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«Die Entnahme des Wolfsrüden M92 war längst überfällig»

Die höchste Bündner Älplerin, Christa Buchli, ist froh über den Abschuss des Leitrüden des Beverinrudels. Dieser Abschuss alleine reiche jedoch nicht, um die Wolfsproblematik zu entschärfen, gibt sie im Interview zu bedenken und fordert eine Obergrenze bei der Anzahl Wölfe pro Rudel.

In der Nacht vom 8. auf den 9. November 2022 hat die Bündner Wildhut einen mehrjährigen Wolfsrüden des Beverinrudels erlegt. Dabei handelte es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um den Rüden M92, dessen Verhalten schon länger als problematisch bezeichnet wurde.

Frau Buchli, was war Ihr ­erster Gedanke, als Sie vom Abschuss des Leitrüden des Beverinrudels erfahren haben?

Christa Buchli: Dieses Rudel hat sich sehr auffällig verhalten. Der Rüde und somit das ganze Rudel akzeptierten keinen Herdenschutz, keine Grenzen. Die Nach­kommen des Rüden lernten dieses Verhalten von ihm. In meinen Augen war die Entnahme des Rüden schon längst überfällig.

Mit dem Abschuss hoffen wir, das Verhalten des ganzen Beverinrudels zu korrigieren.

Christa Buchli zum Abschuss des Leitrüden des Beverinrudels

Nun gilt es abzuwarten, ob der Abschuss erfolgreich war und wie sich die Situation entwickelt.

Sind Sie zufrieden mit dem Tempo des Kantons ­Graubünden?

Ich denke, der Kanton tut sein Möglichstes. Er bewegt sich im rechtlichen Rahmen, darauf bedacht, handlungsfähig zu bleiben. Manchmal äusserst mutig, manchmal aus Aussensicht auch zu zurückhaltend.

Auf Bundesebene sollte dringend gehandelt werden. Der ganze Ablauf ist zu langsam. Mit einer neuen Verordnung könnte der Wolfsschutz gelockert werden. Aber das Bundesamt für Umwelt will nicht. Da sehe ich das Problem. Der politische Prozess braucht Zeit, für uns dauert es zu lange.

Welche Verbesserungen ­wünschen Sie sich beim Wolfsmanagement?

Für uns ist, neben einem zumutbaren Herdenschutz, eine strikte Regulierung des Bestandes das Wichtigste. Es ist wichtig, dass Wölfe, die Nutztiere reissen und solche, die uns Menschen zu nahe kommen, rasch und unbürokratisch entnommen werden. Nur so kann Herdenschutz wirksam sein. Auch muss eine Obergrenze des Bestandes festgelegt werden. Das kennt man heute bereits beim Steinbock.

Nur so kann vielleicht die von der nicht betroffenen Bevölkerung herbeigesehnte Koexistenz mit den Nöten der betroffenen Regionen annähernd in Einklang gebracht werden. Der Wille dazu ist in manchen Regionen praktisch nicht mehr vorhanden. Ich denke, die Bevölkerung dort wird sich selbst helfen, wenn man ihr nicht helfen will.

Bis zum nächsten Alpsommer dauert es noch eine Weile. Trotzdem die Frage: Mit ­welchen Gefühlen blicken Sie der nächsten Alpsaison entgegen?

Man darf nicht vergessen, dass die Wölfe im Winter auch da sind, im Tal in Dorfnähe. Dem nächsten Alpsommer sehe ich in erster Linie mit Freude entgegen, das ist die wichtigste Voraussetzung um z Alp zu gehen. Ich bin mir bewusst, dass viele Betroffene ein mulmiges Gefühl begleiten wird.

Es wird kein einfacher Sommer werden, der Alpsommer 2023. Viele von uns werden unter dem hohen Wolfsdruck leiden. Es ist zu befürchten, dass die Massaker auf unseren Alpen weitergehen.

Christa Buchli zum Alpsommer 2023

Wir haben zehn Rudel im Kanton Graubünden. Praktisch alle hatten Nachwuchs. Die Eliminierung von den paar wenigen Welpen bremst das Wachstum nur minim und wird kaum eine abschreckende Wirkung herbeiführen.

Was halten Sie von Freiwilligeneinsätzen wie sie Pasturs Voluntaris (zu Deutsch: Freiwillige Hirten) organisiert?

Der Bündner ÄlplerInnenverein setzt sich für zeitgemässe Löhne und Arbeitsverhältnisse ein. Das bedeutet für mich, dass die Anstellung mit Vertrag und nach Richtlohn erfolgen muss. Die Alp wird vorgängig anhand der Stellenprozente ausgeschrieben. Dies erfolgt auf www.zalp.ch, durch Bekanntschaften oder in den sozialen Medien. Hier können sich alle melden, die sich vom Inserat angesprochen fühlen.

Tatsache ist, dass viele professionelle Hirten und Hirtinnen ihrem Beruf den Rücken kehren oder kehren werden, wenn man die Situation mit den Wölfen weiter eskalieren lässt.

Christa Buchli zum Personalmangel auf den Alpen

Diese Hirten kann man nicht durch Tageseinsätze von Laien ersetzen.

Wenn Sie bezüglich der ­Wolfsituation einen Wunsch frei hätten, wie würde der lauten?

Mein grösster Wunsch ist, dass die uns anvertrauten Tiere den Alpsommer sicher vor Grossraubtieren auf der Alp verbringen können. Diese Massaker müssen ein Ende haben.

Ich wünsche mir, dass wir Älpler(innen) ohne diesen enormen Druck wieder auf die Alp gehen können. Im Sommer hatte ich oft Kontakt mit Älplern, die betroffen waren. Das Leid ist enorm. Älpler(innen) versuchen ihre Tiere zu schützen und schaffen es mit den heutigen Mitteln einfach nicht. Dies führt zu enormem Stress. Der Anblick von gerissenen toten und noch lebenden Tieren ist belastend und traumatisch.

Noch ein letzter Gedanke: Beim vielgehörten Ratschlag der Wolfslobby, die Hirtenkultur soll aufgefrischt werden, zurück zu den Wurzeln etc. wird vergessen, dass die Hirten früher bewaffnet waren.

Zur Person

Christa Buchli ist Präsidentin des Bündner ÄlplerInnenvereins. Sie ist im Safiental zu Hause, wo das Beverinrudel lebt, und betreut im Sommer als Hirtin 168 Stück Vieh.

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