Kurz & bündig
- Martin Blaser ist Tierarzt und Teilhaber der «Tierarztpraxis am Bahnhof AG» in Langnau im Emmental. - Jeden Morgen planen er und sein Team die Vormittags-Tour. Rufen LandwirtInnen wegen eines Notfalls an, haben diese immer Priorität. - Blaser beschreibt seinen Beruf als schön, abwechslungsreich und dankbar. Gewisse Tätigkeiten sind körperlich anstrengend und der Alltag oft hektisch. - Die Zusammenarbeit mit den LandwirtInnen beruht auf grossem gegenseitigem Vertrauen.
Nicaragua liegt am Boden, sie kann nicht mehr selbst aufstehen. Fressen mag sie nicht so richtig, Milch gibt sie hingegen viel. Mit grossen Augen beobachtet die Patientin den Tierarzt, der auf sie zukommt. «Diese Kuh liegt fest, nachdem sie letzte Nacht ein Kalb zur Welt brachte. Das Festliegen ist eine häufige Stoffwechselstörung», erklärt Martin Blaser in wenigen Worten die Krankengeschichte.
Blaser, in Gummistiefeln und grau-grünem Überwurf-Kittel, die Ärmel hochgekrempelt, beugt sich zur Patientin hinunter. Dass die Nachbarskuh die Gelegenheit nutzt und ihm den gesamten Rücken mit ihrer Zunge abschleckt, ignoriert der Tierarzt. Er konzentriert sich ganz auf die Herztöne, die er durch sein Stethoskop hört.
Zurück bei den Menschen und in den Ställen des Emmentals
Der Stall, indem sich der Tierarzt um die kranke Kuh kümmert, liegt nicht weit entfernt vom Ort, an dem Martin Blasers Elternhaus steht. Ein paar Hügel weiter, oberhalb von Langnau im Emmental wuchs Blaser auf einem Bauernhof auf. «Dass ich einmal Tierarzt werden würde, war mir als Kind nicht klar», erzählt der 38-Jährige. Obschon ihn der Tierarztbesuch zu Hause im Stall immer fasziniert hat.

Insbesondere das Tierarzt-Auto habe ihn beeindruckt, diese fahrende Apotheke, bestehend aus vielen Schubladen, gefüllt mit Fläschchen, Koffern, Pulvern, Injektoren und weiterem Zubehör. «Und trotzdem hat der Tierarzt mit einem Griff immer sofort gefunden, was er suchte.» Zudem interessierte Blaser das Handwerk an sich: Wie mit langen Nadeln und mehreren Spritzen behandelt wurde und die Tiere anschliessend wieder gesund wurden. Bei der Wahl des Studiums war schliesslich klar: Es wird Veterinärmedizin.
Nach dem Studium und der Doktorarbeit an der Wiederkäuerklinik in Bern arbeitete Blaser in verschiedenen Tierarztpraxen im Emmental, im Jura und in der Zentralschweiz. Ausserdem machte er einen Abstecher in die Pharmaindustrie. Diese Erfahrungen waren für ihn eine Bereicherung, sagt Blaser. Am Ende fehlte ihm der Austausch mit den Menschen und die Arbeit draussen, in den Ställen. Es zog ihn wieder zurück ins Emmental.
Seit 2021 ist er Teilhaber in der «Tierarztpraxis am Bahnhof AG» in Langnau i.E. Damit ist er in die Praxis zurückgekehrt, in der er vor Jahren bereits seine Assistenzzeit und die Weiterbildung zum Fachtierarzt FVH für Wiederkäuer absolvierte.
Tierarztpraxis am Bahnhof AG
Langnau im Emmental BE Einzugsgebiet: Langnau und Umgebung, im Umkreis von rund 20 Kilometern Leitung: drei TeilhaberInnen Mitarbeitende: total 22 Mit-arbeitende, davon 13 TierärztInnen, Voll- oder Teilzeit. Weitere Personen zur Unterstützung (beispielsweise beim Telefondienst) Fachbereiche: SpezialtierärztInnen für alle Fachrichtungen: Rinder, Schweine, Pferde und Kleintiere www.vets-langnau.ch
Er verabreicht der Kuh per Schlauch Kalzium
Über sich selbst verliert Martin Blaser nicht viele Worte. Lieber spricht er über seinen Beruf und Arbeitsalltag in den Ställen rund um Langnau.
Damit zurück zur Patientin im Stall. Bereits mitten in der Nacht war eine Tierarztkollegin aus derselben Praxis notfallmässig auf Visite – die Kuh wurde von den besorgten Besitzern noch vor der Abkalbung in Seitenlage und in sehr schlechtem Allgemeinzustand aufgefunden. Mittlerweile hat die Kuh gekalbt, kann aber immer noch nicht aufstehen.
Nach der gründlichen klinischen Allgemeinuntersuchung holt Blaser aus seinem Auto die nötigen Behandlungsmittel. Verantwortlich für das Festliegen der Kuh ist häufig ein Kalziummangel. Die Milchproduktion nach der Geburt des Kalbs benötigt viel Kalzium. Es bleibt nicht genügend übrig, um die Muskelbewegungen zu stimulieren. Die Kuh kann sich fast nicht mehr bewegen, dreht bloss den Kopf hin und her. Blaser bereitet daher eine Infusion vor, welche der Kuh das fehlende Kalzium über einen Schlauch in den Körper liefern soll.
Dem Ehepaar Sonja und Peter Krähenbühl, um deren Kuh es sich handelt, gibt Blaser klare Anweisungen. Während Peter Krähenbühl den Kopf der Kuh festhält, hebt seine Frau Sonja die Flasche mit der Infusionslösung in die Höhe. Blaser überwacht derweil die Herzfrequenz, um eine mögliche Überanstrengung des Organismus frühzeitig festzustellen.
Sorge um Patientin bereitet schlaflose Nacht
Die Zusammenarbeit von Martin Blaser und Krähenbühls funktioniert reibungslos. Die Handgriffe sitzen, es werden nicht viele Worte gewechselt. Ab und zu fragt Blaser nach und die beiden erklären, was sie beobachtet haben. So helfen beide Seiten mit, die Tiere gesund zu halten oder wieder gesund werden zu lassen.
«Die Zusammenarbeit mit der Tierarztpraxis ist sehr angenehm. Wenn wir anrufen, kommt rasch jemand vorbei. Mou, wir sind zufrieden», sagt Sonja Krähenbühl. Ihr sind die Sorgen um ihre Kuh anzumerken. «Letzte Nacht habe ich tatsächlich nicht gut geschlafen», meint sie. Gleichzeitig ist sie erleichtert, dass die Tierärztin gekommen ist und etwas getan werden konnte – auch wenn die Kuh noch nicht ganz wiederhergestellt ist. Martin Blaser lobt ebenfalls: «Die Beobachtungen der Tierhalter sind für mich enorm wichtig. Sie helfen, schnell herauszufinden, was dem Tier fehlt.»

Kommt es vor, dass der Gesundheitszustand der Tiere Blaser psychisch belastet? «Manche Fälle verlaufen oder enden emotional für die Tierhalter. Natürlich lassen solche Situationen auch uns Tierärzte nicht kalt. Die Frage würde ich trotzdem mit ‹Nein› beantworten. Wenn ich bei der nächsten Patientin bin, verdient sie meine volle Aufmerksamkeit.»
Für den Moment ist Nicaraguas Behandlung abgeschlossen. Martin Blaser bespricht mit Krähenbühls das Vorgehen, gibt Tipps und Anweisungen zur weiteren Versorgung. Dass er ihnen einen Teil der Behandlung übergibt, hat viel mit Vertrauen zu tun: «Ich weiss, dass sie sehr gut zu ihren Tieren schauen und dass sie mich wieder rufen, falls sich der Zustand verschlimmert», erklärt Blaser.
Abschliessend führt Blaser im Behandlungsjournal die verabreichten Medikamente nach und verabschiedet sich. Es geht weiter zum nächsten Kunden.
Schnelle Reaktion bei Notfall gehört zum Service
Die Tour dieses Vormittags haben Martin Blaser und sein Team geplant. Zwischen sieben und acht Uhr morgens können LandwirtInnen anrufen und ihre Anliegen anmelden.
Heute stehen vorerst nur Routinetätigkeiten auf dem Programm: Trächtigkeitsuntersuchungen, Verdacht auf Wurmbefall bei Ziegen, festliegende Kühe, Besamungen – die Palette der Anmeldungen ist breit und betrifft verschiedene Tierarten. Danach werden die Stallvisiten auf die vier diensthabenden GrosstierärztInnen und ihre Autos aufgeteilt. Was sie am Nachmittag erwartet, erfahren die Tierärzte erst am Mittag, wenn sie von der Vormittagsrunde zurück sind.
Die Planung sei zwar wichtig, es könne aber jederzeit zu Notfällen kommen, auf die reagiert werden muss, erklärt Blaser. Wenn beispielsweise eine Geburt stattfindet, die problematisch verläuft. «Wir sind eine relativ grosse Tierarztpraxis. Das macht uns flexibler und wir können Notfälle rund um die Uhr in nützlicher Zeit versorgen. Dieser Service ist ein Merkmal unserer Praxis.»

Muskelkater, blaue Flecken und ein Tennisarm
Trotzdem kann der Alltag stressig sein. «Die Tage sind intensiv und mitunter auch körperlich anstrengend», erzählt der Tierarzt. Ein blauer Fleck, etwas Muskelkater oder ein Tennisarm können durchaus einmal vorkommen. Zudem bringen die Nachtdienste den Alltag durcheinander.
Dank dem grossen Team können aber die Dienste besser aufgeteilt werden. Trotzdem: Das ist nicht jedermanns Sache. Besorgt stellt Blaser fest, dass es einen Fachkräftemangel gibt – noch nicht in Langnau, aber in anderen Regionen der Schweiz, in abgelegenen Bergdörfern zum Beispiel.
Um eine solche Situation in ihrer Praxis zu verhindern, seien sie schon heute bemüht, attraktive Anstellungsverhältnisse zu bieten, sagt Blaser. Er macht gerne Werbung dafür und für seinen Job, den er als sehr schön, abwechslungsreich und dankbar beschreibt.
Klartext sprechen, ohne zu verurteilen
Zu diesem Job gehören auch längere Autofahrten zwischen den einzelnen Kunden. Von einem Betrieb hinunter ins Tal und einige Kurven den nächsten Hügel hinauf zu einem anderen Stall. Die Zeit im Auto eignet sich, um Fragen zu stellen:
Kommt es vor, dass der Tierarzt mit den LandwirtInnen schimpfen muss, weil sie ihre Tiere falsch behandelt hatten? «Ich muss Klartext sprechen. Aber ich verurteile nicht und ich will auch nicht belehren.»
Und was passiert mit den schlimmen Fällen, in denen Tiere falsch gehalten werden? «Diese Fälle sind zum Glück selten geworden. Grundsätzlich sind externe Tierschutzkontrolleure zuständig. Wo nötig, weisen wir die Kunden aber auf Missstände hin.»
Die Unterlagen liegen vor der Stalltür bereit
Beim nächsten Betrieb ist der Landwirt nicht zuhause. Vor der Stalltür liegen stattdessen die Unterlagen bereit. Daraus entnimmt Martin Blaser, welche Kuh er mit welchem Muni besamen soll. Blaser geht zu seinem Auto, sucht im Behälter voller flüssigem Stickstoff nach dem Sperma-Blister des gewünschten Munis und bereitet alles für die Besamung vor. Die zu besamende Kuh hat der Landwirt im Stall angebunden, sodass der Tierarzt nicht lange suchen muss.
Mit schnellen und gleichzeitig kontrollierten Bewegungen geht Martin Blaser zur Kuh. Da wird nicht getätschelt oder gestreichelt. Stattdessen tritt er hinter die Kuh, schiebt den Schwanz etwas zur Seite und führt den Katheter ein. Keine fünf Minuten später ist die Besamung erfolgreich abgeschlossen. Zurück zum Auto, den Kittel ausziehen und weiter geht es zum nächsten Stall.

