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EFSA-Direktor Bernhard Url: «Wir haben die besten Lebensmittel aller Zeiten»

«Die grössten Risiken unserer Ernährung sind Überernährung, Fehlernährung und Lebensmittel-Verschwendung – und nicht die Qualiät der Lebensmittel» erklärt Bernhard Url, Direktor der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Der 7. Juni 2019 ist der Internationale Tag der Lebensmittel-Sicherheit (World Food Safety Day), den die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) 2019 erstmals ausgerufen hat.

«Die grössten Risiken unserer Ernährung sind Überernährung, Fehlernährung und Lebensmittel-Verschwendung – und nicht die Qualiät der Lebensmittel» erklärt Bernhard Url, Direktor der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). «Wir haben qualitativ die besten Lebensmittel aller Zeiten,», betont Bernhard Url im «die grüne»-Interview.

Bernhard Url, wann hatten Sie zuletzt Bedenken, ein Nahrungsmittel zu konsumieren?

Bernhard Url: In Bezug auf die Sicherheit von Lebensmitteln mache ich mir in EU-Ländern wie Österreich und in unserem Nachbarland Schweiz keine Sorgen. Ich sage das nicht, weil ich es sagen muss, ich mache mir wirklich keine Sorgen.

Ich konsumiere wenig Fleisch, aber nicht wegen der Sicherheit, sondern wegen des Tierwohls und des Fussab- drucks in Bezug auf das Klima.

Die öffentliche Wahrnehmung scheint aber zu sein: Nahrung wird immer schlechter, ist degeneriert, nährstoffarm und voller schädlicher Zusatzstoffe. Woher kommt diese Annahme?

Ein Aspekt könnte die Globalisierung der Handelsströme sein. Man weiss nicht mehr, wo die Rohstoffe herkommen und wie sie verarbeitet werden.

Es geht um Kontrollverlust?

Genau. Wir können nicht mehr zum Bauern nebenan gehen und nachsehen, wie er die Kühe hält und das Gemüse zieht.

Es ist aber auch eine Frage des Konsumverhaltens: Müssen wir zu jeder Jahres- zeit alle Obst-und Gemüse-Sorten haben? Wenn ja, können sie nicht alle im eigenen Land produziert werden.

Es gibt einen Konflikt zwischen der Bequemlichkeit, immer alles haben zu wollen, und dem unguten Gefühl, dass wir nicht mehr wissen, wo die Produkte herkommen.

Die zudem von grossen Konzernen produziert werden und nicht von kleinen Landwirten.

Ich glaube, dass die Industrie allgemein ein Image-Problem hat. Sie hat sich aber auch durch Schwindeleien ein Vertrauens-Problem aufgebürdet.

Waren Lebensmittel in der guten alten Zeit kleinbäuerlichen Landbaus besser?

Wir haben die besten Lebensmittel aller Zeiten. Das gilt sogar global, obwohl immer noch 800 Mio Menschen zu wenig zu essen haben, was ein Skandal ist.

Trotzdem hat die Zahl der hungernden Menschen relativ zur Welt-Bevölkerung abgenommen.

Insgesamt haben wir im Bereich der Lebensmittel-Versorgung, der Vielfalt und Sicherheit so viel erreicht, dass wir heute ein ganz anderes Problem haben: Übergewicht und Abfall.

Es ist eine ethische Katastrophe, dass wir 30 Prozent der Lebensmittel wegwerfen. Da muss man sich wirklich fragen, ob unser Problem irgendein Lebensmittelzusatzstoff ist.

Wir reden von einem Luxusproblem?

Es ist ein Problem des Überflusses. Wir haben den Kalorien-Bedarf gedeckt, und jetzt können wir wählerischer sein und fragen, wie produziert wird, wo Lebensmittel herkommen und wie der Einsatz von Agrar-Chemikalien oder Gentechnik aussieht.

Viele Leute schwören heute darauf, Gemüse im eigenen Garten zu ziehen. Ist das besser und sicherer? Wir neigen dazu, Dingen zu vertrauen, die überschaubar, wenig komplex, regional nahe und naturnah sind. Die Gleichung: Klein ist sicher und Gross ist riskant, gilt aber nicht.

Was ist die grösste Bedrohung, die heute von Nahrungsmitteln ausgehen kann?

Überernährung und Fehlernährung. Das sind die grössten Risiken, die wir derzeit mit Nahrungsmitteln haben. Auf einer anderen Ebene ist die zunehmende Antibiotika-Resistenz weltweit ein riesiges Problem.

Lange hiess es, man könne hier keinen Einfluss der Landwirtschaft nachweisen. Gibt es neue Erkenntnisse?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Menge der eingesetzten Antibiotika in der Tierhaltung und der Resistenz-Entwicklung. Man sieht auch, dass nordische Länder viel geringere Resistenz-Raten haben, weil sie das Problem seit langer Zeit ursächlich bekämpfen, während Länder in Südeuropa, die sehr viele Antibiotika einsetzen, höhere Resistenzen haben.

Tier-Medizin, Human- und Umwelt-Medizin müssen zusammenspielen. Die Umwelt spielt eine wichtige Rolle als Reservoir für Resistenz-Gene. Bisher ist die Umwelt ein wenig vernachlässigt worden.

Weltweit sind auch Mykotoxine ein Problem. Kaum in unseren Breiten, aber in Entwicklungsländern. Das sind Stoffwechsel-Produkte von Pilzen, die sich auf Erdnüssen, Getreide, Mais oder Kaffee bilden können und sehr toxisch sein können. Wir haben das auch bei uns in nassen, feuchten Jahren.

Nicht vergessen dürfen wir lebensmittelbedingte Infektionen. Salmonella, Campylobacter und Listerien verursachen Millionen Erkrankungen pro Jahr in Europa.

Befördert die moderne Massenproduktion von Nahrungsmitteln das Problem?
In Gegenteil, vieles haben wir damit unterbunden. Brucellose und Tuberkulose beim Menschen wurden durch die Pasteurisierung der Milch praktisch ausgerottet. Wir haben in der Lebensmittel-Hygiene riesige Fortschritte gemacht. Aber es gibt immer noch viel zu viele lebensmittelbedingte Erkrankungen. Man schätzt alleine in Europa pro Jahr 23 Mio Erkrankte, weltweit sind es 600 Mio Erkrankte. Das ist fast jeder zehnte Weltbürger.

Wenn wir ein Problem haben, dann durch klassische Stoffe und Erreger aus der Natur?

Bakterielle und virale Krankheits-Erreger sind trotz der Fortschritte in der Hygiene ein grosses Problem.

Sind deswegen andere Risiken in Lebensmitteln vergleichsweise unbedeutend? Sicher nicht, und es wird ein enormer Aufwand betrieben, chemische Substanzen vor ihrer Markt-Einführung umfassend zu prüfen.

Es findet kein Match zwischen «natürlichen» und «chemischen» Gefahren statt. Das Ziel ist, für alle Gefahren, auch in ihrer Kombination und bei Aufnahme über lange Zeiträume, ein Höchstmass an Sicherheit zu garantieren.

Hat der Klimawandel Einfluss auf die Qualität von Lebensmitteln?

Das ist ein Riesen-Thema für die öffentliche Gesundheit, weil zum Beispiel Insektenarten, die wir in Europa früher nicht hatten, von Afrika einwandern und Krankheiten übertragen. Das gilt auch für invasive Pflanzen.

Die Mykotoxin-Problematik ändert sich durch Schwer-Regen und Stark-Regen. Auf Pflanzen wachsen Pilze, die Mykotoxine produzieren. Der Klimawandel hat massgebliche Auswirkungen, mit denen wir uns auch in der EFSA beschäftigen.

Berhard Url, wie können wir uns Ihren Job vorstellen?

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ist eine wissenschaftliche Institution mit 500 Leuten und liefert unabhängige aktuelle Risiko-Bewertungen. Wir haben keine Laboratorien, prüfen keine Restaurants, Supermärkte oder Lebensmittel-Hersteller. Wir sammeln Informationen, die Forschungsinstitute oder Universitäten produzieren und bewerten diese Informationen im Hinblick auf Risiken.

Die Europäische Kommission gibt uns einen Auftrag und fragt etwa: Wie schätzt ihr das Gesundheitsrisiko von Dioxin ein? Dann sammeln und bewerten wir alle Informationen weltweit über Dioxin: Studien, Bücher, Industrie-Daten.
Aus dieser Meta-Analyse erarbeiten wir gesundheitsbezogene Empfehlungen. Das Ergebnis sind Berichte, die mehrere 100 Seiten haben können und in denen wir darlegen, welches Ausmass ein bestimmtes Risiko hat.

Und dann?

Auf dieser Basis treffen politisch legitimierte Personen Entscheidungen. Die Politik entscheidet aber auch vorab, welche Fragen überhaupt gestellt werden. Das definiert in gewisser Weise bereits die Möglichkeiten der Antwort.

Weil Geisteshaltungen und Wertvorstellungen mitschwingen?

Spannend wird es immer dann, wenn Fakten auf Werte treffen. Wir arbei- ten evidenzbasiert und behaupten, unsere Arbeit ist wertfrei.

Der wissenschaftliche Prozess versucht jedenfalls, Resultate so wertfrei wie möglich zu gestalten. Dann geht unser Ergebnis in die politische Arena, und plötzlich wird es schwierig. Glyphosat ist ein gutes Beispiel.

Im Zusammenhang mit dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat musste sich die EFSA heftige Kritik und sogar den Vorwurf der Korruption gefallen lassen, weil die Einschätzung ganz anders ausfiel als jene der WHO. Ist Glyphosat nun schädlich oder nicht?

Wenn Glyphosat bestimmungsgemäss angewandt wird, muss sich niemand davor fürchten

Die Kritik hat sich an der krebserregenden Eigenschaft von Glyphosat entzündet. Für uns ist diese Frage wissenschaftlich beantwortet. Alle wissenschaftlichen Organisationen und Risikobewertungs-Agenturen der Welt mit Ausnahme einer WHO-Behörde sagen, Glyphosat hat keine krebserregenden Eigenschaften.

Bei entsprechender Dosierung?

Grundsätzlich. Es geht nicht um Dosierung, es ist eine Eigenschaft der Substanz. Das heisst aber nicht, dass man Glyphosat unverantwortlich anwenden soll.

In der Vergangenheit hat man Glyphosat zu grosszügig angewendet. Für mich ist die Frage nicht so sehr, ob Glyphosat kanzerogen ist oder nicht. Das ist es nicht, ich denke, das steht fest.

Was ist dann das Problem?

Glyphosat hat unabhängig von der Kanzerogenität Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Artenvielfalt, auf aquatische Organismen, auf Erdorganismen.

Es sollte in der Pestizid-Diskussion nicht darum gehen, die Zahl der Substanzen möglichst zu reduzieren. Wenn man Substanzen wie Glyphosat bedenkenlos anwendet, bilden sich Resistenzen.

Wenn man aber in der Landwirtschaft eine gewisse Zahl an Substanzen zur Verfügung hat, die man wechseln kann, kann man vernünftig Pflanzenschutz betreiben.

Nachholbedarf gibt es bei der systematischen Überwachung der Wirkungen der Pflanzenschutzmittel (PSM) auf Umwelt und Menschen.

Die Frage ist doch auch: Was tun, wenn wir auf Glyphosat verzichten?

Das ist eine Frage, die in der Diskussion um Glyphosat vergessen wurde: Eine Bewertung, ob wir Herbizide einsetzen wollen.

Wenn man diese politisch-ökonomischen Punkte vorher geklärt hätte, hätte man auch andere Fragen an die Wissenschaft richten können wie zum Beispiel: Bewerten Sie verschiedene Optionen von Unkrautbekämpfung. Dann hätte die Politik andere Antworten bekommen. Wenn wir diese Methoden aus mechanischer und chemischer Unkrautbekämpfung einsetzen, hat dies Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Lebensmittelpreise, auf den Ertrag. Das ist nie gemacht worden. Es ist ein Vakuum entstanden, und in diesem Vakuum ist die Krebs-Diskussion hochgekocht.

Müsste man die Leute nicht schlicht fragen: Wollen wir Pestizide, ja oder nein?

Das ist die Gretchenfrage. Und genau eine Frage, die EFSA als wissenschaftlicher Risiko-Bewerter nicht beantworten kann, die aber implizit an uns gestellt wird, samt der Unterstellung: Ihr sagt, diese Substanz ist gut.

Nein, wir sagen nicht, sie ist gut. Wir sagen nur, bis zu einem gewissen Grenzwert ist sie gesundheitlich unbedenklich. Aber ob man sie verwenden will oder nicht, ist eine gesellschaftliche Entscheidung.

Dahinter steht die Frage: Wie soll Landwirtschaft in Europa aussehen? Intensiv oder extensiv, Bio oder nicht Bio?

Und wie sollte die Landwirtschaft in Europa aussehen?

In Österreich hat man einen relativ guten Kompromiss gefunden für eine umweltgerechte Landwirtschaft. Wenn man es global sieht, werden wir 2050 rund 10 Mrd Menschen ernähren müssen. Die Leute wollen essen.

Und wenn es um pflanzliche Fasern geht, reden wir nicht nur über Lebensmittel, sondern auch über Futtermittel, Kleidung und Baumaterialien für 10 Mrd Menschen. Also werden wir produzieren müssen.

In unserer Luxus-Situation in Mitteleuropa könnten wir uns leisten, weniger zu produzieren und geringere
Erträge bei weniger intensiver Landwirtschaft zu haben.

Global ist das aber kein Weg?

800 Mio Menschen haben nicht genug zu essen, jeden Tag. Auch bei uns leben Menschen an oder unter der Armutsgrenze. Aber die Frage ist natürlich viel relevanter in Subsahara-Afrika und in Asien.

Ist eine Landwirtschaft ohne Pestizide denkbar?

Es gibt biologische Landwirtschaft, wo zwar auch Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Aber nicht so sehr chemisch synthetisierte PSM, sondern zum Beispiel Kupfer. Aber 10 Mrd Menschen werden wir nicht ernähren ohne eine intensivierte, nachhaltige, zirkuläre Landwirtschaft.

Ist Bio in der Landwirtschaft überhaupt grundsätzlich besser?

In Bezug auf Sicherheit: Nein. Darauf fehlt jeder Hinweis. In Bezug auf Inhaltsstoffe, Vitamine, Nährstoffe gibt es unterschiedliche Studien, aber der Tenor ist ebenfalls nein. Bio ist nicht besser.

Es gibt aber Unterschiede in Fragen der Tierhaltung, Pflanzenproduktion, Agrochemie und Tierarzneimittel. Wenn man hier eine positive Entwicklung unterstützen will, ist es gut, Bio zu konsumieren.

Wäre grüne Gentechnik eine Methode, höhere Erträge bei weniger Chemieeinsatz zu erzielen?

Dazu gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Es wäre eine Möglichkeit, ist jedoch gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Auf die Diskussion möchte ich mich jetzt nicht einlassen, aber offenbar ist es bisher nicht gelungen, die Vorteile der Gentechnik so darzustellen, dass die Verbraucher sagen, das hat Sinn.

Naheliegender als Gentechnik wäre, Ernte-Verluste und Lebensmittel-Verschwendung zu vermeiden. Auch könnten wir unsere Ernährungs-Gewohnheiten hinterfragen: Mehr von der Pflanze, weniger vom Tier, hätte viele positive Auswirkungen.

Ist eine emotionsfreie Debatte über Lebensmittel überhaupt möglich?

Das ist nicht möglich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert, weil Lebensmittel so zentral sind, mit so viel Emotion behaftet und Teil unserer Kultur und unserer Identität sind, dass man nicht emotionsfrei diskutieren kann.

Was nützen dann evidenzbasierte Studien wie jene der EFSA?

Die Wissenschaft muss sich diesen Emotionen stellen. Die Kunst und Herausforderung ist es, dass die Wissenschaft die gesellschaftliche Diskussion schon vorab, wenn die Fragen formuliert werden, so einbezieht, dass die Antworten von der Gesellschaft akzeptiert werden.

Wenn wir dem Europäischen Parlament eine Stellungnahme liefern, sei es zu Glyphosat, Neonicotinoiden oder Afrikanischer Schweinepest, wäre mein Ziel, dass die Parlamentarier sagen: Okay, das ist Ihre Analyse, ich teile sie vielleicht politisch nicht, aber ich vertraue Ihrem Prozess und Ihrem Ergebnis.

So läuft es in der Politik und insbesondere im Europäischen Parlament aber offenbar nicht.

Wenn wir mit einem Ergebnis kommen wie bei Glyphosat, sagen manche im Europäischen Parlament: Das kann nicht sein, die müssen etwas falsch gemacht haben, vielleicht sind sie sogar korrupt.

Der Konflikt, den die Politik in sich hat, wird ausgelagert: Wenn sich das Ergebnis nicht mit Werten und Erwartungen deckt, muss die Wissenschaft falsch sein.

Je nach Ergebnis, oder? Für Ihre Glyphosat- Einschätzung wurden Sie geprügelt, als aber Neonicotinoide als bienenschädlich aus dem Verkehr gezogen wurden, gab es Beifall.

Das ist Rosinen-Pickerei. Es ist politisch kurzsichtig zu sagen, jetzt zerstören wir die Reputation dieser Agentur, weil es gerade um Glyphosat geht. Aber morgen, wenn etwa Antibiotika-Resistenzen Thema sind, brauchen wir sie wieder.

In Zukunft sollen die Roh-Daten der Studien, mit denen Sie arbeiten, öffentlich zugänglich sein. Was ist da geplant?

Nach der Glyphosat-Debatte hat es eine europäische Bürger-Initiative gegeben zur Verbannung von Glyphosat. Die Europäische Kommission hat dann vorgeschlagen, das Lebensmittel- Recht anzupassen und der EFSA zu erlauben, die Roh-Daten zu veröffentlichen.

Ich finde das einen wichtigen Schritt. Nicht nur wird jeder sehen, welche Daten wir verwenden, auch die akademische Wissenschaft kann daraus selbst Schlussfolgerungen ziehen.

Sie wollen durch die Offenlegung der Daten signalisieren, dass jeder alles nachprüfen kann und es kein Gemauschel mit der Industrie gibt?

Genau, wir würden das gern schon heute machen. Es geht um Transparenz. Oft sagt man, warum veröffentlicht ihr nicht alle Daten, ihr macht Geheim-Wissenschaft.

Ich kann das nicht mehr hören, wir machen keine Geheim-Wissenschaft, wir vollziehen europäische Gesetze.

Vermutlich wird trotzdem der Vorwurf kommen, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Wenn wir die Daten veröffentlichen, wird man sagen, die Daten sind aber von der Industrie produziert worden, das ist ja alles getürkt.

Da kommt man jetzt zu einem sehr grundsätzlichen Punkt. Soll die Industrie die Studien durchführen, wie das jetzt der Fall ist?

Kritiker sagen, die Industrie soll in einen Fonds zahlen, und eine öffentli- che Stelle führt die Studien durch.

Keine schlechte Idee, oder?

Das ist theoretisch denkbar, praktisch ist es extrem schwierig. Es geht um tausende Studien, die in den Innovationsprozess der Industrie integriert sind.

Im Moment gilt das Prinzip: The polluter pays. Derjenige, der ein Produkt auf den Markt bringen will, muss Studien herbeischaffen, welche die Unbedenklichkeit beweisen. Das wurde bisher nicht hinterfragt, aber seit Glyphosat sagt man, bei Pestiziden wollen wir das nicht mehr.

Ist nicht auch die Entscheidung fragwürdig, Neonicotinoide aus dem Verkehr zu ziehen? Es heisst, dass seit dem Verbot der Neonicotinoide die Landwirte auf uralte und viel giftigere Substanzen ausweichen, die nur deshalb zugelassen sind, weil sie nie so intensiv untersucht wurden.

Das würde ich jetzt nicht bestätigen. Alle Substanzen, die am Markt sind, haben den Zulassungs-Prozess durchlaufen. Und der muss alle zehn Jahre wiederholt werden. Das heisst, es kann nicht sein, dass eine Substanz 30 Jahre keinem Update unterzogen wurde.

Verboten wurden ja nicht die Neonicotinoide, sondern drei Substanzen dieser Klasse. Andere sind nach wie vor erlaubt. Eine neue Studie hat andere Stoffe dieser Klasse untersucht. Angeblich sind sie genauso giftig für Bienen, bloss waren sie bisher nicht so genau untersucht.

Das kann durchaus sein, wir werden uns das sicher ansehen.

Sobald man näher nachsieht, so scheint es, findet man Schadstoffe.

Durch Fortschritte in der Analytik sinken laufend die Nachweis-Grenzen. Wir finden Substanzen, die wir früher gar nicht gefunden hätten, weil die Konzentrationen so gering sind. Wobei: Dass man etwas findet, heisst noch nicht, dass es toxisch ist. Wir finden einfach etwas in sehr niedrigen Konzentrationen.

Der Erkenntnis-Stand steigt, die Anforderungen der Gesellschaft steigen, das Schutz-Niveau soll höher werden, die Nachweis-Grenzen sollen sinken, und alles zusammen beeinflusst die Schwelle dessen, was man toleriert. Wir könnten uns darüber auch freuen, denn in Summe haben wir in Europa einen Standard erreicht, der weltweit einzigartig ist.

Wir fürchten uns vor Agrochemie auf unseren Feldern. Zugleich gibt es einen Trend zu sogenannten Superfoods wie Chia-Samen oder Goji-Beeren, die aber oft aus Ländern kommen, in denen wirklich grosse Mengen Glyphosat unkontrolliert eingesetzt werden. Ist es nicht skurril, dass diese Produkte so beliebt sind?

Durch den globalisierten Handel mit Gütern handeln wir natürlich auch globale Risiken. Insofern ist es wichtig, einen globalen Ansatz zur Lebensmittel-Sicherheit zu finden. Wenn wir aus 180 Ländern Lebensmittel importieren, wäre es vernünftig, die auf einen Standard zu bringen, so dass wir auch von dort sichere Lebensmittel importieren.

Sind wir überhaupt in der Lage, Risiken angemessen einzuschätzen? Vor Kurzem gab es grosse Aufregung um Glyphosat im Bier, obwohl Bier 40 Mio Mal mehr Alkohol enthält als Glyphosat.

Das deutsche Bundesinstitut für Risiko-Bewertung hat errechnet, dass man 1100 Liter Bier pro Tag trinken müsste, um in die Region zu kommen, wo der Glyphosat-Gehalt bedenklich werden könnte.

Auf der anderen Seite zeigt es, dass die Menschen dieses Zeug nicht in ihrem Körper haben wollen. Was aus meiner Sicht auch berechtigt ist. Aber dann stehen wir wieder vor der Frage, dass man die Agrar-Praxis ändern muss.

Ich finde es ein wenig verlogen, zu sagen, wir wollen das nicht – aber wir führen nicht die Diskussion, was das zum Beispiel für die Lebensmittel-Preise bedeutet.

Können Sie sagen, welche Untersuchungen oder Studien Sie derzeit planen?

Ein sehr wichtiger Punkt sind Cocktail-Effekte, eine Mischung mehrerer Chemikalien. Die Bewertung dieser Mixturen ist wissenschaftlich sehr fordernd.

Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren daran und werden wahrscheinlich nächstes Jahr die ersten beiden Berichte veröffentlichen.

Ich glaube, das ist bahnbrechend. Es geht um die kombinierte Wirkung von Pflanzenschutzmitteln auf die Schilddrüse und das Nervensystem. Da werden 60 bis 80 Substanzen gemeinsam bewertet, die sich teilweise multiplikativ verhalten.

In dem Fall sollte man sich Sorgen über Chemie machen?

Ich würde noch nicht von Sorgen sprechen, aber vielleicht muss beim Risiko-Management etwas getan werden. Möglicherweise muss man manche Grenzwerte absenken. Wenn wir über diese Mixturen mehr arbeiten sollen, braucht es allerdings Geld.

Sie haben doch 80 Mio Euro pro Jahr.

US-Agenturen haben Budgets zwischen 4 und 9 Mrd Dollar pro Jahr. Man hat in Europa ein sehr effizientes und eigentlich günstiges System geschaffen. Und da wir nicht von der Industrie finanziert werden und keine Gebühren er- heben, ist es Geld des Steuerzahlers, das natürlich knapp ist.

Aber mit 80 Mio Euro kann man das in Zukunft nicht vernünftig betreiben. Die EFSA hat auch einen Auftrag zur Risiko-Kommunikation. Der Effekt dieser Kommunikation ist aber nicht ausreichend, wie man bei Glyphosat gesehen hat. Die Leute sagen, euch vertraue ich doch nicht.

Von diesem Vertrauensverlust ist die ganze Wissenschaft betroffen.

Wir haben momentan den Fall einer schweren Pflanzen-Krankheit in Italien, wegen der Olivenbäume gerodet werden müssen. Und das ist fast nicht möglich, weil die Bäume für die Leute dort einen so hohen kulturellen Wert haben. Sie fällen diese Bäume nicht, sie ketten sich an die Olivenbäume. Und da gibt es viele konspirative Theorien, die sagen, da ist ja gar kein Bakterium, das ist eine Erfindung eines Labors oder der Mafia.

Wir gehen fast zurück ins Mittelalter. Fakten zählen nicht. Es zählen Emotion und Überzeugung. In der Brexit-Debatte hiess es: Dieses Land hat genug von Experten. Und das ist gut angekommen. Was können wir da als Wissenschafter tun?

Was können Sie denn tun?

Für die Wissenschaft ist das eine Riesen-Herausforderung. Aber gibt es eine Alternative zum wissenschaftlichen Ansatz, die Natur zu erklären? Ich glaube nicht. Die Wissenschaft als solche in Frage zu stellen, halte ich für hochgradig unvernünftig, absurd und gefährlich.

  • Der Autor Alwin Schönberger ist mehrfach ausgezeichneter Wissenschafts-Journalist und Autor populärwissenschaftlicher Sachbücher. Er ist zudem Leiter des Wissenschafts-Ressorts vom österreichischen Nachrichten-Magazin «profil».

Zur Person: Bernhard Url

Der Österreicher Bernhard Url ist seit 2014 Direktor der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA).

Url studierte an der Veterinärmedizinischen Universität Wien und forschte am Institut für Milchhygiene
und Milchtechnologie, bevor er Geschäftsführer der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) wurde.

2012 wechselte Bernhard Url zur European Food Safety Authority nach Parma (I) und leitete zuerst die Abteilung für Risikobewertung, bevor er zum EFSA-Direktor gewählt wurde.

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