Alpweiden gelten oft als «Natur pur». Sie sind artenreich – aber nur, wenn sie genutzt und gepflegt werden. Ohne Pflege verbuschen sie. «Auf den Bündner Alpweiden werden Kühe tiergerecht gehalten, und dank der Beweidung findet sich eine hohe Artenvielfalt. Aber ohne Pflege verbuschen die Weiden und verlieren ihren Wert», erklärte Alpmeister Hans-Andrea Patt laut einer Mitteilung der Alpgenossenschaft. Zusammen mit dem Biologen Marcel Züger, Weltwoche-Autor und bekannt für seine kontroversen Arbeiten zu Reizthemen wie Wolf und Biodiversität, hatte die Alpgenossenschaft Urdental in Tschiertschen GR eine Begehung für die Medien organisiert.
Mulchen statt Handarbeit
Früher wurde schärfer beweidet, Weidepflege erfolgte von Hand – oft durch Alte, Randständige und Kinder. «Kinderarbeit und soziale Härte sind zum Glück vorbei. Stattdessen setzen wir heute leistungsstarke Traktoren ein», wird Patt in der Mitteilung zum Anlass zitiert. Seit 2024 setzt die Alp einen grossen Traktor mit Mulchgerät ein.
Ausgeführt hat die Arbeiten Unternehmer Christian Göpfert aus Untervaz GR. Der Mulcher läuft auf Kufen, die Grasnarbe soll intakt bleiben. Für die nächste Etappe steht ein Traktor mit 170 PS bereit.
Offenflächen für Birkhahn und Orchidee
Auf den ersten Blick scheint das Mulchen von Alpweiden wenig mit Naturschutz zu tun zu haben: Alpenrosen und Heidelbeersträucher werden von einer rotierenden, zahnbestückten Walze zerhackt. Der Nutzen zeigt sich erst später: Zahlreiche Pflanzen- und Tierarten finden auf den entbuschten Flächen wieder Lebensraum.
Darauf wiesen am Anlass die Revierförster Christian Gredig und Urs Küng hin. Sie erinnerten daran, dass die meisten Alpweiden durch Rodung entstanden sind. Im Frühjahr hätten ein halbes Dutzend Birkhähne auf den neuen Offenflächen gebalzt. Auch Schneehase und Braunkehlchen profitierten.
Züger nennt den Alpenraum einen Biodiversitäts-Hotspot von europäischer Bedeutung. Über 1000 gefährdete Arten seien auf gepflegte Bergwiesen und Alpweiden angewiesen. Die Vergandung sei teils massiv: «Der Naturschutz hat zu stark gebremst.»
Die maschinellen Eingriffe seien zwar massiv, aber einmalig. Schon im ersten Jahr seien wieder Orchideen da gewesen; Feldlerche, Heuschrecken und Schmetterlinge profitierten. Maschinelles Mulchen ersetze die Beweidung nicht, als einmalige Massnahme sei es aber unersetzlich – darin seien sich alle Anwesenden einig gewesen, so das Fazit der Mitteilung.
Vogelwarte: Alpenrose ist nicht Grünerle
Es gibt aber auch kritische Stimmen. Livio Rey von der Schweizerischen Vogelwarte nennt Mulchen für die Tierwelt «grundsätzlich schädlich»: Insekten, Amphibien, Reptilien und Kleintiere entkämen den Geräten oft nicht; Bodenbrüter könnten die Brut verlieren. Eine gute Weideführung führe normalerweise nicht zur Vergandung mit Zwergsträuchern. Wenn überhaupt, solle Mulchen nur als seltene, gezielte Ausnahme Anwendung finden – nicht als Routine.
Als einmalige Sanierung auf überwachsenen Flächen hält die Vogelwarte Mulchen für vertretbar, wenn mehrere Bedingungen zusammenkommen: Eingriff erst ab Mitte August, Zwergstrauchanteil zuvor über 50 Prozent, nur einmal, kein Steinbrecher und kein Forstmulcher, etappenweise statt mehrere Hektar am Stück, nach dem Gang noch über 30 Prozent Zwergstrauch, Grasnarbe unversehrt – und die Beweidung danach so angepasst, dass kein weiteres Mulchen nötig wird. Nicht vertretbar sei Mulchen auf Biodiversitätsförderflächen und Inventarflächen, auf Zwergstrauch-Mosaiken unter den agronomischen Schwellen, als wiederkehrende Pflege und flächendeckend ohne Rückzugsflächen.
«Grasnarbe intakt heisst nicht Lebensraum intakt», sagt Rey. Die Ursache der Verbuschung sei in der Regel zu geringe Nutzung. Oft ändere sich nach dem Eingriff an der Bewirtschaftung nichts – dann bleibe es nicht bei einem einmaligen Eingriff. Ob die Biodiversität profitiere, hänge vom Ausgangszustand ab. Dichte Grünerlenbestände zurückzudrängen sei eine plausible Begründung; naturverträglicher seien Ziegenherden. Alpenrose und Heidelbeere bildeten dagegen einen eigenen Lebensraum, die Zwergstrauchheide. Der landwirtschaftliche Kontrollleitfaden akzeptiere auf mageren Standorten in Mosaikform bis zu 50 Prozent Zwergsträucher.
Die Auswirkungen des Mulchens seien mit der Mähnutzung mit Aufbereiter vergleichbar, heisst es bei Agroscope. Rotierende Werkzeuge zerkleinerten die Pflanzenmasse stärker; tagaktive, langsame Arten in der Krautschicht würden geschädigt, dämmerungs- und nachtaktive am Boden weniger. Grosse Flächen sollten deshalb nie an einem Stück gemulcht werden: Empfohlen werden alternierende Schonstreifen von 10 bis 15 Metern Breite. Sie ermöglichen Flucht und Wiederansiedlung. Zweimaliges Mulchen vereinheitliche den Artbestand, ausser an trocken-warmen Standorten.
Bei der Weidepflege ist das Mulchen billiger – genaue Zahlen fehlen aber
Die Nase vorn hat der Einsatz von Maschinen, wenn es um das Wirtschaftliche geht. Laut Maximilian Meyer von Agroscope zeigt eine ältere Kostenstudie (Dux et al. 2009), dass das Mulchen bestehender Grasbestände mit ungedeckten Kosten von 161 bis 435 Franken pro Hektare für alle Hangneigungen und Parzellengrössen am günstigsten abschneidet – günstiger als Mahd und Weide. Aber: «Die Zahlen beziehen sich auf das Weidepflege-Mulchen. Kosten zum Entbuschungsmulchen fehlen unseres Wissens», so Meyer. Die Entbuschung dürfte um einiges teurer kommen. Aber auch für die Beweidung mit Robustrassen fehlten genaue Zahlen.
Zermatt: Mulchschicht hemmt die Wiederbegrünung
Ein zehnjähriger Versuch in Zermatt zeigt ein weiteres Problem: Die zerkleinerte Biomasse zersetze sich in der Höhe zu langsam und begünstige damit das erneute Aufkommen von Zwergsträuchern. Kontrolliertes Abbrennen dagegen – heute in der Praxis verboten – habe im Versuch Futterpflanzen und Artenzahl erhöht, heisst es dazu in einem vom Alpwirtschaftsbüro Alpe verfassten Schlussbericht. Braunkehlchen nutzten vor allem die stehen gebliebenen, verkohlten Äste als Sitzwarten. Zielbestand sei eine strukturreiche Weide, nicht die kahle Fläche. Einen Haken hat die Studie allerdings: Sie wurde auf mit Wacholder bewachsenen Flächen durchgeführt – Alpenrose und Heidelbeere seien dagegen schlechte Brennstoffe und deshalb weniger geeignet, so die Autoren. Und: Ob Feuer oder Mulcher – ohne angepasste Nachweide komme die Verbuschung zurück.

Das Amt für Landwirtschaft und Geoinformation Graubünden (ALG) unterscheidet klar zwischen Mulchen zur Weidepflege und Mulchen zur Entbuschung, wie Leiter Daniel Buschauer auf Anfrage mitteilt. Ersteres – Regulierung von Problempflanzen, Narbe intakt, keine Naturschutzflächen – ist nach Art. 29 Abs. 4 DZV nicht bewilligungspflichtig. Mulchen zur Entbuschung – verholzte Pflanzen, Ziel: ehemalige Weide zurückgewinnen – braucht nach Abs. 5 eine kantonale Bewilligung.
Das ALG entscheide auf Gutachten einer fachkundigen Person (etwa Plantahof oder Ökobüro), Anliegen von Amt für Natur und Umwelt sowie Amt für Wald und Naturgefahren würden berücksichtigt; weiter müsse der Gesuchsteller vor Ort die Wildhut beiziehen, so Buschauer.
Nach dem Eingriff beurteilen dieselben Fachleute die Arbeit; es gibt ein Abnahmeprotokoll. In den letzten drei Jahren gingen in Graubünden laut ALG 24 Gesuche für maschinelle Eingriffe ein, 23 wurden bewilligt. Bei sieben Gesuchen sind die Arbeiten abgeschlossen und abgenommen.

