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Auf dem Biohof Froh Ussicht trifft Landwirtschaft auf Kunst

Auf 13 Hektaren mit Bio-Gemüse, Obst und 1400 Legehennen entstehen Kunstprojekte, die bäuerliches Wissen, Ökologie und den Austausch zwischen Stadt und Land verbinden.

Landschaft ist weit mehr als eine Fläche zur Produktion von Lebensmitteln. Auf dem Biohof Froh Ussicht in Samstagern (ZH) wird sie zum Ort für künstlerische Auseinandersetzung, gesellschaftlichen Austausch und ökologische Fragestellungen.

Das mehrjährige Projekt Expanded Fields bringt Kunstschaffende, Forschende und Landwirtschaft zusammen und eröffnet neue Perspektiven auf das Zusammenleben von Mensch und Umwelt.

Inspiriert ist das Projekt vom Essay «Sculpture in the Expanded Field» der Kunsthistorikerin Rosalind Krauss. Darin beschreibt sie, wie sich der Begriff der Skulptur über seine klassischen Grenzen hinaus erweitert hat. Diesen Gedanken greift Expanded Fields auf und überträgt ihn auf das Zusammenspiel von Kunst, Landwirtschaft und Ökologie. Landschaft wird dabei nicht als Kulisse verstanden, sondern als lebendiger Raum, in dem neue Ideen, Begegnungen und Formen des Zusammenlebens entstehen können.

Im Mittelpunkt steht jedoch nicht die Idee, Kunst einfach auf einen Bauernhof zu bringen. Vielmehr entwickeln sich die Projekte aus dem Ort selbst heraus. Sie setzen sich mit der Geschichte des Hofes, seiner Landschaft und den Menschen auseinander, die dort leben und arbeiten.

Kunst und Landwirtschaft als gemeinsamer Ausgangspunkt

Martin Blum führt die Froh Ussicht in vierter Generation. Der Landwirt und ausgebildete Künstler verbindet seit vielen Jahren Landwirtschaft mit kultureller Arbeit. Gemeinsam mit den Ausstellungsmacherinnen und Kunsthistorikerinnen Carole Kambli und Sabine Rusterholz Petko entwickelt er seit zwei Jahren den Ansatz, den Hof als Ort zu nutzen, an dem Kunst und Landwirtschaft auf Augenhöhe miteinander in Dialog treten.

Bereits seit 2007 arbeiten Künstlerinnen und Künstler auf dem Betrieb mit. Ihre Projekte setzen sich mit Themen wie Natur, Ernährung, Landwirtschaft und Kulturlandschaft auseinander. Dabei ist für Martin Blum entscheidend, dass die Arbeiten nicht losgelöst vom Hof entstehen, sondern aus seinen Gegebenheiten herauswachsen. «Es geht nicht darum, Kunst auf den Hof zu bringen. Die Auseinandersetzung muss aus dem Ort heraus entstehen», sagt er.

Für ihn gehört dazu auch die Frage, wer Landwirtschaft interpretiert und darüber spricht. Oft werde bäuerliche Kultur von Menschen beschrieben, die selbst keinen direkten Bezug dazu hätten. Blum wünscht sich deshalb, dass jene stärker gehört werden, die Landwirtschaft täglich leben und mitgestalten.

Auch Tradition versteht er nicht als etwas Starres. Für ihn lebt sie davon, dass sie weitergeführt, verändert und an neue Bedingungen angepasst wird. Nur so könne sie auch für kommende Generationen Bedeutung behalten.

Der Hof als Ort für neue Perspektiven

Die Froh Ussicht liegt auf rund 610 m ü. M. und umfasst etwa 13 Hektaren Land. Zum Betrieb gehören Obst- und Gemüsebau sowie rund 1 400 Bio-Legehennen. Unterstützt wird das Team unter anderem von Lernenden sowie Praktikantinnen und Praktikanten der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften.

Onion Ring – Eine Arbeit aus dem co-kreativen (Aus-)Tauschprojekt von Willimann Arai mit geflüchteten Menschen aus Richterswil.(Bild: Willimann/Arai)

Mit Expanded Fields hat sich der Hof in den vergangenen Jahren zusätzlich zu einem Ort entwickelt, an dem künstlerische und wissenschaftliche Projekte auf landwirtschaftliche Praxis treffen. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Kreislaufwirtschaft, Ernährung, Reparaturkultur oder neue Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Natur.

«Ökologische Themen dürfen nicht nur in geschlossenen Räumen wie Museen stattfinden. Sie müssen Teil des Alltags werden», sagt Carole Kambli.

Deshalb entstehen die Arbeiten direkt auf dem Hof und beziehen dessen Gegebenheiten mit ein. Viele Projekte entwickeln sich über längere Zeit weiter und bleiben mit dem Ort verbunden, anstatt nach einer Ausstellung wieder zu verschwinden.

Tradition neu denken

Mit «TRADIcTION» wird diese Auseinandersetzung weitergeführt. Die Ausstellung bildet den zweiten Teil des Projekts Expanded Fields und widmet sich der Frage, welche Bedeutung überliefertes Wissen in einer Zeit ökologischer und gesellschaftlicher Veränderungen haben kann.

Im Zentrum steht traditionelles Wissen, das über Generationen durch Erfahrung, Beobachtung und den praktischen Umgang mit Natur und Landwirtschaft entstanden ist. Dazu gehören beispielsweise Kenntnisse über Böden, Saatgut, Jahreszyklen oder handwerkliche Arbeitsweisen. Die Ausstellung versteht dieses Wissen jedoch nicht als unveränderliches Erbe, sondern als etwas Lebendiges, das sich weiterentwickeln und neu interpretieren lässt.

Die beteiligten Kunstschaffenden und Forschenden untersuchen, wie solche Erfahrungen dazu beitragen können, nachhaltigere Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens zu entwickeln. Landwirtschaft erscheint dabei nicht nur als Produktionsform, sondern auch als kulturelle Praxis, die Verantwortung für Boden, Landschaft und Gemeinschaft übernimmt.

«TRADIcTION» lädt dazu ein, gängige Vorstellungen von Fortschritt zu hinterfragen und darüber nachzudenken, welche Rolle traditionelles Wissen bei der Bewältigung aktueller Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder Bodendegradation spielen kann.

Brücken zwischen Stadt und Land

Ein wichtiges Anliegen des Projekts ist es, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen. Carole Kambli beobachtet, dass viele Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner heute kaum noch Berührungspunkte mit der Landwirtschaft haben. «Es geht darum, wieder einen Bezug herzustellen und Interesse zu schaffen», sagt sie.

Ein Beispiel dafür ist ein Gartenprojekt, das durch das Künstlerinnenduo Willimann Arai geleitet wird und Menschen aus dem Dorf mit jungen Geflüchteten und weiteren jungen Menschen mit Migrationsgeschichte zusammenbringt. Gemeinsam wird gepflanzt, gepflegt und gekocht – Tätigkeiten, die Begegnungen ermöglichen und den Austausch fördern.

Die 4-Kanal-Soundinstallation Down to Earth (2026) von Smirna Kulenovic ist Teil der Ausstellung.(Bild: Michel Gilgen)

Der Zugang entsteht dabei über die gemeinsame Arbeit und nicht über Unterschiede in Herkunft oder Lebensgeschichte. Im «Onion Ring Project» wird die Zwiebel, ein alltägliches Lebensmittel mit unterschiedlichsten Kulturen, zum verbindenden Element. Die Zwiebel steht stellvertretend für gemeinsame Esskulturen und unterschiedliche persönliche Geschichten, die sich über das Gärtnern und Kochen begegnen.

Kunst braucht Zeit

Expanded Fields versteht sich bewusst nicht als klassische Ausstellung mit einem festen Anfang und Ende. Statt kurzfristige Projekte zu zeigen, setzt der Hof auf langfristige Zusammenarbeit und kontinuierliche Entwicklung. «Kunst braucht Zeit. Sie darf nicht eindimensional sein», sagt Martin Blum.

Die Auswahl der beteiligten Kunstschaffenden erfolgt über ein breites Netzwerk. Blum und die beiden Kuratorinnen besuchen regelmässig Ausstellungen im In- und Ausland, tauschen sich mit Kunstschaffenden aus und beobachten aktuelle Entwicklungen.

Dabei geht es nicht darum, möglichst spektakuläre Werke zu zeigen. Im Vordergrund steht die inhaltliche Auseinandersetzung. «Es muss nicht einfach gut aussehen. Es muss etwas auslösen und Fragen stellen», sagt Kambli.

So wird die Froh Ussicht zu einem Ort, an dem Landwirtschaft nicht nur Lebensmittel produziert, sondern auch zum Ausgangspunkt für gesellschaftliche Debatten wird. Kunst und Landwirtschaft begegnen sich hier auf Augenhöhe und eröffnen neue Perspektiven auf Landschaft als Lebensraum und Kulturgut. Gemeinsam bilden sie einen Erfahrungsraum.

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