 EUR/kg Schlachtgewicht (SG) gesunken. In der Schweiz entspricht dies 1.35 Fr./kg SG. Notwendig wären mindestens 2 EUR/kg SG, um die Kosten zu decken. Deutsche Mäster und Ferkelerzeuger machen ein Verlustgeschäft.

«In der Schweiz ist ebenfalls ein Konsumrückgang zu verzeichnen. Durch die Steigerung der Effizienz ist die Anzahl der Betriebe sowie die Anzahl der Zuchtschweine Jahr für Jahr zurückgegangen», erklärt Adrian Schütz, stellvertretender Geschäftsführer des Branchenverbandes Suisseporcs. Unter anderem sorge diese Professionalisierung der Schweinehaltung aktuell für eine Überproduktion von Schweinefleisch, schreibt die Genossenschaft Proviande kürzlich in einer Pressemeldung. Auch hierzulande drückt die Mehrproduktion auf die Schweinepreise. Die Lage am Schweinemarkt sei in der Schweiz und in Deutschland also nicht unähnlich, und doch gebe es grosse Unterschiede, sagt Schütz.

So sind die Schweinebestände in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland viel kleiner. Deutsche Mastbetriebe haben rund 1400 Mastplätze, in der Schweiz sind es durchschnittlich 300 Mastplätze pro Betrieb. «Die Tierwohlstandards sind höher als in anderen Ländern, das Futter wird in Europa und im Inland produziert, die Gülle verbessert die Bodenfruchtbarkeit, die Wege sind kurz und Nebenprodukte der Lebensmittelverarbeitung werden sinnvoll verwertet, was für einen guten CO2-Fussabdruck sorgt. So viel zum Positiven», sagt Schütz.

Die Ferkelproduktion steht in Deutschland vor besonderen Herausforderungen. Oft sind diese unüberwindbar.
Die Ferkelproduktion steht in Deutschland vor besonderen Herausforderungen. Oft sind diese unüberwindbar.

Starker Betriebsrückgang auch in der Schweiz

Dennoch beobachte man in der Schweiz ebenfalls vermehrte Betriebsaufgaben. «Der Rückgang der Betriebe ist wahrscheinlich im Verhältnis noch höher als in Deutschland», sagt Schütz. Der Schweizer Pro-Kopf-Konsum beim Schweinefleisch sank in den letzten 25 Jahren schrittweise auf aktuell rund 19 kg pro Jahr. Adrian Schütz rechnet mit einer Stabilisierung und schätzt, dass der Rückgang in der Zukunft nicht mehr solche grossen Schritte nehmen wird. Eine vorsichtige Hoffnung.

Klar sei aber auch, dass die Wertschöpfung bei nicht gegebener Wirtschaftlichkeit eine grosse Herausforderung für die Schweizer Landwirte ist. Mittelfristig führt dies laut Schütz zur Betriebsaufgabe. Auch hierzulande seien die Rahmenbedingungen für die Modernisierung der Ställe sowie die Investitionen in Hoftechnik, Arbeitserleichterung und Tierwohl ein Problem für die Landwirte. Sind dies die Faktoren, die es braucht, um den Betrieb in Zukunft auf sichere Füsse zu stellen? «In der Landwirtschaft ist nichts sicher», sagt Adrian Schütz und unterstreicht: «Landwirte, besonders die Tierhalter, sind freischaffende Künstler. Sie müssen bereit sein, ihre Tiere rund um die Uhr zu betreuen. Das muss man wollen und können.» Die gute Nachricht sei der Berufsnachwuchs. Es gebe viele motivierte und gut ausgebildete junge Landwirtinnen und Landwirte, die manche Zusammenhänge noch besser verständen, sagt Adrian Schütz.

Ein solcher ist Richard Brunner, dessen Mastbestrieb mit 560 Plätzen im Zentralschweizer Ort Rain in der Nähe von Luzern liegt. Brunner führt den Betrieb, den er 2019 übernahm, nun in der fünften Generation. Auf die aktuelle Marktlage blickt Brunner aus zwei Perspektiven: «Das eine ist die finanzielle Seite, die sich der-zeit mit niedrigen Preisen zeigt. Als langjähriger Schweinehalter ist man Preisschwankungen gewohnt. Monate miteinander zu vergleichen, macht aufgrund der Schwankungen hier keinen Sinn. Besser ist es, sich die finanziellen Verläufe von Jahren oder noch grösseren zeitlichen Einheiten anzuschauen, um bewerten zu können, ob der Betrieb läuft.» Die finanzielle Seite sei sicher nicht optimal.

Schweine im Sturzflug: Immer mehr deutsche Schweinehalter geben auf

«Der Schweinemarkt ist in den beiden Ländern ähnlich.»

Adrian Schütz, Suisseporcs

Werden Schweine nicht abgeholt, entsteht ein Stau im Stall

Das grössere Problem sei jedoch, wenn die Schweine den Betrieb nicht planmässig verlassen könnten. Damit sei auch ein viel höherer psychischer Druck verbunden. In guten Jahren könne man finanzielle Rückstellungen machen, um weniger gute Jahre abzufedern, so Brunner. Man habe direkten Einfluss. Dies sei nicht der Fall, wenn ausgemästete Schweine nicht abgeholt würden und es zu einem Stau komme. «Man muss jederzeit mit Kontrollen rechnen; wenn man dann zu viele Schweine auf dem Betrieb hat und der Betrieb nicht ordnungsgemäss geführt werden kann, ist das nicht schön», erklärt Richard Brunner.

Auf seinem Betrieb laufe bisher alles gut, berichtet der Mäster. Er arbeitet gut mit einem Züchter zusammen, der über einen Händler jede zweite Woche Mastjager anliefert. Geliefert wird jedoch nur, wenn auch zeitnah Mastschweine abgeholt werden. Kann der Händler in einer Woche nur wenige Schweine vermarkten, wird dies miteinander besprochen. Auf dieser Basis kann Richard Brunner entscheiden, wie viele Tiere er markiert, um die Tierschutzverordnung dennoch einhalten zu können. Offene Kommunikation und eingehaltene Absprachen – so herrscht Gleichgewicht im Stall. «Die kontinuierliche Einstallung ist für mich betrieblich ein grosser Vorteil», so Brunner.

Schweine im Sturzflug: Immer mehr deutsche Schweinehalter geben auf

«Wenn sich der Preis wieder stabilisiert, kommt auch die Motivation zurück.»

Richard Brunner, Landwirt

Schlechte Phasen rücken zeitlich enger zusammen

Ein betriebliches Wachstum sei dennoch nicht möglich. Investitionen plant der Tierhalter in nächster Zeit nicht. Dies sei allerdings unabhängig von der Marktsituation und eher dem Aufstockungsverbot aufgrund der Lage im Seeeinzugsgebiet als Rahmenbedingung geschuldet. Auch die hohen Umweltauflagen machen einen Um- oder Neubau unrentabel. «Auch wenn es flächenmässig möglich wäre, zu bauen, müsste ich zum Beispiel einen Luftwäscher im Stall integrieren. In dieser Marktlage rentiert sich die Amortisation sowieso nicht», sagt Brunner.

«Wir haben immer wieder schlechte Phasen. Das Problem ist, dass der zeitliche Abstand zwischen den schlechten Phasen näher zusammenrückt. Das macht mir schon Sorgen», gibt Brunner zu. Trotzdem blicke er grundsätzlich nicht negativ in die Zukunft. Sobald sich die Preise stabilisieren, komme auch die Motivation wieder zurück, weiss Richard Brunner aus Erfahrung.

Der Pro-Kopf-Konsum von Schweinefleisch ging in der Schweiz in den vergangenen 45 Jahren stetig zurück. In der Schweiz führen die hohen Produktionsstandards zu höheren Preisen, was den Konsum bremst. Quelle: Suisseporcs / Grafik: Nicole Geiser
Der Pro-Kopf-Konsum von Schweinefleisch ging in der Schweiz in den vergangenen 45 Jahren stetig zurück. In der Schweiz führen die hohen Produktionsstandards zu höheren Preisen, was den Konsum bremst.