An der Generalversammlung von Swiss Jersey im März 2026 informierte Präsident André Stalder über den neuen Erbfehler JM1 bei der Jersey-Rasse. «Der Marker wurde 2022 in einer wissenschaftlichen Arbeit erstmals publiziert. Daraufhin wurde dieser im Rahmen des Chipdesigns der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rindviehzüchter (ASR) auf den Chip genommen, um die Schweizer Population am Marker zu testen. Dabei stellte sich heraus, dass der Erbfehler auch in der Schweiz verbreitet ist», erklärt André Stalder auf Nachfrage.
Die Bezeichnung JM1 (F/C oder S) wurde von Qualitas in Zusammenarbeit mit Braunvieh Schweiz und Swiss Jersey definiert. Die Schweiz sei europaweit das erste Land, das diesen Erbfehler auf Ausweisen publiziere.
Betroffene Kühe oft nicht erkannt
«Glücklicherweise ist der Erbfehler JM1 für das Tier weder tödlich noch führt er zu Tierleid», betont André Stalder weiter. Bei reinerbigen Tieren (JM1S) seien allerdings negative Auswirkungen auf die Milchleistung sowie den Fett- und Eiweissgehalt zu beobachten.
«In Betrieben mit sehr gutem Management und Tieren mit einem sehr hohen genetischen Leistungspotenzial kann es gut sein, dass betroffene Kühe gar nicht erkannt werden, denn diese geben zwar weniger Milch, als wenn sie den Erbfehler nicht hätten, sind aber immer noch produktiv.»
Sieben Prozent der Rassentiere sind mischerbige Träger
Obwohl die Folgen von JM1 weniger dramatisch sind als bei anderen Erbfehlern, ist es für den Zuchtverband Swiss Jersey bedeutend, diesen züchterisch einzudämmen. «Man schätzt, dass rund sieben Prozent der Rassentiere mischerbige Träger – JM1C – sind», so André Stalder.
Ein Grund für diese relativ hohe Zahl ist, dass der in den letzten Jahren stark eingesetzte Stier Gelato mischerbiger Träger von JM1 ist. Von Gelato, der lange Zeit der einzige im KB-Einsatz stehende Jersey-Stier aus Schweizer Zucht war, sind im Herdebuch fast 800 Zuchttiere registriert.
Gelato wurde 2021 in den KB-Einsatz selektiert, also noch vor Bekanntwerden des Markers in der neuseeländischen Publikation und noch bevor es in der Schweiz möglich war, den Erbfehler zu bestimmen.
Auch weitere ältere Jersey-Stiere wie Lemvig, Gislev, Gutz, Zolt, Openroad, Addiction, Nibiru und Ludo sind mischerbige Träger von JM1. Bei Swissgenetics ist momentan kein Stier im Angebot, der Träger von JM1 ist. Bei Juke, Casino, Dell, Venus und Jordan fehlt allerdings noch das Testresultat. Bei Select Star ist mit Jasurda nur ein Trägerstier im Standardangebot.

Swiss Jersey informiert an einer Online-Veranstaltung detailliert über JM1
«Der Erbfehler JM1 wird nicht mehr aus unserer Rasse verschwinden; wir Jersey-Züchter müssen aber verhindern, dass die Anzahl Trägertiere noch weiter ansteigt», erklärt André Stalder.
Seit dem 7. April 2026 sei es möglich, JM1-Risikopaarungen mittels Paarungsplan im Brunanet oder mit dem Ampelsystem von Swissgenetics zu erkennen. Gleichzeitig werde dieser Erbfehler auf dem Abstammungsschein als JM1 (F/C oder S) ausgewiesen.
Am 20. Mai wird Swiss Jersey seine Mitglieder zudem anlässlich einer Online-Veranstaltung detailliert über den Erbfehler JM1 informieren.
Situation beim Braunvieh
Auch andere Rassen sind immer wieder mit neuentdeckten Erbfehlern konfrontiert. Durch die genomische Zucht liessen sich in den vergangenen zehn Jahren vorher unbekannte rezessive Gene entdecken, die bei Homozygotie – also wenn das Gen vom Stier und von der Kuh weitergegeben wird – zum Tod des Embryos führen oder andere Erkrankungen auslösen können. Beim Braunvieh wurden dank Gentests in den letzten Jahren rund 15 Erbfehler erkannt. Deren Auswirkungen unterscheiden sich stark und gehen von Abort, lebensunfähigen Kälbern, missgebildeten Gliedmassen und Sehschwäche bis zu Unfruchtbarkeit. Anzahl von Erbfehlern betroffener Braunvieh-Tiere ist stabil «Diese Erbfehler waren früher schon mehr oder weniger verbreitet. Dank der Genomik wurden sie erkannt, so können nun Risikopaarungen vermieden werden», erklärt Andreas Kocher von Braunvieh Schweiz. Dies zeige die Bedeutung der Genomik und wie sinnvoll es sei, auch die weiblichen Tiere zu typisieren. Jedes Lebewesen sei Träger von rund 200 Gendefekten. Diese hätten keinen negativen Einfluss auf die Nachkommen, wenn der Defekt nur von einer Seite komme. Bei Inzucht sei das Risiko, dass sich solche Gendefekte zeigten, grösser. «Die Anzahl von Erbfehlern betroffener Tiere ist beim Braunvieh in der Vergangenheit stabil tief geblieben», so Andreas Kocher. Man verfolge heute nicht mehr die Strategie, Stiere, die Träger eines rezessiven Gens sind, generell vom KB-Einsatz auszuschliessen. Dies würde sich nicht nur negativ auf den Zuchtfortschritt auswirken, sondern könnte je nach Rasse auch die Inzucht verstärken, da durch einen Ausschluss Zuchtlinien ohne Erbfehler überproportional zum Einsatz kämen. Gezielt anpaaren und Erbfehler konsequent beachten «Entscheidend ist, dass Risikopaarungen vermieden werden», betont Andreas Kocher. Der Paarungsplan im Brunanet oder das Ampelsystem von Swissgenetics bieten dafür wertvolle Unterstützung. Auf den Betrieben beobachtet er verschiedene Strategien: Viele Züchter würden gezielt anpaaren und die Erbfehler entsprechend konsequent beachten, andere würden bei den Besamern bezüglich des Erbfehlerrisikos einer Paarung anfragen, und wiederum andere würden die Erbfehler gar nicht berücksichtigen.

