Kurz & bündig
– Das Arbeitsmanagement ist im Obstbau ein zentraler Faktor, um Arbeitsspitzen bewältigen zu können. – Massnahmen wie ein optimierter Winterschnitt oder eine schriftliche Arbeitsplanung können dabei helfen, Arbeitszeit zu reduzieren.
Winter- und Sommerschnitt, Äste binden, Mulchen, chemische Unkrautregulierung, Düngung, Pflanzenschutz, chemische Ausdünnung, Hagelschutznetze öffnen und schliessen, Handausdünnung und Ernte: Die Arbeiten im Obstbau sind vielseitig und arbeitsintensiv. Diese Arbeiten machen, abhängig von der Kultur, zwischen 400 und 600 Arbeitskraftstunden (AKh) pro Hektare und Jahr aus. Dazu kommen durchschnittlich weitere 91 AKh/ha für Managementtätigkeiten und Sonderarbeiten (siehe Artikel «Arbeiten im Obstbau»).
Die Obstproduktion unterliegt starken saisonalen Schwankungen. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Arbeitszeit möglichst gut einzuteilen und wo möglich auch Zeit einzusparen, wodurch schlussendlich auch die Kosten und somit die Wirtschaftlichkeit stark beeinflusst werden.
Sehr unterschiedliche Anforderungen je nach Kultur
Tobias und Anna Meuter führen einen Obstbaubetrieb im Berner Seeland. Insgesamt bewirtschaften Meuters 18 Hektaren Obst. Davon entfallen 12 Hektaren auf Äpfel und 4,5 Hektaren auf Kirschen. Zwetschgen und Birnen ergänzen den Betrieb mit je rund 70 Aren. In kleinen Mengen baut er zudem Pfirsiche und Nektarinen an, die ausschliesslich über die Direktvermarktung abgesetzt werden.
Vermarktet wird das Obst über verschiedene Kanäle. Meuters arbeiten mit verschiedenen Abnehmern, hinzu kommen der eigene Hofladen, Marktfahrer und regionale Hofläden. Die Vielfalt der Absatzkanäle gibt dem Betrieb Stabilität, verlangt aber gleichzeitig viel Koordination.
Die beiden Hauptkulturen Äpfel und Kirschen stellen im Anbau, insbesondere bei der Ernte, sehr unterschiedliche Anforderungen. Dies zeigt auch eine Auswertung der Forschungsanstalt Agroscope, wobei die Anteile verschiedener Arbeiten im Obstbau untersucht wurden. Bei den Tafeläpfeln (Mittelwert der Sorten Braeburn, Gala und Golden Delicious) wird im Schnitt 54 % der Arbeitszeit für die Erntearbeiten eingesetzt. Bei den Tafelkirschen (Mittelwert aller Sorten) machen die Erntearbeiten im Schnitt 75 % der Arbeitszeit aus.
Die Kirschensaison ist auch auf dem Betrieb von Tobias Meuter sehr arbeitsintensiv. Der Zeitraum ist kurz, die Früchte empfindlich und das Wetter entscheidet oft über Tempo und Qualität der Ernte. «Für die Kirschen benötigen wir zwischen 16 und 22 Mitarbeiter», erklärt Tobias Meuter. Bei den Äpfeln liege der Aufwand etwas tiefer, dort reichen 12 bis 14 Saisonkräfte. Die besten Arbeitskräfte bleiben häufig von der Kirschenernte bis in die Apfelsaison hinein. «Gutes und qualifiziertes Personal für den Obstbau zu finden, ist schwierig geworden», sagt Tobias Meuter. Auf dem Betrieb arbeiten heute hauptsächlich Arbeitskräfte aus Polen. Früher seien viele Arbeitskräfte aus Portugal gekommen, welche aber inzwischen fast nur noch auf Ganzjahresbetrieben arbeiten.
Die Rekrutierung von neuem Personal läuft über die bestehenden ErntehelferInnen. Am Ende jeder Saison führt Tobias Meuter Gespräche mit allen Mitarbeitenden: Wer möchte in der nächsten Saison wieder arbeiten? Wie viele neue Arbeitskräfte braucht es im kommenden Jahr? Wer kann weitere vermitteln?
Betriebsspiegel der Familie Meuter
Tobias und Anna Meuter, Vinelz BE [IMG 2] LN: 40 ha Kulturen: Äpfel, Kirschen, Zwetschgen, Birnen, Nektarinen, Pfirsiche, Kartoffeln, Brokkoli, Zuckerrüben, Kürbis, Zucchini, Weizen, Mais Weitere Betriebszweige: Direktvermarktung Arbeitskräfte: Tobias und Anna Meuter, in der Hochsaison bis zu 30 Angestellte www.meuter.ch
Arbeitsplanung dokumentieren, um den Überblick zu behalten
Effiziente Planung ist im Obstbau entscheidend, um die Ressourcen optimal einzusetzen und Arbeitsspitzen bewältigen zu können. Werden Aufgaben schriftlich festgehalten, bleiben der Überblick und Zeit für wichtige Entscheidungen erhalten. Folgende Tipps des Merkblatts «Arbeitsfalle Obstbau» können dabei helfen:
Hauptaufgaben priorisieren: Wöchentliche und tägliche Schwerpunkte setzen, grössere Aufgaben früh in der Woche erledigen.
Schriftlich planen: Eine schriftliche Planung hält den Kopf frei für weitere Aufgaben und Denkprozesse
Hilfsmittel nutzen: Jahresplaner, Agenda oder digitale Tools helfen kostengünstig bei der Organisation.
Ressourcen früh einteilen: Vor Vegetationsbeginn Arbeitsspitzen erkennen, Arbeitskräfte, Maschinen und Material gezielt einteilen.
Personal rechtzeitig anfragen: Saisonkräfte oder Familienangehörige frühzeitig einplanen, Trennung der Arbeiten für teure Fachkräfte und weniger spezialisierte Saisonarbeitskräfte, um Kosten zu sparen.
Zeit für Unvorhergesehenes einplanen: Nur maximal 60 % der verfügbaren Zeit verplanen, Puffer für Routinearbeiten und Unvorhergesehenes lassen.
Tägliche Planung: Am Abend den nächsten Tag schriftlich festlegen, um Übersicht und Struktur zu behalten.
Es empfiehlt sich, eine Jahres-, Monats- und Tagesplanung durchzuführen. Um den Überblick zu behalten, dokumentiert Tobias Meuter die Arbeitsplanung mithilfe von Excel-Tabellen. Damit lassen sich Faktoren wie Arbeitseinsätze und Arbeitsschritte dokumentieren, was gerade in den intensiven Erntephasen besonders wichtig ist.
Winterschnitt optimieren, um Arbeitszeit einzusparen
Eine weitere Möglichkeit, Arbeitszeit einzusparen, bietet der Winterschnitt. Ob beim Winterschnitt mit pneumatischer Schere, Elektroschere oder Handschere gearbeitet wird oder ob Leiter oder Hebebühne zum Einsatz kommen, hat kaum Einfluss auf die Zeitersparnis. Deutlich eingespart werden kann Zeit jedoch durch die Anzahl der Schnitte pro Baum. Dies hat eine Studie von Agroscope ergeben (siehe Grafik).
Beim Winterschnitt sollte es das Ziel sein, Bäume mit klarer Struktur zu erziehen, um viele kleine Eingriffe zu vermeiden. Dadurch werden Binde-, Formier- und Schnittarbeiten reduziert. Bereits bei der Wahl des Pflanzmaterials wird die Grundlage dafür gelegt. Knipbäume zeichnen sich zum Beispiel durch ruhigen Wuchs und frühzeitige, flache Seitenäste aus.
«Auf einigen Parzellen arbeiten wir mittlerweile mit dem mechanischen Schnitt, wir tasten uns dort noch etwas heran. Damit lässt sich der Handschnitt nicht vollkommen ersetzen, jedoch kann die Zeit reduziert werden», sagt Landwirt Tobias Meuter zur Vorgehensweise auf seinem Betrieb.

Schnittgutentsorgung im Obstbau
«In der Regel wird das Schnittgut nicht entsorgt, sondern als gemulchtes/gehäckseltes Material in der Obstanlage gelassen. Dadurch können Nährstoffe der Anlage wieder zugeführt werden», erklärt Hanna Schmidiger, Leiterin Fachstelle Obst und Beeren am Inforama Oeschberg. Entsorgt werde nur Material, welches durch Krankheiten (z. B. Obstbaumkrebs oder Feuerbrand) infiziert sei. «Das Mulchen ist im Obstbau gang und gäbe und wird in den meisten Anlagen praktiziert», fährt Schmidiger fort. Das liegt daran, dass das Mulchen des Schnittmaterials in der Regel sehr einfach geht und daher nicht viel kostet. Oft könne es im Frühjahr mit einem ersten Mulchdurchgang der Fahrgasse kombiniert werden.
Wachsende Herausforderungen auch im Obstbau
Neben der Personalfrage bereiten Wetterextreme dem Obstbau zunehmend Sorgen. «Der Klimawandel beschäftigt uns sehr», betont Tobias Meuter. Vor allem Spätfröste haben in den vergangenen Jahren wiederholt zu Problemen geführt.
Gleichzeitig steigt auch der Schädlingsdruck. «Die Kirschessigfliege hat am Anfang auf unserem Betrieb Riesenschäden verursacht», sagt Meuter. Durch den Einsatz von Insektenschutznetzen, kombiniert mit gezieltem Erntemanagement und Pflanzenschutzmassnahmen, hat Tobias Meuter die Kirschessigfliege weitgehend im Griff.
Hinzu kommt der zunehmende Wegfall wirksamer Pflanzenschutzmittel. «Die Haupterschwernis im Obstbau ist der Wegfall verschiedener Wirkstoffe. Gegen den Pflaumenwickler gibt es zum Beispiel kein wirksames Pflanzenschutzmittel mehr und auch im Bereich Mäusegift gibt es nur noch wenige funktionierende Mittel.» Konsequenzen für die Obstbaubetriebe können mehr Handarbeit, höhere Risiken für Ernteausfälle und intensivere Überwachung der Anlagen sein. Auch das Thema Wasser rückt immer mehr in den Vordergrund.
Die Lage nahe des Bielersees ermögliche zwar grundsätzlich einen guten Zugang, dennoch bleibe die Bewässerung eine bedeutende Thematik. «Die Bewässerung ist sicher eine Herausforderung im Obstbau, auch in Zukunft», sagt Meuter. Entscheidend sei letztlich, dass der Zugang zu Wasser nachhaltig gesichert bleiben könne.
«Man investiert im Obstbau ständig: zum Beispiel in neue Anlagen oder in neue und bessere Sorten», fasst Tobias Meuter zusammen. Jeder Entscheid im Obstbau ist auch mit einem finanziellen Risiko verbunden. «Obst ist eine Kultur, in welcher viel Kapital steckt», betont der Landwirt.
Aktuell plant Tobias Meuter keine grundlegenden Veränderungen beim Obstbau. Die bestehenden Flächen sollen gehalten, aber nicht vergrössert werden. Im Bereich der Direktvermarktung kann er es sich aber gut vorstellen, im kleineren Rahmen Neues auszuprobieren.

Neues Vollkostenprogramm für den Obstbau
«Réseau-lution» ist eine Web-Applikation von Agridea und wurde speziell für den Schweizer Obst-, Beeren- und Weinbau entwickelt. Die Plattform besteht aus dem Modul «Schlagregister» (Online-Feldkalender) und dem Modul «Planung» (Online-Vollkostenrechnung). «Das Planungstool in Réseau-lution ersetzt die bisherigen Excel-Programme ‹Beerenkost› und ‹Arbokost›. Die Webplattform stellt ein praxiserprobtes Instrument dar, um die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Obst- und Beerenproduktion auf einem Einzelbetrieb zu erfassen und darzustellen. Zudem ermöglichen die hinterlegten Standarddaten erste Kenngrössen für die Planung bei einer Neuanlage», erklärt Margareta Scheidiger von Agridea. «Obst- und Beerenproduzenten können dank diesem Online-Tool die Kostenstruktur ihrer Produktion besser kennenlernen und erhalten wichtige Kenngrössen, um ihre eigene Produktionsweise zu hinterfragen. Dies führt zu einem gesteigerten Kostenbewusstsein, visualisiert die Stärken und Schwächen der eigenen Produktion und kann Ausgangspunkt für einzelbetriebliche Veränderungsmassnahmen sein», so Scheidiger. Lizenzkosten pro Jahr Landwirte/Obst- und Beerenproduzenten: Fr. 120.– (inkl. MwSt.) Schüler/Auszubildende: Fr. 25.– (inkl. MwSt.) Es besteht die Möglichkeit, das Tool während 30 Tagen kostenlos zu testen. Weitere Informationen und Zugang zum Programm: https://reseau-lution.agridea.ch

