Liebe Leserin, lieber Leser; das Jahr 2021 war nun wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Darum müssen wir noch unseren Kropf leeren und mit dem letzten Jahr ein Hühnchen rupfen. Kein Hahn kräht jedenfalls nach noch so einem Sommer wie dem vergangenen. Ei, ei, ei, was für eine nasse Schweinerei! Wir sagen es so, wie uns der Schnabel gewachsen ist: Bei diesem Hudelwetter haben wir ordentlich Federn gelassen.
Dazu kam die massive Kritik an der Schweizer Landwirtschaft. Obwohl ja bekanntlich auch ein blindes Huhn manchmal ein Korn findet: Die vielen plötzlich auftretenden Agrarexperten waren uns etwas suspekt.
Schön war hingegen, dass die LandwirtInnen grösstenteils zusammengehalten haben und näher zusammengerückt sind, fast wie die Hühner auf dem Stängeli. Wir haben uns zu einer einheitlichen Schar gemausert. Keine Weicheier, sondern ein engagierter Berufsstand.
Wir glauben fest daran, dass das neue Jahr ein gutes wird. Auch wenn es gefühlt immer mehr Körnlipicker gibt, sind wir überzeugt, dass die Schweizer Bevölkerung uns LandwirtInnen ohne allzu grosses Federlesen die Treue hält.
Wir wünschen Ihnen im 2022 viele Gelegenheiten, sich wie frisch aus dem Ei gepellt zu zeigen und die Freuden des Alltags zu geniessen – falls sie coronabedingt nicht Ihr Festgewand verhühnert haben. Wir wollen uns hier nicht weiter aufplustern und kommen zum Ende, wobei die abschliessende Frage lautet: Was war zuletzt, das Huhn oder das Ei?
Sebastian Hagenbuch
Kopflos «umehüehnere»
Bestimmt kennen Sie diese Geschichten auch. Da hat jemand einem Huhn den Kopf abgehackt, um ein Suppenhuhn zu kochen. Und dann ist das Vieh ohne Kopf herumgetorkelt. Das kann doch gar nicht sein. Oder doch?

Hühner verfügen über Anhäufungen von Nervenzellen im Rückenmark. Diese können ebenfalls Bewegungen steuern. Wenn nun der Kopf abgetrennt wird, ist das Rückenmark immer noch intakt und für einige Sekunden oder wenige Minuten zehren die Nervenzellen vom restlichen Sauerstoff und senden weiterhin Impulse. Das führt zu unkontrollierten Bewegungen, bevor der ganze Organismus zusammenbricht.
Das längste Leben als kopfloser Hahn hatte übrigens «Miracle Mike». Dieser Hahn aus den USA lebte über ein Jahr lang ohne Kopf. Dies, nachdem sein Besitzer beim Köpfen die Halsschlagader gar nicht durchtrennt hatte. Mike wurde zu einer Berühmtheit. Am Ende erstickte er, weil er keinen Schleim abhusten konnte. Die ganze Geschichte finden Sie auf www.watson.ch
Der Kropf im Hals
Beim Vogel, und damit auch beim Huhn, muss die Flugfähigkeit berücksichtigt werden. Weniger Gewicht ist da die Devise. Gespart wird, wo nur möglich: So werden beispielsweise die Zähne durch den leichteren Schnabel ersetzt. Die Verdauung muss auch möglichst leicht und effizient vonstatten gehen. Geflügel gehört daher von Natur zu den sehr guten Futterverwertern.
Eine Besonderheit des Verdauungssystems ist der Kropf. Das ist eine Ausstülpung der Speiseröhre. Bevor die Nahrung in den Magen gelangt, muss sie zuerst durch den Kropf. Dort kann das Futter zwischengespeichert werden. Bei zurückgehendem Futterangebot wird der Kropf wieder geleert. Im Kropf beginnt ausserdem eine erste, nicht besonders effiziente, Anverdauung des Futters.

Sie mausern sich
«Du hast dich aber gemausert.» Dieses Kompliment an einen Freund ist zwar anerkennend gemeint. Es hat aber einen Beigeschmack, denn es bedeutet auch, dass ebendieser Freund vorher eher nicht so gut ausgesehen hat. Genau gleich geht es den Hühnern in ihrer Mauser.
Wenn die Tage kürzer werden, werden bei Hühnern Hormone aktiv, die zum Wechsel des Federkleids führen. Die alten Federn fallen nach und nach aus, es wachsen neue. So sind die Hühner gewappnet für kalte Temperaturen. Während dieser sogenannten Mauser sehen die Tiere aber erbärmlich aus, wie ein gerupftes Huhn.
Die Mauser stellt eine grosse Herausforderung für den Stoffwechsel dar. Es wird viel Energie für den Federwechsel verwendet. Dabei geht die Eierlegeleistung zurück. Das ist der Grund, weshalb in der Eierproduktion die Legehennen oftmals vor der ersten Mauser geschlachtet werden. Die Mauser dauert zwischen zwei und drei Monaten.
Falls die Hühner doch länger gehalten werden, kann die Mauser künstlich ausgelöst werden, indem im Lichtprogramm die Tageslichtlänge verkürzt wird. Das hat den Vorteil, dass die gesamte Herde gemeinsam durch den Prozess geht.
3D dank Kopfruckeln
Bestimmt ist es Ihnen auch schon aufgefallen, das Ruckeln mit dem Kopf bei Hühnern. Was lustig aussieht, hat einen guten Grund: Hühner schätzen mit der Kopfbewegung Distanzen ein. Nahe Gegenstände bewegen sich schneller als weiter entfernte. Das Gehirn kann daraus eine dreidimensionale Vorstellung der Umgebung konstruieren. Hühner haben ihre Augen seitlich am Kopf. Das ist praktisch, denn so ist ihr Blickwinkel grösser. So können sie als Beutetier allfällige Jäger frühzeitig erkennen und flüchten. Der Nachteil ist, dass sich die Sehfelder der beiden Augen nur minim überschneiden. Diese Technik ist es, mit der beispielsweise wir Menschen räumlich sehen. Weil die Überschneidung den Hühnern fehlt, nicken sie mit dem Kopf vor und zurück.

Weshalb kann das Huhn (nicht) fliegen?
Das Bankivahuhn, von dem unser Haushuhn abstammt, kann fliegen. Im Laufe des Züchtungsprozesses ging diese Fähigkeit bei unserem Geflügel jedoch weitestgehend verloren. Zwar können unsere Hühner noch auf die Sitzstange flattern und ab und zu schafft es auch ein Tier über den Zaun. Aber die Hühner sind definitiv keine geborenen Flieger.

Das liegt daran, dass sie zum Fliegen zu schwer sind. Möchten sie ihre Kilos in die Lüfte schwingen, müssten ihre Flügel länger sein. Kurzum: Mit ihrer Postur ist Fliegen physikalisch nicht möglich. Das kompensieren die Haushühner aber, indem sie gute Läufer sind.
Manche möchten ihren Hühnern die Flügel kupieren, damit sie nicht mehr über den Zaun fliegen. Das ist aber seit 2008 verboten.
Schweizer Geflügelrassen
In modernen Eier- und Fleischproduktionen kommen Hybrid-Linien zum Einsatz. Mit deren Leistung können die Schweizer Hühnerrassen nicht ganz mithalten. Doch sie verfügen über andere Eigenschaften und sind zudem sehr schön anzuschauen.
Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW definiert die folgenden drei Hühnerrassen als schweizerisch:
- Appenzeller Barthuhn: Der Name ist Programm. Auffälligstes Merkmal ist der Bart, den sowohl Hahn als auch Henne haben. Die Rasse gilt als sehr robust. Sie legt auch bei tiefen Temperaturen ihre Eier.
- Appenzeller Spitzhaube: Auch diese Rasse ist sehr robust und auch genügsam. Sie suchen ihr Futter zu einem grossen Teil selbst und sie sind kältetolerant. Unverwechselbar macht sie natürlich die Federhaube auf dem Kopf.
- Schweizerhuhn: Zuerst könnte man das weisse Huhn mit Legehybriden verwechseln. Doch dann fällt der Kamm auf, der statt einem Steh- ein sogenannter Rosenkamm ist. Das Schweizerhuhn ist eine Zweinutzungsrasse, mit ganz ordentlicher Legeleistung.
Kamm und anderer Kopfschmuck
Hühner haben ein begrenztes Erinnerungsvermögen für persönliche Beziehungen. Zur Erkennung ihrer Gspändlis orientieren sie sich an Kehllappen und Kamm. Diese Hautanhängsel unter dem Kinn und auf dem Kopf sind rassetypisch und ausserdem zwischen Individuen unterschiedlich ausgeprägt.
Als weiteren Kopfschmuck haben die Hühner ihre Ohrscheiben. Sie sind seitlich neben den Augen angebracht und schützen dort das Ohr. Die Farbe der Ohrscheibe ist übrigens identisch mit der Farbe der gelegten Eier.
An der Stellung und der Farbe des Kamms lassen sich erste Anzeichen einer Krankheit ablesen. Ein herabhängender Kamm deutet beispielsweise auf fehlendes Sonnenlicht hin. Bei tiefen Temperaturen müssen GeflügelhalterInnen ausserdem auf der Hut sein: Kamm und Kehllappen enthalten kein isolierendes Fett, haben keine Federn und sind wenig durchblutet. Sie können daher erfrieren, was den Tieren grosse Schmerzen bereitet.

Produktion und Konsum
2020 wurden in der Schweiz rund 12,4 Millionen Hühner gehalten. Knapp 3,9 Millionen davon waren Lege- und Zuchthennen sowie Zuchthähne, weitere 8,5 Millionen Tiere waren Mastpoulets. Quelle: Nutztierbestand der Schweizer Landwirtschaft, Bundesamt für Statistik, 2021.
Geflügelhaltung ist insbesondere im Mittelland verbreitet. Am meisten Geflügel gibt es in den Kantonen Freiburg, Bern und Waadt.
2020 produzierten die Schweizer Legehennen 1,7 Milliarden Eier.Damit konnten 64 Prozent der Nachfrage mit inländischer Produktion gedeckt werden. Der Eierkonsum betrug 12,5 kg pro Person, oder 189 Eier. Quelle: Marktbericht Eier, Bundesamt für Landwirtschaft, 2021.
Der Konsum von Geflügelfleisch belief sich auf 14,2 kg pro Person und Jahr, was 120 Pouletschnitzeln entspricht. Beim Geflügelfleisch betrug der Selbstversorgungsgrad 67 Prozent. Quelle: Statistischer Jahresbericht 2020/2021, Proviande.
Die Hühner auf der Stange
In der Nacht schlafen Hühner gerne auf erhöhter Position. Dort ist das Huhn vor Fuchs oder Marder sicher. In den heutigen Ställen besteht diese Gefahr nicht mehr, doch der Instinkt der Vorfahren ist geblieben.
Doch weshalb fallen die Hühner in der Nacht nicht von der Stange? Schuld ist eine Klammersicherung. Beim Schlafen beugen die Hühner ihre Knie. Dadurch verkürzt sich am Bein eine Sehne und die Krallen ziehen sich fest zusammen. Am Morgen muss diese Arretierung aktiv gelöst werden.



