Kurz & bündig
- Mit Vielfalt in der Fruchtfolge verteilen Ramon Winterberg und Bettina Erni Risiken.
- Hirse und Teff sind trockenheitsverträglich, aber noch schwierig zu vermarkten.
- Eine Kultur muss nicht nur gut wachsen, sondern auch einen Absatzmarkt haben.
Mitte Juli noch Hirse säen und Ende August bereits dreschen. Was ungewöhnlich klingt, wurde für Ramon Winterberg und Bettina Erni 2026 zum interessanten Versuch. Der frühreife Winterweizen machte den Weg frei für eine zweite Kultur. Die Hirse sollte den Boden im Spätsommer bedecken und gleichzeitig eine zusätzliche Ernte ermöglichen. Doch so gut eine Kultur mit Trockenheit zurechtkommt: Für Winterberg und Erni zählt am Ende auch, ob sie sich vermarkten lässt.
Die rund 6 Hektaren Ackerfläche sind Teil einer abwechslungsreichen, aber getreidelastigen Fruchtfolge. Nach Hirse folgen Winterweizen, Lein, Hafer und Dinkel oder Einkorn. Den Abschluss bildet eine dreijährige Kunstwiese. Das meiste wird über die Biofarm-Genossenschaft vermarktet.
Zurückhaltende Bodenbearbeitung
Bei der Bodenbearbeitung halten sich Ramon Winterberg und Bettina Erni zurück. Striegel, Grubber und Scheibenegge sind die wichtigsten Geräte. Gepflügt wird vor allem beim Umbruch der Kunstwiese oder bei starkem Unkrautdruck. Ansonsten reicht meist der Grubber. Wenn gepflügt wird, dann möglichst flach. Rund 15 Zentimeter genügen in der Regel.
Auch bei der Düngung gilt: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Mist wird ausgebracht und eingearbeitet, meist vor dem Winterweizen, teilweise auch vor Hafer. Ziel ist eine ausreichende Nährstoffversorgung, ohne die Kulturen zu stark zu treiben.

Hafer braucht Fingerspitzengefühl
Wie zurückhaltend die Bewirtschaftung sein kann, zeigt sich beim Hafer. Der Betrieb baut ihn für die menschliche Ernährung an. Die Qualität entscheidet darüber, ob die Ernte als Flockenhafer vermarktet werden kann oder in die Futterverwertung fällt. Wichtig sind deshalb die Wahl der Sorte, eine passende Düngung und ein gut vorbereitetes, unkrautfreies Saatbett.
Genau bei der Unkrautregulierung ist Fingerspitzengefühl gefragt. Hafer reagiert in der frühen Entwicklung empfindlicher als andere Getreidearten. Einerseits soll das Bestocken gefördert werden, andererseits darf die Kultur durch zu intensives Striegeln nicht geschädigt werden. 2026 liessen Ramon Winterberg und Bettina Erni den Hafer zunächst gut auflaufen und striegelten anschliessend nochmals, um ihn möglichst unkrautfrei zu halten.
Auch beim Lein ist vor allem die Konkurrenz durch Unkräuter eine Herausforderung.
Lein mit schwankenden Erträgen
Lein ist eine weitere interessante Kultur auf dem Betrieb. Angebaut wird hauptsächlich Öllein. Teilweise auch Goldlein, zur Körnergewinnung. Die Preise sind mit rund 290 Fr./dt interessant, die Erträge schwanken jedoch von Jahr zu Jahr stark.
Eine Herausforderung ist die langsame Jugendentwicklung. «Der Lein muss am Anfang sauber gehalten werden», erklärt Ramon Winterberg. Setzen sich Unkräuter früh durch, können sie die Kultur überwachsen. Das erschwert später auch die Ernte: Fremdsamen gelangen ins Erntegut und ein stärker verunkrauteter Bestand bleibt länger feucht.
Normalerweise wird der Lein im September gedroschen. 2026 war er bereits Mitte August erntereif.
Beim Einkorn steht dagegen weniger die Anbautechnik als die Frage im Vordergrund, wie aus einer Nischenkultur ein vermarktbares Produkt wird.
Einkorn schliesst den Kreislauf
Rund ein halber Hektar ist mit Einkorn bestellt, der übrige Brotgetreideanteil entfällt auf Dinkel und Winterweizen. Die Idee für den Anbau des Einkorns stammt von Winterbergs Vater. Er singt mit einem Bäcker aus der Region im Chor. Aus einem Gespräch entstand die Frage, ob der Betrieb nicht ein Getreide anbauen könnte, das der Bäcker direkt weiterverarbeiten könnte.
Heute wird das Einkorn in der nahe gelegenen Mühle gemahlen. Der Bäcker verarbeitet das Mehl zu einem Produkt, das im Hofladen verkauft und auch in der Besenbeiz angeboten wird. So bleibt die Wertschöpfung weitgehend in der Region.
Für Winterberg und Erni ist diese Form der Zusammenarbeit wichtig. Eine Nischenkultur wird dadurch nicht nur angebaut, sondern erhält auch einen Absatz und schafft zusätzliche Wertschöpfung. Ein Beispiel dafür, dass eine Kultur dann interessant wird, wenn Anbau und Vermarktung zusammenpassen. Bei der Hirse ist genau dieser zweite Teil derzeit die Herausforderung.
Hirse: trockenheitsverträglich und schnell
Hirse passt grundsätzlich gut zur Philosophie des Betriebs. Sie wächst schnell, kommt mit Trockenheit gut zurecht und lässt sich nach einer dreijährigen Kunstwiese früh im Jahr anbauen. Wird der erste Kunstwiesenschnitt im Mai geerntet, kann nach dem Umbruch noch Hirse gesät werden.
Normalerweise wird sie Anfang bis Mitte September geerntet. 2026 testete Ramon Winterberg jedoch einen ungewöhnlichen Anbau: Nach dem frühreifen Winterweizen wurde die Hirse Mitte Juli gesät. Die Idee dahinter war, den Boden auch im Spätsommer bedeckt zu halten und gleichzeitig noch eine zweite Ernte zu ermöglichen. Ende September war die Hirse bereits reif.
Anbautechnisch funktioniert die Kultur also auch unter schwierigen Bedingungen. Der Haken: Für die Ernte fehlt derzeit ein verlässlicher Markt.
Aktuell gibt es kaum einen Absatz für die Hirse. Auch als Futter ist sie nur bedingt beliebt. Das Stroh kann siliert werden und liefert zusätzliches betriebseigenes Futter. «Man muss es wohl dosiert geben, sonst wird es kaum gefressen», sagt Winterberg.
Mit Teff (Zwerghirse) testen Ramon Winterberg und Bettina Erni deshalb gleich eine weitere Kultur, die mit Trockenheit gut umgehen kann. In der Hoffnung, dass sich dafür bessere Vermarktungsmöglichkeiten ergeben.
Teff: äthiopisches Getreide auf dem Prüfstand
Teff, auch Zwerghirse genannt, ist derzeit noch ein Versuch. Ramon Winterberg sieht darin bessere Vermarktungschancen als bei der herkömmlichen Hirse. Die Kultur ist trockenheitsverträglich und wächst schnell. Genutzt wird sie wie andere Getreidearten. Gleichzeitig fehlt auch hier ein etablierter Markt.
2026 wurde der Teff Mitte Juni gesät. Trotz der Trockenheit entwickelte sich der Bestand kräftig. Allerdings war er lückig. Vermutlich war die Sämaschine nicht optimal eingestellt. In den Lücken bildeten sich Unkrautnester. Die Versuchsfläche dürfte deshalb als einzige Kultur in diesem Jahr gepflügt werden.

Auch die Erträge sind bisher nicht konstant. Von Jahr zu Jahr und teilweise sogar innerhalb einer Parzelle zeigen sich deutliche Unterschiede. Vorerst ging es deshalb vor allem darum, Saatgut für einen weiteren Anbau zu gewinnen. Für das nächste Jahr ist die Konsequenz klar: Die Sämaschine muss besser eingestellt werden.
Für Winterberg und Erni ist Teff dennoch interessant. Eine Kultur, die sowohl mit trockenen als auch mit feuchten Bedingungen zurechtkommt, könnte in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Dafür braucht es aber noch mehr Erfahrung mit Anbau, Ertrag und Vermarktung.
Vielfalt braucht einen Markt
Die verschiedenen Kulturen zeigen, wie breit die Fruchtfolge auf dem Betrieb aufgestellt ist. Winterberg und Erni setzen bewusst auf Vielfalt und auf Kulturen, die sich mit einer eher extensiven Bewirtschaftung anbauen lassen. Vermarktet wird hauptsächlich über Biofarm und den eigenen Hofladen.
Dabei gilt für jede Kultur etwas anderes: Beim Hafer entscheidet die Qualität über den Absatz, beim Lein schwanken die Erträge, beim Einkorn funktioniert die regionale Wertschöpfung dank eines konkreten Abnehmers. Hirse und Teff wiederum zeigen, wie schwierig es sein kann, eine klimatisch passende Kultur in einen funktionierenden Markt zu bringen.
«Auch die klimafitteste Kultur nützt nichts, wenn man sie nicht vermarkten kann», folgert Bettina Erni. Dieser Satz fasst die Überlegung hinter der Fruchtfolge gut zusammen. Klimaanpassung ist wichtig, aber sie ist nur ein Teil der Entscheidung. Eine Kultur muss auch zum Standort, zum Betrieb, zur Bewirtschaftung und letztlich zum Markt passen.
Was sich bewährt und was sich ändern wird
Die vielfältige Fruchtfolge hat sich auf dem Betrieb grundsätzlich bewährt. Sie verteilt die Risiken und ermöglicht unterschiedliche Vermarktungswege. Gleichzeitig bleiben Nischenkulturen anspruchsvoll: Die Erträge können schwanken, die Anbautechnik muss passen ‒ und vor allem muss ein Absatz vorhanden sein. Mit Teff wollen Winterberg und Erni deshalb weitere Erfahrungen sammeln. Auch die Möglichkeiten von Zweitkulturen wie der spät gesäten Hirse sollen weiter ausgelotet werden. Entscheidend bleibt dabei die Kombination aus Klimatauglichkeit, Anbausicherheit und Vermarktung.
Betriebsspiegel
vom Erushof
Ramon Winterberg und Bettina Erni, Bettwil AG
LN: 26 ha
Kulturen: Hirse, Winterweizen, Lein, Hafer, Dinkel, Einkorn, Teff, Kunstwiese, 200 Hochstamm-Obstbäume
Tierbestand: 20 Pensionspferde, 4 Zuchtstuten, 11 Mutterkühe und 1 Stier
Weitere Betriebszweige: Pferdepension, Besenbeiz, Direktvermarktung
Arbeitskräfte: Zwei Mitarbeitende, eine Lernende und Vater Guido Winterberg

