Kurz & bündig
- Der kriselnde Milchverarbeiter Hochdorf schliesst seine Fabrik in Hochdorf LU schrittweise. - Bis 2023 soll die Produktion in Sulgen TG gebündelt werden. - Der Grund: Hochdorf kaufte Unternehmen und musste sie mit Verlust wieder verkaufen. - Ob die Sanierungsbemühungen des neuen Verwaltungsrates helfen, ist mehr als ungewiss. www.hochdorf.com
Hochdorf, das ist Milch. Und Milchpulver. Das Unternehmen wurde 1895 als Erste Centralschweizerische Natur-Milch-Exportgesellschaft von den Milchbauern einer Käserei gegründet. 100 Jahre später, im Jahr 2000, erfolgte die Umbenennung in Hochdorf Nutritec AG. Das Unternehmen blieb aber fest in bäuerlicher Hand.
Daran änderte auch der Börsengang von 2011 wenig. Die Beteiligungsgesellschaft ZMP Invest AG der Zentralschweizer Milchproduzenten hielt am meisten Aktien. 2020 wurden sie erstmals von Amir Mechria überholt. Der Inhaber von Pharmalys ist nun nicht nur Hochdorfs grösster Kunde im Bereich Babynahrung, sondern mit mehr als 20 Prozent der Aktien auch mächtigster Grossaktionär.
Die ZMP Invest liegt auf dem zweiten Platz, dicht gefolgt vom Investmentfonds Bermont Master Fund LP von den Cayman Islands, der sich früher Stichting General Holdings nannte.
Hochdorf ist systemrelevant für die Schweizer Milchproduzenten
Dass Hochdorfs Wohl für den ZMP wichtig ist, liegt auf der Hand. Das Milchpulver-Werk ist für die Schweizer Milchproduzenten systemrelevant: In Hochdorf werden saisonale Überschüsse im wahrsten Sinne des Wortes pulverisiert und damit Druck vom Markt genommen.
Knapp acht Prozent der Milchmenge des ZMP wird aktuell bei Hochdorf verarbeitet. Auf diesen Absatzkanal können die Milchproduzenten nicht verzichten. Das wollen sie auch nicht, zumal sie 360 Mio Franken für Aktien im Rahmen einer Wandelanleihe bezahlt haben, die derzeit (bei einem Aktienkurs von 40 Franken) nur noch rund 50 Mio Franken wert sind. Und wer streicht sich schon gerne 300 Mio Franken ans Bein?
Auch für Exporteur Amir Mechria ist Hochdorf überlebenswichtig
Auch für den tunesischen Arzt Amir Mechria ist das Weiterbestehen von Hochdorf zentral. Seine Handelsfirma Pharmalys ist auf Hochdorfs Babynahrung angewiesen, er verkauft sie mit Swissness-Bonus im Nahen Osten und Afrika.
Die Nachfrage ist gross, doch die Märkte in diesen Schwellenländern sind schwierig. Sie lassen sich ohne finanzielles Polster kaum bedienen. Denn die Zahlungsfristen sind dort mindestens so lang, wie die Kauflust gross. Da muss man schon mal 100 bis 200 Tage einkalkulieren, bis Rechnungen bezahlt werden.
Und das nicht nur bei Endkunden, sondern auch bei den Zwischenhändlern. Wenn sich das über den gesamten Absatzkanal hin summiert, kann es 500 bis 600 Tage dauern, bis das Geld für eine Lieferung auf dem Konto landet.
Das war auch der Grund, warum Hochdorf Pharmalys wieder verkaufen musste. Hochdorf war viel zu wenig liquid um so lange auf ausstehende Zahlungen warten zu können. Als Hochdorf seine Lieferungen einstellte, entstand ein Teufelskreis, der im Markt der Schwellenländer nicht funktioniert.
Welche Interessen der Dritte im Bund der Grossaktionäre hat, der Bermont Master Fund LP, ist nicht bekannt.
Für einen Investmentfonds ist Hochdorf eine Kapitalanlage
Der Bermont Master Fund LP ist wohl eher auf der Suche nach einer lukrativen Kapitalanlage. Er kaufte 2019 (damals noch als Stichting General Holdings) 220 000 Namensaktien zum Schnäppchenpreis von je 56 Franken.
Die Holding beziehungsweise der Master Fund sind für Hochdorf keine Unbekannte. Die Stichting hält schon seit Jahren Aktien, lag bislang aber stets unter einem Anteil von 5 Prozent.
Seit die Aktienkurse im Sinkflug sind, scheint das Unternehmen für den Investmentfonds attraktiv zu werden. Noch attraktiver wurde es dadurch, dass letztes Jahr ein grosser Teil der Anlagen abgeschrieben wurde.
Die Sachanlagen machen bei Hochdorf fast die Hälfte der Bilanzsumme aus. Ein Grossteil der Sachanlagen fällt dabei auf den Bereich Baby Care, der sich mehrheitlich am Standort Sulgen befinden.
Dort wurde 2020 eine Wertberichtigung von 66 Mio Franken vorgenommen. Verglichen mit den 100 Mio Franken, die dieser Bereich zum Umsatz beitrug, ist das nicht gerade wenig. Und es macht Hochdorf billiger. Falls jemand das Unternehmen übernehmen möchte, was je länger je weniger ausgeschlossen ist.
Mit Verlust verkaufen ist das «Hochdorf-Geschäftsmodell»
Dass Hochdorf finanziell so schlecht dasteht, ist kein Zufall: Hochdorf hat in der Vergangenheit Unternehmen gekauft und mit Verlust wieder verkauft.
Während Ex-CEO Damian Henzi auf Backwaren, Gastronomie, Tiernahrung oder ein Milchwerk in Litauen setzte, kaufte Eisenring Trockenfruchthersteller, eine Ölmühle, eine Schoggifabrik in Südafrika, einen deutschen Milchverarbeiter und zwei Babynahrungs-Firmen ein.
Sein grösster Coup mit Pharmalys war finanziell zugleich sein grösster – und letzter – Flop. Denn Hochdorf hat für eine 51 Prozent Beteiligung an Pharmalys zuerst 114 Mio Franken plus 20 Prozent der Hochdorf-Aktien bezahlt – um diese drei Jahre später für 100 Mio dem früheren Besitzer Amir Mechria wieder zurück zu verkaufen. Ohne Rückgabe der Aktienrechte notabene.

Wobei man fairerweise hinzufügen muss, dass die Aktien in der Zwischenzeit so viel Wert verloren haben, dass Mechria davon kaum profitiert hat. Statt 305 Franken war die Aktie zum Zeitpunkt des Rückkaufs nur noch einen Bruchteil wert. Und der Rückkauf auch noch an andere Bedingungen gebunden, die Mechria Geld gekostet haben.
Überkapazitäten dank europäischer Dimensionen
Missratene Übernahmen sind ein Problem von Hochdorf, Überkapazitäten ein weiteres: Der 2010 in Betrieb genommene Sprühturm 8 in Sulgen weist europäische Dimensionen auf, ist aber bis heute nur zu einem Bruchteil ausgelastet. Das kostet Geld, das Hochdorf nicht hat.
Deshalb will die Firma ihr 290 000 m2 grosses Grundstück mitten in Hochdorf abstossen und die Produktion nach Sulgen verlegen. «Es ist das Ziel, das Areal bis Ende 2021 zu verkaufen», bestätigt Hochdorf-Sprecher Christoph Hug. «Hauptsitz und Verwaltung bleiben in Hochdorf, ebenso Verkauf, Verkaufsinnendienst, Hotline, Musterversand usw. für Bimbosan. Die Bimbosan-Produkte werden neu in Sulgen abgefüllt, wo auch die Säuglingsmilch für Bimbosan produziert wird.»
Angaben zu potenziellen Käufern macht Hug keine. Es gibt aber nicht viele, die sich eine so grosse Fläche direkt beim Bahnhof und so nahe bei der reichen Stadt Zug leisten können.
Aktuell leidet die Hochdorf-Gruppe nach wie vor unter einer Schuldenlast von 100 Mio Franken – dazu kommt noch eine Hybridanleihe in Höhe von 125 Mio Franken. Mehrere Hundert Millionen Franken könnte Hochdorf gut gebrauchen.
Der neue Hochdorf-Verwaltungsrat wird gefordert sein. Bis auf Markus Bühlmann, der seit Juni 2019 dabei ist, sind vier der fünf Verwaltungsräte erst Mitte 2021 gewählt worden.
Die «alten» Verwaltungsräte haben sich nach einem Jahr mit Sanierungsbemühungen verabschiedet. Darunter auch Jürg Riboni, der sich als Ex-Finanzchef von Emmi in der Milchbranche und in Finanzen bestens auskennt. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist? In zwei, drei Jahren wissen wir mehr.

