In Graubünden kommt der Grosstierarzt noch überallhin – aber wie lange das so bleibt, beurteilen Kanton und Berufsverband unterschiedlich. Das Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit (ALT) sieht die Grundversorgung als gesichert, die Gesellschaft Bündner Tierärzte (GBT) warnt hingegen seit Jahren vor einer Lage ohne Entspannung. Zum ersten Mal schlug der Verband bereits 2018 öffentlich Alarm.
Zwei Lesarten derselben Zahlen
Die GBT zählt rund 80 Mitglieder, ein Drittel davon im Nutztierbereich – viele Teilzeit, aus familiären Gründen. Eine genaue Zahl der praktizierenden Grosstierärztinnen und -ärzte gibt es dagegen nicht: Das Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit führt seine Übersicht auf Stufe Praxis, nicht auf Stufe Person.
Kantonstierarzt Giochen Bearth, Leiter des ALT, sieht aktuell keine flächendeckende Versorgungslücke. GBT-Co-Präsidentin Hanny Ambühl formuliert vorsichtiger: Alle Talschaften seien zwar versorgt, es seien «aber Engpässe vorhanden». Einig sind sich beide bei der Geografie: Als strukturell schwierig gelten die Südtäler Val Müstair, Puschlav sowie Misox und Calanca – erreichbar von Norden her nur über Pässe, mit langen Distanzen und geringer Gebietsgrösse.
Für amtliche Aufgaben wie Blutentnahmen oder Moderhinkeproben ist die Versorgung territorial organisiert: 20 Kontrolltierarztpraxen sind fest zuständig. Anders als etwa im Kanton St. Gallen können die Betriebe diese nicht frei wählen. Bearth sieht darin einen Vorteil: kürzere Wege, direktere Kommunikation, das Amt bekommt Engpässe früh mit. Den Bestandestierarzt kann der Landwirt dagegen frei bestimmen.
Von Safiental bis Val Müstair: eine Kette von Einzelfällen
Auslöser der Warnung von 2018 war laut Giochen Bearth vor allem das Safiental: Eine Praxis gab den Nutztierbereich auf, ein akuter Versorgungsnotstand drohte, ALT und GBT fanden gemeinsam eine Lösung mit einer benachbarten Tierarztpraxis. Seither wiederholte sich das Muster mehrfach – Nachfolgeregelung im Puschlav, Übernahme von Praxis und Versorgung durch eine Tessiner Praxis im Misox und im Calancatal, und zuletzt im Val Müstair eine gebietsübergreifende Zusammenarbeit, weil die bisherige Lösung nicht mehr effizient war.
Bearths Fazit: Das Problem habe sich «nicht akzentuiert» – wichtig sei, dass man in der Not situativ neue, tragfähige Lösungen finde. Die GBT sieht das differenzierter: Das Grundproblem von 2018 – fehlende Nachfolge in abgelegenen Seitentälern – bestehe punktuell weiter, dazu komme ein neues: Der Markt für Nutztierärztinnen und -ärzte sei ausgetrocknet, Bewerbungen fehlten. Seit 2018 wurden zwei bis drei Grosstierpraxen geschlossen oder fusioniert, im Engadin übernahm eine Praxiskette einen Standort. Für anstehende Nachfolgen gebe es kaum Interessenten.
Das eigentliche Nadelöhr: der Notfalldienst
Giochen Bearth unterscheidet zwei Problemfelder bei den Nutztierpraxen im Berggebiet: die flächendeckende Grundversorgung und den Notfalldienst. Erwartet wird überall, dass tagsüber jemand im Tal präsent ist – und dass auch nachts und am Wochenende jemand den Notfalldienst abdeckt. Bei der Grundversorgung hat man die Lage laut Bearth im Griff, beim Notfalldienst werde es aber eng: Assistenzpersonal darf keine 15-Stunden-Tage mehr leisten und braucht gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten – das erfordert mehr Personal, als viele Praxen aufbringen und finanzieren können. Gleichzeitig ist der Notfalldienst laut Bearth unrentabel, selbst bei gut organisierten Praxen. Grundsätzlich gelte aber: Je grösser eine Praxis, desto mehr Spielraum und Flexibilität.
Auch die GBT sieht hier den wunden Punkt. Die Notfallfrequenz sei tragbar, müsse aber finanziell fair abgegolten werden, da rund um die Uhr jemand abrufbereit sein müsse. Belastend sei vor allem, dass Inhaberinnen und Inhaber kaum Ferien nehmen, wenn Personal fehlt. Den klassischen Einzelkämpfer gebe es nicht mehr.
Das Berufsbild hat sich gewandelt: hoher Frauenanteil, viele mit Familie und reduziertem Pensum. Im Sommer kommt die Alpsömmerung dazu. Bündner Praxen übernehmen dort Notfälle auch für Tiere aus dem Unterland.
Ein Werkzeug, kein Durchbruch
Schliesslich fallen auch Tierärztinnen und Tierärzte einmal aus und können aus verschiedenen Gründen nicht arbeiten. Gegen personelle Engpäse bei Notfällen, Geburten oder Krankheit hat die GBT die Plattform «Vetnov» lanciert. Giochen Bearth unterstützt sie von Amtes wegen, schätzt ihre Wirkung aber nüchtern ein: Sie helfe punktuell «ein bisschen», sei aber letztlich «ein Tropfen auf den heissen Stein».
Die GBT appelliert zudem an ihre Mitglieder, den Notfalldienst praxisübergreifend zu koordinieren. Auf Bundesebene fordert sie bessere Rahmenbedingungen bei der Heilmittelbeschaffung, weniger administrativen Aufwand und eine Tätigkeit, die bei Lohn und Arbeitszeit wieder attraktiver wird.
Hanny Ambühl gibt den Bündner Bäuerinnen und Bauern einen nüchternen Satz mit: Die Versorgung der Nutztiere sei durch den verschärften Mangel an Nutztierärzten «nicht mehr selbstverständlich». Es brauche Entgegenkommen und gute Kommunikation auf beiden Seiten.

