Wenn Ambros Zurfluh, Schafzüchter aus Bubendorf und erster Präsident des Schafzuchtvereins Baselland und Umgebung (SZV-BLU), eine Reise oder einen Anlass organisiert, wissen die Teilnehmenden: «Das wird gut!» So geschehen am 30. Oktober 2021, als sich 35 Personen mit dem A.N.K.-Car Muttenz – Chauffeur Hansjörg Gysin ist selbst Schafzüchter – auf die Reise nach Baden-Württemberg (BW) begaben. «Es wären gerne weitere Mitglieder mitgekommen», sagte der Organisator, «aber wegen fehlender Covid-Zertifikate mussten sie verzichten.»
Herzlicher Empfang
Die Fahrt führte zuerst in die Ortschaft Bermersbach, nahe Gengenbach, am Rande des Mittleren Schwarzwalds auf 225 Meter über Meer. Die höchste Erhebung ist der Rebmesserstein mit 505 m ü. M. Die Ortschaft umfasst 1438 Hektaren, davon sind 60 Prozent Wald. Auch hier gibt es immer weniger Bauernbetriebe.
Auf dem Hof von Familie Reinhard und Cornelia Bischler traf die Reisegruppe auf ein hochkarätiges Empfangskomitee, allen voran der Ortsvorsteher von Bermersbach, Manfred Armbruster. Vom Tiergesundheitsdienst der Tierseuchenkasse BW war Tierarzt Holger Axt anwesend und vom Landschaftserhaltungsverband Kreis Ortenau, Geschäftsführerin Regina Ostermann. Die Badische Zeitung, Region Ortenau (der Ortenaukreis ist der flächengrösste Landkreis in BW), hatte einen Journalisten delegiert, um über den Besuch aus der Schweiz zu berichten.
Der Vorsitzende des Landesschafzuchtverbands BW, Siegbert Lamparter, nahm 180 Kilometer unter die Räder, um die Schweizer(innen) persönlich zu begrüssen. «Des isch mir also wichtig gsi, dass ich meine Schweizer Kollegen selbscht begrüsse», meinte er. Er hält auf seiner Schäferei in St. Johann-Gächingen 100 Mutterschafe und rund 150 Lämmer. Die Tiere leben auf grosszügigen Weideflächen, wie wir uns diese auf der Schwäbischen Alb vorstellen. Seit über 30 Jahren züchtet er Texelschafe. «Ich schwöre auf diese Fleischrasse», hält er fest. Die muskulösen Tiere seien einfach zu halten, genügsam und lieferten eine gute Fleischqualität, ohne dass man die Lämmer mit Kraftfutter mästen müsse.
Angesehene Landwirtschaft
Die persönliche Vorstellung dieser Personen liess die Schäfeler und Schäfelerinnen aus der Schweiz darüber staunen, wie viel Wert die Politik in Baden-Württemberg auf das gute Einvernehmen mit den Bauernfamilien legt, wie die Beratung hoch angesiedelt ist, wie die Landwirtschaft angehört wird und wie wichtig die Schaf- und Ziegenhaltung für den Naturschutz in diesem Bundesland sind.
Beim Betreten von Bischlers Hof springt einem sofort die Losung «Württemberger Lamm hält die Täler frei» in die Augen. Reinhard Bischler ist Koppelschäfer – im Gegensatz zu Wanderschäfern – und hält 200 Mutterschafe verschiedener Rassen und 120 Lämmer. Seit Jahrzehnten geht er dieser Freizeitbeschäftigung nach. Daneben leben Ziegen, Kaninchen und ein paar Kühe auf dem Hof sowie die beiden Hunde Anton und Ben. Anton ist der Hütehund, Ben der beeindruckend grosse, schöne ungarische Herdenschutzhund.
Der Wolf ist auch hier Thema
Auch in dieser Region sorgt der Wolf für Diskussionen. Bis jetzt haben sich nachweislich vier Wölfe im Bundesland niedergelassen, nämlich im Schwarzwald und im Odenwald-Gebiet. Reinhard Bischler ist ein vehementer Gegner von Grossraubtieren und tut dies auch scharfzüngig kund. Auch Siegbert Lamparter hat keine Freude an den anhaltenden Diskussionen, im Schwarzwald und auf der Alm wieder Wölfe anzusiedeln. Mit dem Engagement von Natur- und Umweltschützern kann er wenig anfangen und sagt: «Der Wolf hat keinen Platz hier.» Seit Mitte 2020 gilt es gemäss dem Umweltministerium BW, Schafe, Ziegen und Gehegewild im gesamten Naturraum Schwarzwald miteinem wolfabweisenden Grundschutz zu sichern. Das neue«Fördergebiet Wolfsprävention Schwarzwald» hat eine Grösse von rund 8800 Quadratkilometern. Dabei würden bis zu100 Prozent der Kosten zur Anschaffung von entsprechendem Material übernommen. Auch mit dem Bau eines wolfsabweisenden Zauns verbundene Arbeitskosten und der Unterhalt von Herdenschutzhunden würden teilweise erstattet.
Grosse Preisunterschiede
Grosses Interesse weckte der von Reinhard Bischler und Siegbert Lamparter vorgestellte rückenschonende mobile Klauenpflegestand, der gemietet werden kann. Auch über die Preisunterschiede in den beiden Ländern wurde diskutiert; über die Differenzen bei Lamm und Schaf, lebend und franko Schlachthof. Nachdem diese von den Schweizern dargelegt worden waren, meinte Bischler: «Ihr kriegt ja das Doppelte! Da muss ich mir überlegen, ob ich die Tiere zukünftig nicht über die Grenze spedieren will.»
Auf solchen Reisen ist das Essen wichtig, wo man behaglich zusammensitzt. Bischlers tischten eine Brotzeit auf, wie wir sie uns im Schwarzwald vorstellen. Nach einer kurzen Fahrt ginges zum Mittagessen in ein urgemütliches Stüble und späterweiter Richtung Freiburg zurBetriebsbesichtigung des Bio-Ziegenmilchbetriebs der Familie Otto und Barbara Rees in Horben im Katzental.
Eine bekannte Familie
Familie Rees hält auf dem Ringlihof (500 m ü. M.) 200 Bunte Deutsche Edelziegen (ein Pendant zu unserer Gemsfarbigen Gebirgsziege) mit einer mittleren Laktationsleistung von 800 Kilogramm, bei hohem Fett- und Eiweissgehalt. Die Tiere werden zweimal täglich gemolken und die Milch wird auf dem Hof zu rund zehn Sorten Frischkäse verarbeitet. Daneben werden auch Joghurt und Weichkäse hergestellt. Die Produkte verkauft Familie Rees direkt auf verschiedenen Märkten in der Stadt Freiburg und liefert sie an Gastronomiebetriebe.
Den Hof übernahmen Otto und Barbara von seinen Eltern als Milchwirtschaftsbetrieb. Als die Milchpreise sanken, mussten sie sich neu orientieren und entschlossen sich, zehn Milchziegen zu kaufen, um sich in diese Branche einzuarbeiten. 1996 verkauften sie die Kühe und bauten seither das Ziegengeschäft stetig aus. Ab 2001 stellten sie auf biologische Produktion um, seit 2007 sind sie Mitglied bei «Bioland». Barbara Rees nahm sich viel Zeit, um gemeinsam mit der Herdenmanagerin Katharina den Schweizer Besuchern den Familienbetrieb vorzustellen.
Sie wies darauf hin, dass der Familienname «Rees» ein wichtiger Verkaufsmagnet sei. «Unsere Familie ist seit Generationen in der Gegend bekannt», hielt sie fest, «es ist wichtig, dass wir selbst die Produkte herstellen und verkaufen. Die Konsumenten schätzen es, ihre bäuerlichen Produzenten persönlich zu kennen.»

