Mein Vater Viktor wuchs auf im Lindenegg in Amden SG. Ein schöner, kleiner Hof, rund eine halbe Stunde von der Kirche entfernt. Damals lag die Kirche im Dorf, im wirklichen und übertragenen Sinn. Wenn meine Ahnen aus dem Bauernhaus traten, sahen sie direkt hinauf zur Kirche. Allerdings lag das Tobel dazwischen, auf beiden Seiten umrandet teils von Felsen und stotzigem Wiesland. Um zum Gotteshaus zu gelangen, musste man einen Umweg machen durch den Dorfkern.
Eine andere Zeit
Der Blick auf die Kirche hatte den Vorteil, dass man bei Tag stets wusste, wie spät es war. Morgens um 6 Uhr, mittags um 11 Uhr, nachmittags um 15 Uhr und abends um 19 Uhr, im Winter um 18 Uhr, läutete es «Betzeit» (Bätzyt). Es gab Leute, die bekreuzigten sich, andere falteten die Hände zu einem stillen Gebet, Männer hoben kurz ihre Kopfbedeckung. Niemand störte sich am Geläut. Im Gegenteil, wenn es nicht läutete, fragte man sich, was los sei. Mein Grossvater, bekannt als der Lindenegg Karl (1886–1982), verlor seine Frau Ida (1894–1919), als Sohn Viktor zwei Jahre und vier Tage alt war.
Sein Vater heiratete nicht mehr, so wuchs mein Vater als Einzelkind auf. Er erzählte uns, er habe seine Mutter nicht gekannt, nie gesehen. Nur ein einziges Mal, etwa zehn Minuten. Vater sei auf der Alp gewesen, Mutter ging ihn mit dem Kleinkind besuchen. Auf dem Wege hätten sie bei einer Bäuerin reingeschaut. Er habe viel um seine Mutter geweint und sich, je älter er wurde, gefragt, weshalb seine Schulkameraden eine Mutter hätten und er nicht. Erklärt habe es ihm niemand. Damals gab es keine KESB, keine Careteams. Die Betroffenen waren ganz auf sich allein gestellt.
Der Traum jedes Bauern
Sein Vater stieg in den Viehhandel ein, war dadurch viel fort und im Wirtshaus. Manchmal kam er über Nacht nicht nach Hause. Er handelte nicht nur im Dorf, sondern ging zu Fuss den Berg hinunter ins Glarnerland. Vater erinnerte sich, dass sein Vater zuweilen nach Hause kam und aus seinen Hosentaschen Goldstücke hervorbrachte, die er auf dem Stubentisch aufhäufte. Allerdings habe er diese nie wieder gesehen.
Zwischendurch stellte Grossvater eine Haushälterin an, oder eine Verwandte machte den Haushalt, was für den Knaben ein einigermassen geregeltes Leben brachte. Aber im Grossen und Ganzen sei er viel allein gewesen. Sein Primarschullehrer habe ihn nicht mögen und ihm das immer gezeigt. Bald nach dem Tod von Vaters Mutter hielt sein Vater keine Kühe mehr. Hin und wieder brachte er ein speziell schönes Tier nach Hause, um es weiter zu veredeln und dann einen besseren Preis zu erzielen. Mein Vater erzählte oft von der Kuh mit dem Namen «Hirsch», was auf ihren besonderen Kopfschmuck hinwies. Er sagte uns Kindern, solche Hörner würden unter der Bezeichnung «Geweih» laufen; deshalb ihr Name. Prächtige Hörner waren in meiner Heimat damals der Traum jedes Bauern.

