Rinder sehen die Welt anders als wir Menschen. Ihre Augen liegen seitlich am Kopf, wodurch sie ein sehr weites Gesichtsfeld von fast 330 Grad haben. So nehmen sie Bewegungen fast rundum wahr. Dafür ist ihr räumliches Sehen nach vorne eingeschränkt: Nur direkt vor der Nase können sie Distanzen richtig einschätzen. Plötzliche Bewegungen von der Seite oder von hinten erschrecken sie leicht.
Rinder reagieren empfindlich auf Licht, Schatten und Kontraste. Ein heller Sonnenfleck, ein Gitterrost oder eine Pfütze kann für sie wie ein Hindernis wirken. Auch schnelle Bewegungen oder grelle Farben machen sie unsicher. Beim Umgang ist deshalb Ruhe und Übersicht gefragt. Man nähert sich am besten langsam von der Seite und spricht ruhig mit dem Tier. Direktes Zugehen von vorne oder plötzliches Auftauchen von hinten sollten vermieden werden – dort liegen die blinden Zonen. Beim Treiben arbeitet man am besten im sogenannten Fluchtzonenbereich: Der Mensch steht leicht hinter der Schulter des Rindes. Tritt er näher, bewegt sich das Tier; geht er zurück, bleibt es stehen. So lassen sich Rinder ruhig in den Klauenstand, in die Behandlungsbox oder in einen anderen Stall treiben. Hektik, Schreien oder Schlagen führen zu Stress und machen die Arbeit gefährlicher.
Beim Stallbau sollte das Sehvermögen berücksichtigt werden. Gleichmässige, helle Beleuchtung, matte Oberflächen und gerade, schattenarme Treibgänge erleichtern die Orientierung. In der Praxis zeigt sich, dass Rinder zügiger durch helle, trockene Gänge gehen als durch dunkle, feuchte oder stark reflektierende. Auch helle Übergänge zwischen Stall und Auslauf fördern ruhiges Verhalten.

