Gefahr die man nicht sieht

Letzte Woche verlor ein Landwirt 19 Rinder. Der Grund: Aus der Jauchgrube ist Gas in den Stall gedrungen.

Der Vorfall im Zürcher Oberland bewegte in der letzten Woche die Öffentlichkeit. Die Bauernzeitung fragte beim Experten für Schadgasunfälle bei Agroscope, Beat Steiner nach.

Ist dies ein Einzelfall oder gibt es mehr Unfälle mit Gülle, als bisher angenommen wird?
Beat Steiner: Bisher ereigneten sich leider jährlich Schadgasunfälle, es ist somit kein Einzelfall. Neben den Ereignissen mit gravierenden Folgen, die publik werden, gibt es eine erhebliche Dunkelziffer. Die gute Nachricht ist jedoch: Die allermeisten Schadgasunfälle sind vermeidbar.

Um was für Gase handelt es sich, wie wirken Sie?
Bei der Lagerung von Gülle entstehen die Schadgase Schwefelwasserstoff (H2S), Ammoniak (NH3), Methan (CH4) und Kohlendioxid (CO2). Mit Blick auf die akute Wirkung von Güllegasen steht Schwefelwasserstoff im Vordergrund. Dabei handelt es sich um ein starkes Nervengift.

In niedrigen Konzentrationen riecht es nach faulen Eiern, ist dann aber rasch nicht mehr wahrnehmbar, da es die Geruchsrezeptoren lähmt. In höheren Konzentrationen führt es zur Atemlähmung. In der wärmeren Jahreszeit steigen die Temperaturen im Güllelager. Dies erhöht die Bildung von Schadgasen. Deren Ausbreitung wird massgeblich durch die Luftströmungen und somit durch die Lüftungsbedingungen in Tierbereichen und angrenzenden Räumen beeinflusst.

Im konkreten Fall starben die Tiere, als der Landwirt die Gülle aufrührte. Was hat das Aufrühren der Gülle für einen Effekt?
Die Gasfreisetzung beim Aufrühren der Gülle ist vergleichbar mit Rühren oder Schütteln von Mineralwasser: Sobald die Flüssigkeit bewegt wird, treten die Gasblasen aus. Dies erweist sich beim Aufrühren der Gülle als besonders tückisch, weil die Freisetzung oft schwallartig erfolgt; allfällige Schwimmschichten sowie wechselnde Luftströmungen in Güllekanälen oder -gruben tragen dazu bei.

Der Stall, in dem die Tiere verendeten, war mit einem Spaltenboden ausgerüstet. Hat dies die Gefahr erhöht?
Schadgase können auf vielfältige Weise in Ställe oder angrenzende Räume eindringen, seien dies ausgetrocknete Siphons, undichte Schieber oder andere mangelhafte Gasverschlüsse. Durch das Rühren oder Umspülen in Kanälen und Gruben, welche mit Spaltenböden abgedeckt sind, gelangen die Gase direkt durch die Perforation in den Stall- oder Laufhofbereich. Besonders kritische Orte sind «tote Ecken», der Auslauf von Spülleitungen, sowie Bereiche beim Rührwerk, bei Pumpschächten und Entnahmestellen.

Wie kann man die Tiere von den entstehenden Gasen schützen?
Stallbereiche in denen gefährliche Situationen zu erwarten sind, müssen während dem Umspülen oder Aufrühren gründlich durchlüftet werden. Eine einzige offene Seite des Stalls genügt nicht, um mit natürlicher Lüftung einen genügenden Luftwechsel sicher zu stellen. In geschlossenen Ställen oder mehrseitig umwandeten Laufhöfen kann ein gezielter Einsatz von Ventilatoren die Lösung sein. Ergibt sich keine zuverlässige Lüftungsvariante, müssen Tiere ausgesperrt, umgestallt oder auf die Weide gebracht werden.

Im verlaufenen Fall wurde der Gülle der Düngeraufwerter Brinamon beigegeben. Hat diese Ammoniumsulfatlösung die Gasbildung beschleunigt?
Weil uns keine Angaben zu den weiteren Inhaltsstoffen von 
Brinamon vorliegen, lässt sich vorerst nur eine Aussage zu Ammoniumsulfat machen. In Stoffwechselvorgängen bei der Sulfatreduktion kann auch die Bildung und Umsetzung von Schwefelwasserstoff beeinflusst sein.

Welche Regeln müssen beachtet werden, wenn Düngeraufwerter beigemischt werden?
Bei «Düngeraufwertern» wie Ammonsulfat muss ein Wirkungsnachweis vorliegen. Solche Zusätze sollten direkt beim Ausbringen der Gülle eingesetzt werden. Es dürfen zudem keine Restmengen der Zusätze im Güllelager verbleiben. In jedem Fall sind die Anwendungshinweise des Herstellers resp. Lieferanten zu beachten.

Interview Christian Weber

Beat Steiner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Arbeit, Bau und Systembewertung am im Institut für Nachhaltigkeitswissenschaften (INH) bei Agroscope

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