Das Ziel sei das Teilen von Erfahrungen und seiner Recherchearbeit, schickte Raphael Vogel seinen Ausführungen voraus. Der Berater von Regenerativ Schweiz sprach an einem Webinar der Organisation, das aus aktuellem Anlass öffentlich war und sich um Massnahmen im Futterbau aufgrund der herrschenden Trockenheit drehte. «Es sind neue Ideen gefragt», meinte Vogel. Was er präsentiere, sei aber nicht sämtlich in der Schweiz untersucht oder zigmal erprobt worden.
Der Boden ist im Sommer über vier Grad wärmer geworden
In den letzten Jahren seien mit dem Klimawandel insbesondere die Bodentemperaturen gestiegen, stellte Raphael Vogel zur Ausgangslage klar. «Plus 4,5 Grad im Sommer und etwa 2,5 Grad mehr im Herbst, das hat schon einen grossen Einfluss auf den Wasserhaushalt», stellte er fest.
Die Folgen: Die Verdunstung steigt und die ständige Bedeckung des Bodens wird wichtiger. Dass in diesem Jahr schon im Frühling und wiederum im Frühsommer teilweise historisch wenig Regen gefallen ist, sollte uns allen zu denken geben, findet Vogel.
«Beim Grünland gehen wir da oft zu wenig tief»
Dem Innerschweizer ist es ein Anliegen, dass Landwirt(innen) ihre Kulturen verstehen. Im Ackerbau sei das eher der Fall, da wisse man, wie und worauf die Pflanzen in welchem Stadium reagieren. «Beim Grünland gehen wir da oft zu wenig tief.» Daher erläuterte Raphael Vogel einige Grundlagen zu Grünlandpflanzen.
Etwa, dass das Fotosynthese-Optimum von C3-Pflanzen wie Gräsern, Kräutern und Leguminosen bei unter 25 Grad liegt. Bei mehr Hitze sinkt entsprechend die Leistung. «Die Pflanzen brauchen Zucker, um ihren Stoffwechsel anzupassen. Das beeinträchtigt die Produktivität.» Je weniger Wasser zur Verfügung stehe, desto schlimmer – denn dann fehle auch das Kühlmittel.
Mit der richtigen Düngung den Wasserbedarf dämpfen
Hinsichtlich des Wasserbedarfs sei Grünland im Vergleich zu Ackerkulturen weniger effizient, fuhr Raphael Vogel fort. Er bezifferte den Bedarf auf 600–800 l/kg TS, wobei Gras mehr braucht als Kleearten. «Aber das ist unter anderem stark abhängig von der Düngung», ergänzte er. Eine gut versorgte Wiese – Vogel sprach hier von einer «vernünftigen Pflanzenernährung» statt einseitig hoher Stickstoffgaben – habe eine effizientere Fotosynthese und generiere anständige Erträge aus dem Wasser, das zur Verfügung steht.
«Der Hauptpunkt ist: In dieser Trockenphase retten wir das Grünland nicht. Jetzt geht es darum, unnötigen Pflanzenstress zu vermeiden und anschliessend durch Anpassungen am Bestand und der Bewirtschaftung die Wassereffizienz zu steigern.» So könne pro Liter Wasser mehr Futter produziert werden.
Intensive Nutzung kostet Wurzelmasse
Als Lichtblick verwies Raphael Vogel auf die Fähigkeit von Gräsern, nach einer allenfalls in Dormanz überstandenen Trockenphase schnell wieder auszutreiben. Unter optimalen Bedingungen wachse etwa ein Rohrschwingel bis zu zwei Millimeter pro Stunde. «Es ist also nicht Hopfen und Malz verloren, wenn der Bestand mal eine Woche braun ist.»
Auf Trockenheit und Hitze reagieren Kräuter und Leguminosen weniger heftig als Gräser, die das Wachstum von Blättern und Trieben fast vollständig einstellen. Ob gräserdominierte Bestände in Lagen mit Trockenheitsgefahr die Zukunft sind, dahinter setzt Vogel deshalb ein grosses Fragezeichen.
Was tiefer wurzelt, findet auch in trockenen Phasen noch länger Wasser. Insofern ist eine Nutzung von moderater Intensität nicht nur empfehlenswert, weil so das Mikroklima geschützt und der Boden besser bedeckt ist: «Was oben geschnitten wird, wird unten für den neuen Aufwuchs geopfert», schilderte Raphael Vogel. Auch englisches Raigras könne tiefer wurzeln – aber je öfter und tiefer es gemäht wird, desto weniger Ressourcen bleiben für das Wurzelsystem. Nicht zuletzt hängt die Trockenreaktion von Arten und Sorten ab. «Leider ist das bisher kein systematisches Kriterium der Sortenprüfung», bemerkte der Berater.

Die Graswachstumskurve optimieren und ergänzen
Um auch in trockenen Sommern genügend Futter zu haben, ist die Graswachstumskurve zu optimieren. Normalerweise zeigt sie eine Sommerdepression mit verringertem Wachstum, das bei Trockenheit und Hitze auf Null sinken kann. Im Herbst steigt die Kurve dann typischerweise wieder an.
Durch die Kombination verschiedener Arten, von Gräsern, Kräutern und Leguminosen, lässt sich die Kurve glätten. Eine weitere Möglichkeit ist der gezielte Einbau von C4-Pflanzen, deren Fotosynthese-Optimum bei höheren Temperaturen liegt und die im Juli/August am produktivsten sind – genau dann, wenn C3-Gräser am stärksten leiden. Eine Ganzpflanzensilage(GPS)-Mischung ergänzt C4-Kulturen ideal, wenn mit diesen Zwischenfuttern gleichzeitig eine Sanierung alter Bestände als Ziel verfolgt wird.
Generell rät Raphael Vogel, die Futterqualität im Auge zu behalten, statt sich nur von hohen TS-Erträgen leiten zu lassen. «Eine höhere Futterqualität – auch hinsichtlich des Proteingehaltes, der Mineralstoffe, der Verdaulichkeit usw. – bedeutet einen insgesamt geringeren Futterbedarf», sagte er.
Dasselbe gilt, wenn die Tiere weniger Stress haben. Kühles Tränkewasser kommt ihnen entgegen – «Kühe sind einfach ein Ofen» –, ebenso wie die Fütterung primär in den kühleren Morgen- oder Abendstunden.

Bei extremem Wetter das Grünland nicht stressen
Neben solchen eher mittel- bis langfristigen Überlegungen gibt es auch Sofortmassnahmen, um Grünlandbestände bei extremem Sommerwetter zu entlasten. Das oberste Gebot: Stress von der Wiese nehmen. Das bedeutet Verzicht auf (intensives) Weiden, nicht unter 10 cm tief mähen, scharfe Messer für einen sauberen Schnitt verwenden und Stickstoff nur zurückhaltend düngen.
«Nitratüberschüsse sind zu vermeiden, weil sie Pflanzen aufblähen und den Wasserbedarf erhöhen», erklärte Raphael Vogel. Gülle sollte, wenn überhaupt, dann stark verdünnt (1:3) eingesetzt werden. Besser wäre eine mikrobielle Nachlieferung von Stickstoff oder bei Bedarf eine Blattdüngung. Ohne Wasser sind indes weder Stickstoff noch Phosphor pflanzenverfügbar. Um gesund zu bleiben und allenfalls durch die Hitze zerstörte Proteine zu ersetzen, brauchen Pflanzen aber durchaus Nährstoffe.
Darüber hinaus sind verschiedene Nährstoffe dafür bekannt, die Trockentoleranz von Pflanzen – im Ackerbau oder Grünland – zu verbessern. Dazu gehören Zink, Kalium, Silizium und Selen. Zu Letzterem betonte Vogel, vorsichtig zu sein und nur aufgrund von Boden- oder Futteranalysen Selen zu düngen. Auch für Tierhaltungsbetriebe sei eine ausreichende Kalium-Versorgung heute nicht mehr automatisch gegeben.
Wächst es wieder, oder braucht es eine Neusaat?
Wenn die Trockenheit einmal ausgestanden ist, stellt sich die Frage, ob sich der Bestand erholt oder neu ein- bzw. angesät werden muss. Die Angiessprobe zeigt es: Eine kleine Fläche wässern und schauen, ob nach zwei, drei Tagen etwas nachwächst. Ein schwacher Bestand kann eine Chance sein, um Wiesenfilz auszustriegeln.
«Ich betone: Das ist etwas für das Ende der Trockenphase, um das Grünland nicht zusätzlich zu stressen», mahnte Raphael Vogel. So biete sich die Möglichkeit, das Gewünschte zu etablieren, wenn die Dürre Lücken hinterlassen habe. Gegen sogenannten «Sommerfrost» – also insbesondere vertikale Spalten im Boden – könne das Walzen helfen. Ein Hinweis darauf, dass diese Massnahme förderlich wäre, sind grünere Fahrspuren im Bestand. Dort zeigen sich die positiven Effekte der Rückverdichtung durch das Gewicht des Traktors.
Wenn der Regen kommt, gibt es einen Nährstoffschub
Eine Dürre wie jene der letzten Wochen fordert Opfer. «Wurzelteile und Bodenorganismen sterben», schilderte der Innerschweizer Berater. Zusammen mit Regen gebe das einen Nährstoffschub, weshalb zu diesem Zeitpunkt aufs Gülleführen grösserer Mengen (über 20 m³/ha, 1:1 verdünnt) eher zu verzichten sei. Vor einer Nachsaat sei es dann auch besser, den neu aufwachsenden Bestand nochmal zu nutzen, so die Empfehlung. Raphael Vogel sieht viel Potenzial im kompensatorischen Wachstum des Grünlands. Wenn das Wetter wieder günstiger ist, kann es loslegen.

