Anders als Menschen verfügen Schweine nur über wenige Schweissdrüsen. Überschüssige Körperwärme können sie deshalb nur begrenzt über die Haut abgeben. «Schweine können ihre Körpertemperatur schlechter regulieren als Menschen. Sie versuchen, Wärme vor allem über die Atmung abzugeben und durch Abgeben der Hitze an eine kühlere Umgebung, indem die Schweine solche Bereiche aufsuchen und sich dort hinlegen», erklärt Tierarzt Iwan Nussbaumer von der Tierarztpraxis Hintze.
Ab 25 Grad Celsius ist die Wärmeabgabe deutlich erschwert
Bereits vergleichsweise moderate Temperaturen können für die Tiere belastend werden, insbesondere für Ausmastschweine ab 60 kg und ausgewachsene Schweine. Der sogenannte Thermoneutralbereich, also jener Temperaturbereich, in dem Schweine weder Energie für das Aufwärmen noch für das Abkühlen ihres Körpers aufwenden müssen, liegt je nach Gewicht zwischen etwa 16 und 20 Grad Celsius. Höhere Temperaturen führen zunehmend zu Hitzestress. Abhängig vom Gewicht wird die Wärmeabgabe bei Temperaturen ab 25 Grad Celsius deutlich erschwert.
Die Tiere reagieren darauf mit typischen Verhaltensänderungen. Sie hecheln vermehrt, suchen kühlere Liegeplätze auf und halten sich häufiger im Kot- und Harnbereich auf. «Dort entsteht durch die Verdunstung von Flüssigkeit ein Kühleffekt, der den Tieren hilft, ihre Körpertemperatur zu senken», sagt Nussbaumer.
Weniger Futter, weniger Leistung
Die Auswirkungen von Hitzestress sind vielfältig. Um die zusätzliche Wärmeproduktion durch die Verdauung zu reduzieren, fressen Schweine bei hohen Temperaturen weniger. Gleichzeitig steigt ihr Wasserbedarf deutlich an.

«Wenn die Futteraufnahme sinkt, stehen den Tieren weniger Nährstoffe und Energie zur Verfügung», erklärt Iwan Nussbaumer. Das habe direkte Folgen für die Mastleistung. Die Tiere nehmen langsamer zu und erreichen die gewünschten Tageszunahmen später.
Doch nicht nur die Leistung leidet. Durch die reduzierte Futteraufnahme verändert sich auch der Stoffwechsel. Dies kann verschiedene Gesundheitsprobleme begünstigen und das allgemeine Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigen.
Hitze beeinflusst auch die Fruchtbarkeit
Besonders problematisch ist Hitzestress bei Zuchttieren. «Die Hormonproduktion wird beeinflusst, wodurch Brunstsymptome weniger deutlich ausgeprägt sein können», sagt der Tierarzt. Dadurch werde es schwieriger, den optimalen Zeitpunkt für die Besamung festzustellen.
Die Folgen können eine geringere Fruchtbarkeit und schlechtere Reproduktionsergebnisse sein. Gerade während längerer Hitzeperioden stellt dies viele Betriebe vor zusätzliche Herausforderungen.
Im Extremfall droht Lebensgefahr
Steigt die Körpertemperatur der Tiere über längere Zeit an, können die natürlichen Regulationsmechanismen versagen. «Wenn Schweine ihre Körpertemperatur nicht mehr ausreichend senken können, drohen schwere gesundheitliche Folgen», erklärt Iwan Nussbaumer.
Typische Warnsignale sind eine stark erhöhte Atemfrequenz, Unruhe oder sogar Schnappatmung. Besonders bei hochtragenden Sauen seien solche Symptome ernst zu nehmen. Im schlimmsten Fall könne ein Hitzeschlag auftreten, der tödlich endet.
Wasser und Lüftung sind entscheidend
Um Hitzestress vorzubeugen, spielt die Wasserversorgung eine zentrale Rolle. «Wie bereits erwähnt, ist der Schweinebestand auf genügend Wasser angewiesen. Der Tierhalter muss deshalb sicherstellen, dass ausreichend Wasser zur Verfügung steht», betont Iwan Nussbaumer.
Besondere Aufmerksamkeit gelte den Tränkeeinrichtungen. «Ein Ausfall oder eine unzureichende Funktion der Wasserversorgung kann rasch zu Problemen führen. Deshalb sollte die Funktion aller Tränken während Hitzeperioden regelmässig überprüft werden», sagt der Tierarzt.
Ebenso wichtig sei ein angepasstes Stallklima. Die Lüftungsanlagen sollten so eingestellt werden, dass die Luftzirkulation verbessert und die Wärmebelastung im Tierbereich reduziert wird. Ventilatoren oder Vernebelungsanlagen können zusätzlich helfen, die Stalltemperatur zu senken und die Tiere zu entlasten.
Worauf Tierhalter achten sollten
Während Hitzeperioden empfiehlt Iwan Nussbaumer eine besonders aufmerksame Tierbeobachtung. Kontrolliert werden sollten insbesondere die Wasseraufnahme, die Funktion sämtlicher Tränken sowie das Verhalten der Tiere.
Zu den wichtigsten Massnahmen gehören:
- Kontrolle aller Tränken auf ausreichenden Wasserdurchfluss
- Sofortige Behebung möglicher Ausfälle der Wasserversorgung
- Regelmässiges Füllen oder Reinigen von Wasserstellen und Suhlen im Aussenbereich
- Anpassung der Fütterung bei hohen Temperaturen
- Optimierung der Lüftungsanlage und des Stallklimas
- Tägliche Überwachung von Stalltemperatur und Tierverhalten
- Beobachtung der Atemfrequenz als wichtiger Indikator für Hitzestress
- Gegebenenfalls Besprühen der Tiere mit kaltem Wasser zur kurzfristigen Abkühlung
«Je früher Anzeichen von Hitzestress erkannt werden, desto schneller können Gegenmassnahmen ergriffen werden», sagt Iwan Nussbaumer.
Kaum Forschung für hiesige Verhältnisse
Nach Angaben des Tierarztes gibt es bislang nur wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen von Hitzestress bei Schweinen unter mitteleuropäischen Bedingungen. Viele Erkenntnisse stammen aus Regionen mit deutlich wärmerem Klima und lassen sich nicht immer direkt auf die Schweiz übertragen.
Für Iwan Nussbaumer ist dennoch klar: Mit zunehmenden Hitzewellen gewinnt das Thema auch hierzulande an Bedeutung. «Eine gute Wasserversorgung, ein funktionierendes Lüftungssystem und eine aufmerksame Tierbeobachtung sind die wichtigsten Voraussetzungen, um Schweine sicher durch heisse Sommertage zu bringen.»

