Meine Mutter hat mir unter anderem einen Sessel vererbt. Für ein wenig Ruhe, zwischendurch. Längst haben ihn die Katzen für sich beansprucht. Er steht vor dem Pferdestall, und hinter ihm sitzt Luana und schaut in ihren Napf. Der ist sauber und gefüllt mit frischem Futter. Sie rührt ihn nicht an, solange ich da bin. Sie wartet. Lange hat sie von nichts anderem gelebt als von dem, was sie selbst erjagen konnte – Mäuse, Vögel, was immer sich bot. In der Schweiz leben rund 300 000 verwilderte Katzen. Für die Biodiversität sind sie ein Problem – und für das Image der Landwirtschaft auch, denn viele stammen von Höfen.

Luana kam zu mir über NetAP. Kastriert, geimpft, gechippt. Mit ihr kam auch Leonidas. Er starb kurz nach der Ankunft. Sein Körper war zu sehr gezeichnet von einem Leben ohne Fürsorge – irgendwo auf einem Hof, dessen Bewirtschafter weggeschaut oder nicht hingeschaut hatte. So endet es oft.

Luana lebt. Sie schaut aus dem Spalt zwischen Sessel und Wand, die grüngelben Augen wach, der Körper angespannt. Sie duldet meine Nähe, mehr nicht. Das ist in Ordnung. Hofkatzen wie sie brauchen keinen Streichelkater-Charakter. Sie brauchen einen trockenen Unterschlupf, tägliches Futter, frisches Wasser, eine Entwurmung von Zeit zu Zeit – und jemanden, der schaut, ohne etwas zurückzuerwarten.

300 000 verwilderte Katzen – und jeden Frühling mehr

Genau daran hapert es. Wer heute ein Junges sucht, hat klare Vorstellungen: Farbe, Geschlecht, am liebsten handzahm und verschmust. Was übrigbleibt, findet keinen Platz. Und es bleibt viel übrig. Jeden Frühling werden es mehr, weil unkontrollierte Würfe auf Höfen zur Normalität gehören, weil Private ihre Tiere aussetzen und weil kastrierte Katzen noch immer als schlechtere Mäusefänger gelten – ein Mythos, der sich hartnäckig hält und viel Elend produziert.

Ein unkastriertes Katzenpaar und seine Nachkommen können sich in wenigen Jahren zu einer Kolonie von mehreren Dutzend Tieren ausweiten. Dann werden sie erschossen oder die Tiere verhungern oder sie werden – wenn es gut geht – von einer Organisation wie NetAP abgeholt, kastriert und neu vermittelt. NetAP hat in der Schweiz bisher über 10 000 Katzen kastriert. Die Warteliste ist lang.

Wer wegschaut, schafft ein Problem

Für Höfe mit unkontrolliertem Katzenbesatz ist das kein Kavaliersdelikt. Wer wegschaut, schafft ein Tierschutzproblem und ein Imageproblem zugleich. Die Landwirtschaft hat genug davon, sich für Dinge rechtfertigen zu müssen, die sie selbst in der Hand hätte. Verwilderte Katzen gehören dazu.

Gegenliebe ist nicht Teil des Deals

Der Weg ist nicht kompliziert. NetAP vermittelt kastrierte, versorgte Tiere an Höfe – paarweise oder in Gruppen, weil Katzen soziale Tiere sind, auch wenn sie das nicht zeigen. Wer Platz hat und bereit ist, täglich zu füttern und gelegentlich zum Tierarzt zu gehen, kann helfen. Gegenliebe ist nicht Teil des Deals. Luana schaut mich inzwischen an. Wenn der Napf leer ist, mauzt sie. Anfassen werde ich sie vermutlich nie können. Das ist auch gut so. Sie ist keine Schmusekatze – sie ist eine Hofkatze. Und sie hat ihren Platz gefunden.

Platz für eine Hofkatze?
NetAP – Network for Animal Protection vermittelt verwilderte Katzen an Bauernhöfe. Die Tiere werden kastriert, gegen innere und äussere Parasiten behandelt, gechippt und mindestens einmal geimpft abgegeben. Sie kommen paarweise oder in Gruppen. Bei Bedarf stellt NetAP einen Auswilderungszwinger zur Verfügung, baut ihn auf und holt ihn wieder ab.

Was der Hof bieten muss: trockener, warmer Unterschlupf, tägliche Fütterung, permanenter Zugang zu frischem Wasser, gelegentliche tierärztliche Versorgung, verkehrsarmes Revier.

Kontakt: info@netap.ch · Tel. 044 202 68 68 · www.netap.ch