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Kuhfell, Schaffell und Fuchspelz? Die Neuenschwander AG ist eine der letzten Gerbereien der Schweiz.

Die Neuenschwander AG in Oberdiessbach BE ist eine der letzten Gerbereien der Schweiz, sie produziert aber teilweise im Ausland. In der Schweiz sind vor allem Lohnaufträge für Felle gefragt: Diese stammen von Schweizer Nutztieren und Wildtieren.

Kurz & bündig

- In der Schweiz gibt es nur noch eine Handvoll Gerbereien. - Die Neuenschwander AG verarbeitet Felle von Schweizer Nutztieren und Wildtieren in Oberdiessbach BE. - Es handelt sich meist um Lohnaufträge. - Ein Grossteil der Schaf- und Rinderfelle kommt aus Übersee, weil die Qualität dort besser ist. - In Hofläden werden immer öfter die Felle der eigenen Nutztiere angeboten.

Ob Schaf, Ziege, Kaninchen, Wildschwein, Hirsch, Reh, Marder, Dachs, Fuchs – in der Lagerhalle der Neuenschwander AG in Oberdiessbach BE türmen sich die Felle. Sie lagern hier – luftgetrocknet oder gesalzen – bis genug Felle der gleichen Art und des gleichen Gerbprozesses beieinander sind, um sie zu weichen Fellen zu gerben.

In der Halle nebenan befindet sich die Wasserwerkstatt – es ist das Herzstück der Gerberei. Der Gerb-Geruch ist hier am markantesten.

Die «Handreiche» in der Gerberei darf nicht fünf Franken kosten

Gerben ist eine alte Handwerks-Kunst. Top-moderne Anlagen oder automatisierte Prozesse sucht man hier vergebens. Kein Arbeitsschritt lässt sich einsparen und vieles ist Handarbeit.

«Unsere Mitarbeiter nehmen jedes Fell 30 bis 40 Mal in die Hände», sagt Bernhard Neuenschwander und erklärt: Würde man die Preise nach dem Sprichwort «Die Handreiche kostet fünf Franken» gestalten, ergäbe das einen Fell-Preis, den niemand bezahlen würde. Bernhard Neuenschwander ist Präsident der Geschäftsleitung und verantwortlich für die Gerberei und den Handel mit rohen Häuten und Fellen.

Bernhard Neuenschwander ist verantwortlich für die Gerberei und den Handel. Bild: Pia Neuenschwander
Bernhard Neuenschwander ist verantwortlich für die Gerberei und den Handel. Bild: Pia Neuenschwander

Über 150 Jahre zählt die Geschichte der Neuenschwander AG in Oberdiessbach. Der Handel mit rohen Häuten und Fellen war das Hauptstandbein bis in die 1970er-Jahre. Erst später kamen die heutigen Standbeine dazu: Das Metzgercenter in Sierre VS ist der umsatzstärkste Geschäftsbereich, dazu die Fell-Gerberei und das Lederfachgeschäft in Oberdiessbach.

Die Neuenschwander AG ist nur noch eine von zwei Pelz-Gerbereien in der Schweiz. Die andere ist die Gerberei Friedrich AG in Zofingen. Daneben gibt es drei Ledergerbereien und drei Lederhändler. «Es gab starke Redimensionierungen in der Schweiz und in ganz Europa», sagt Bernhard Neuenschwander, der auch den Verband Schweizerischer Gerbereien leitet.

Viele hörten auf wegen überalterter Infrastruktur oder weil sie keine Nachfolge hatten. «Aber an ein Aussterben der Branche glaube ich nicht», sagt Neuenschwander, «alle Gerbereien, die es jetzt noch gibt, haben ihren Platz im Markt und können überleben.»

In der Wasserwerkstatt: Die Ziegenfelle tropfen noch.Sie wurden einen Tag langim Holzfass gegerbt. Bild: Pia Neuenschwander
In der Wasserwerkstatt: Die Ziegenfelle tropfen noch.Sie wurden einen Tag langim Holzfass gegerbt. Bild: Pia Neuenschwander

Eigene Schaffelle und Kuhfelle im Hofladen verkaufen

Die Neuenschwander AG beliefert diverse Einrichtungshäuser mit Fellen für die Innendekoration. Ein Grossteil der Felle und Häute importiert sie aus Übersee. «Schafe in Australien leben draussen, es ist sonniger, wärmer, die Fütterung ist anders, das gibt Felle mit mehr Substanz», sagt Neuenschwander. Solche Felle eigneten sich auch hervorragend für die Flugzeug- oder Medizinal-Industrie.

Im Gegensatz dazu geht es den Schweizer Schafen fast zu gut. Sie haben gehaltvolleres Futter und leben teilweise im Stall. Die Wolle ist dadurch weicher und hat die Tendenz zu verfilzen. «Und durch die Stallhaltung kann es Verfärbungen und Schäden in der Wolle geben, die das Endprodukt abwerten», erklärt Neuenschwander.

Trotzdem hat die Neuenschwander AG eine Schweizer Schaffell-Linie. Denn obwohl die Qualität geringer ist, stellt Neuenschwander fest, dass die Nachfrage in den letzten zehn Jahren gestiegen ist. Heute sei «lokal» wichtiger als früher. Die Leute wollen wissen, woher ihr Produkt kommt und wie es produziert wurde. «Das könnte zukünftig eine Chance sein», sagt Neuenschwander.

Vor allem Lohn-Aufträge aus der Landwirtschaft seien in den letzten Jahren gestiegen. Diese werden in Oberdiessbach gegerbt. «Der steigende Direktverkauf und die Hofläden sind in unseren Auftragsbüchern spürbar», sagt Neuenschwander. Denn die Felle der eigenen Tiere scheinen bei Hofladen-Kunden Anklang zu finden.

Und was geschieht mit allen anderen Fellen und Häuten aus der Schweiz? «Schweizer Schaffelle sind zurzeit kaum gefragt», sagt Neuenschwander. Ein Grossteil werde entsorgt. Anders ist es bei Grossvieh-Häuten, die zu fast 100 Prozent in europäische Gerbereien exportiert und zu Schuhen, Lederpolstergruppen und Auto-Innenleder verarbeitet werden.

Bis genug Felle der gleichen Art und des gleichen Gerbprozesses beieinander sind, werden sie gesalzen oder luftgetrocknet eingelagert. Bild: Pia Neuenschwander
Bis genug Felle der gleichen Art und des gleichen Gerbprozesses beieinander sind, werden sie gesalzen oder luftgetrocknet eingelagert. Bild: Pia Neuenschwander

Das Schaffell aus Australien wird in Indien verarbeitet

Im Bereich der Bekleidung arbeitet die Neuenschwander AG mit Partnern in Indien zusammen. Mit Schweizer Löhnen sei eine hiesige Produktion kaum möglich.

Dass Gerbereien in gewissen Ländern Umweltprobleme verursachen, dementiert Neuenschwander nicht: «Genau wegen dieser Abwasser-Problematik arbeiten wir nur mit zertifizierten Partnern zusammen und sind regelmässig vor Ort.»

Das Roh-Leder für die Bekleidung, vor allem Lamm-Leder, kommen aus Australien und Neuseeland, so auch ein Grossteil der Schaffelle. Die Grossvieh-Häute für Innendekoration stammen mehrheitlich aus Brasilien.

Kaum jemand lernt heute noch das Gerberei-Handwerk

In der Gerberei Neuenschwander ist am späteren Freitagnachmittag Aufräum- und Putzstimmung. Ein Mitarbeiter kämmt an einer Maschine die letzten Felle. Die Wolle wird dabei «geöffnet». Sie erhält mehr Volumen und ältere («überstellige») Wolle wird entfernt.

Währenddessen spritzt ein anderer Mitarbeiter in der Wasserwerkstatt den Boden ab. Julian Krötz hat die Ausbildung zum Gerbermeister bei der Neuenschwander AG 2018 abgeschlossen. Er arbeitet jetzt – wie sein Vater –im Betrieb. Die Ausbildung zum Gerbermeister hat Seltenheitswert. Der zweitletzte Auszubildende in der Schweiz schloss vor 30 Jahren ab.

Spezialisten seien gefragt. Denn die Branche befinde sich, nach jahrelangem gesellschaftlichem Tabu, wieder im Aufschwung. Das sagt auch Bernhard Neuenschwander: «Die Menschen wollen vermehrt zurück zur Natur und Lederprodukte, aber nicht die Edelpelze, sind wieder mehr gefragt.»

30 bis 40 Mal wird ein Fell in die Hände genommen, bis es fertig ist. Bild: Pia Neuenschwander
30 bis 40 Mal wird ein Fell in die Hände genommen, bis es fertig ist. Bild: Pia Neuenschwander

Vom Schlacht-Nebenprodukt zum weichen Fell

Die Felle werden mit Salz oder Luft kurzfristig konserviert, damit sie lagerfähig sind. Erst, wenn es genug Felle der gleichen Art und des gleichen Gerbvorgangs an Lager hat, kommt der Gerbvorgang ins Rollen.

In der Wasserwerkstatt

Als erstes müssen die Felle während einem Tag in 35 Grad warmem Wasser einweichen. Danach werden Fett-, Fleischreste und Schmutz entfernt. Beim anschliessenden Pickeln werden Eiweisse aus dem Lederquerschnitt gelöst. Das Pickeln und die Fettung ermöglichen, dass die Gerbstoffe gleichmässig aufgenommen werden.

Aber bevor die Gerbstoffe zum Einsatz kommen, kommt der wohl kniffligste Arbeitsschritt, das Dünnschneiden. Dabei wird das Fell auf seine optimale Dicke zugeschnitten. Ist das Fell zu dick, wird es ungeschmeidig. Ist es zu dünn kann es reissen oder kahle Stellen aufweisen.

Erst dann kommt die eigentliche Gerbung. Das Fell liegt etwa einen Tag in einer Stahlhaspel oder einem Holzfass, damit die Gerbstoffe einwirken können. Bei der Gerbung werden die Hautfasern vernetzt und die Fäulnisentwicklung gestoppt.

In der Fellzurichterei

Nach dem Gerben werden die Felle in einer Zentrifuge entwässert, auseinandergezogen und zum Trocknen auf einem Spannrahmen befestigt.

Danach erfolgt das Zuschneiden und die Reinigung. Die letzten Gewebereste werden beim Schleifen und Bakeln entfernt. Danach kommt das Kämmen, Scheren, Bügeln sowie die Endkontrolle.Quelle: Broschüre Neuenschwander AG

Firma G. Neuenschwander Söhne AG

Standorte: Oberdiessbach BE und Sierre VS Gründungsjahr: 1962 Geschäftsbereiche: - Handel mit rohen Häuten und Fellen - Fellzurichterei (auch Lohnware) - Verkauf einer grossen Auswahl von Fellprodukten - Verkaufsladen für Bekleidung und Accessoires aus Leder und Lammfell, Fellshop - Metzgercenter - Verwaltung und Vermietung von Immobilien Mitarbeitende: 40 www.neuenschwander.ch

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