Die Euphorie vergangener Jahre für mehr erneuerbare Energien scheint etwas verflogen. Strom von bäuerlichen Solardächern und Biogas vom Bauernhof scheinen kaum mehr gefragt beziehungsweise werden schlecht vergütet. Die BauernZeitung hat mit Simon Bolli über das Thema gesprochen. Er ist Leiter Vertrieb und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Fleco Power AG (siehe Kasten unten).
Simon Bolli, wie beurteilen Sie die aktuelle Stimmung in der Branche?
Simon Bolli: Die Inkraftsetzung des neuen Energiegesetzes und die damit einhergehende Einführung des Referenzmarktpreises (RMP) für die Rückliefervergütung haben deutliche Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Energieproduzenten. Die Situation ist insbesondere für Solarstromproduzenten herausfordernd, aber die Branche bleibt gewohnt dynamisch und passt sich den stetig ändernden Rahmenbedingungen an.
Das heisst?
Mit der Einführung des RMP ist die Wirtschaftlichkeit vieler Photovoltaikanlagen (PVA) auf einmal nicht mehr gegeben, zumal der Überschussstrom in den Sommermonaten mit tiefen Strompreisen, teils unter den Gestehungskosten, ins Netz abgegeben werden muss. Dies führt zu einer rasanten Entwicklung von Eigenverbrauchslösungen auf den Landwirtschaftsbetrieben. Batteriespeichersysteme können helfen, den Eigenverbrauch auf dem Betrieb wesentlich zu steigern und dadurch die Wirtschaftlichkeit der PVA zu verbessern. Entsprechend gross ist aktuell die Nachfrage nach Batteriespeichern in der Landwirtschaft in Ergänzung zur Eigenverbrauchsanlage auf dem Dach.[IMG 2]
Lohnen sich Batteriespeicher wirklich?
Damit kann die Stromüberschussproduktion des Tages zwischengespeichert und so teurer Nachtstrombezug reduziert werden. Ein weiterer wirtschaftlicher Vorteil liegt im sogenannten Peak Shaving. Durch den gezielten Einsatz des Speichers lassen sich teure Lastspitzen im Betrieb kappen, was die Netzkosten unmittelbar senkt.
Batteriespeicher bringen jedoch immer auch erhebliche Investitionskosten mit sich und rechnen sich wirtschaftlich nur dann, wenn der Eigenverbrauchsgrad wesentlich gesteigert werden kann. Die Dimensionierung sollte in einem gesunden Verhältnis zum Eigenverbrauch des Betriebes stehen. Die Amortisationszeit eines Batteriespeichers sollte erfahrungsgemäss zehn Jahre nicht übersteigen.
Sind Batterien auch für Regelenergie-Dienstleistungen sinnvoll?
Die Vermarktung der Batterie-Flexibilität zur Generierung von Zusatzerträgen kann die Wirtschaftlichkeit von Eigenverbrauchsspeichern verbessern. Dabei erfolgt die Steuerung des Speichers vollautomatisch und ist im täglichen Betrieb kaum spürbar. Die Batterie optimiert weiterhin primär den Eigenbedarf vor Ort. Doch aufgepasst vor einer unüberlegten Überdimensionierung des Batteriespeichers für Regelenergie-Dienstleistungen, da sich die entstehenden Mehrkosten für die Investition erfahrungsgemäss in den seltensten Fällen wirtschaftlich rechnen.
Gibt es weitere Chancen zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit von Solarstrom?
Die Energieproduzenten müssen die Einkommensbasis ihrer PVA zwangsläufig verbreitern und diversifizieren und zusätzliche Märkte erschliessen. Neben der Erweiterung des Eigenverbrauchs wird auch die Umsetzung von Eigenverbrauchsgemeinschaften stark an Bedeutung zunehmen. Lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) bieten der Landwirtschaft grosse Chancen, ihren «Strom vom Bauernhof» selbst zu vermarkten und dadurch die Wertschöpfung in den eigenen Händen zu behalten.
Sollen Bauern noch neu auf grosse PV-Anlagen setzen, oder lediglich auf den Eigenverbrauch fokussieren?
Wie bereits erwähnt, ist mit der diesjährigen Einführung des vierteljährlich gemittelten Referenzmarktpreises als Rückspeisevergütung die Wirtschaftlichkeit von grossen PVA mit viel Überschussproduktion kaum mehr gegeben. Mit der zukünftigen Einführung von dynamischen Einspeisetarifen wird sich diese Situation noch weiter verschärfen.
Dies wird zur Folge haben, dass die Rückspeisetarife im Sommerhalbjahr phasenweise gegen Null oder gar ins Negative gehen. Dadurch drohen den PVA mit Überschussproduktion, die zu stündlichen Strommarktpreisen einspeisen müssen, massive Ertragseinbussen. Die Erhöhung des Eigenverbrauchs ist daher anzustreben und bietet den grösstmöglichen Gegenwert. Alles, was selbst produziert und gleichzeitig verbraucht wird, muss nicht teuer vom Netz bezogen werden.
Anlagen mit einer installierten Leistung unter 150 kWp sind nach wie vor gesetzlich durch eine Minimalvergütung vor negativen Preisen geschützt.
Was ist sinnvoller, vZEV oder LEG?
Virtuelle Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (vZEV) können bereits seit letztem Jahr umgesetzt werden. Ein vZEV gilt als erweiterter Eigenverbrauch und kann nur mit Teilnehmern aus der unmittelbaren Nachbarschaft umgesetzt werden, die sich hinter demselben Netzanschlusspunkt befinden. Eine solche Erweiterung des Eigenverbrauchs mit den Nachbarn kann finanziell attraktiv sein, ist aus Sicht des Mengenpotentials gegenüber einer LEG jedoch stark eingeschränkt und in der administrativen Abwicklung deutlich komplexer.
Für lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) besteht die rechtliche Grundlage seit 1. Januar dieses Jahres. Da die ersten unserer rund 50 LEG ihren Betrieb erst ab dem 1. April aufnehmen konnten, haben wir aktuell noch wenig Erfahrungswerte aus dem laufenden Betrieb. Da wir die Last- und Produktionsprofile aus den vorgängigen Analysen jedoch bereits kennen, wissen wir, dass die Landwirte zum Teil hohe zusätzliche Erträge generieren können. Der Zusatzertrag für Produzenten ergibt sich aus der Differenz des Energiepreises für Endverbraucher und dem Rückliefertarif (RMP) für den PV-Strom.
Und der Nutzen für die Kunden?
Die Endverbraucher profitieren von einem Abschlag auf das Netznutzungsentgelt in Höhe von 40 % respektive 20 %. Somit entsteht für beide Seiten eine Win-win-Situation. Wir sind überzeugt, dass LEG zukünftig einen wichtigen Stellenwert in der lokalen Vermarktung von «Strom vom Bauernhof» haben werden.
Ideale Kunden haben ein ähnliches Verbrauchsprofil wie die Produktionsanlage. Für PV-Anlagen also Kunden, die während des Tages Strom verbrauchen. Für die Bildung einer LEG genügt ein einfacher Gesellschaftsvertrag zwischen Stromproduzenten und -abnehmern.
Wie kann man eine LEG ins Leben rufen?
Für landwirtschaftliche Stromproduzenten ist es wichtig, die Gründung ihrer LEG selber voranzutreiben. Sie müssen «interessante» Kunden für sich gewinnen, bevor andere dies tun. Das Ziel sollte sein, über geeignete Stromabnehmer einen möglichst hohen Direktlieferanteil für den produzierten Strom zu erreichen. Wir unterstützen Produzenten in Sachen LEG mit vorgefertigten Geschäftsmodellen, Musterverträgen und Kommunikationshilfsmitteln. Darüber hinaus übernehmen wir alle administrativen Aufgaben von der Gründung bis zur digitalen Abwicklung und Optimierung der Wirtschaftlichkeit.
Oft hört man von einem Flexibilitätsmarkt zur Netzstabilisierung. Ist das auch etwas für Solarbauern?
Die Möglichkeiten zur Vermarktung von Flexibilität zur Erschliessung zusätzlicher Einnahmequellen sind vielseitig. Die gängigste Form dieser Art der Zusatzvermarktung ist jene über den Regelenergiemarkt. Voraussetzung hierfür ist ein Marktzugang über die Einbindung der Anlage in den Regelpool eines Dienstleisters wie beispielsweise Fleco Power. Mit der Teilnahme von PVA und Batteriespeicher am Regelenergiemarkt können je nach Marktsituation interessante Zusatzerträge erwirtschaftet werden. Diese setzen sich aus zwei Komponenten zusammen: zum einen aus der Vergütung für die Leistungsvorhaltung (das Bereitstellen der elektrischen Flexibilität), zum anderen über eine Entschädigung für die tatsächlich gelieferte Regelenergie.
Auf vielen Landwirtschaftsbetrieben gibt es Leistungstarife. Was können Bauern tun, wenn sie gleichwohl darauf angewiesen sind, dass Heulüfter und Melkroboter gleichzeitig laufen?
Zurzeit gibt es wenige Verteilnetzbetreiber mit einem Leistungstarif. In Regionen mit Leistungstarifen können Batteriespeicher helfen, Leistungsspitzen zu brechen und Kosten zu sparen. Eine weitere Möglichkeit ist, via Energie-Managementsystem den Verbrauch so zu steuern, dass möglichst geringe Leistungsspitzen entstehen und nicht zwingend notwendige Verbräuche auf andere Zeiten gelegt werden. Aus unserer Sicht macht eine Verschiebung aller nicht zwingend notwendigen Verbräuche auf die Mittagsstunden Sinn. Hierzu benötigt es aber eine Analyse sämtlicher Verbräuche des Betriebes und das Produktionsprofil der PV-Anlage.
Welche Tipps geben Sie grundsätzlich interessierten Landwirten?
Da die Ausgangslage komplex und sehr individuell ist, sehe ich folgendes Vorgehen:
· LEG/vZEV: Informationen bei Abwicklungsdienstleistern einholen, beispielsweise: www.flecopower.ch/leg
· Batteriespeicherlösungen und Flexibilitäts-Vermarktungsoptionen: Informationen bei Dienstleistern einholen, beispielsweise: www.flecopower.ch/flex
· Kontaktaufnahme mit Batterielieferanten, beispielsweise www.mbrsolar.ch
· Angebote beim lokalen Netzbetreiber einholen und prüfen
· Entscheid und schrittweise Umsetzung der sinnvollen Massnahmen
Fleco Power: Produzentennah und unabhängig
Die Fleco Power AG mit Sitz in Winterthur wurde 2015 gegründet mit dem Ziel, die Marktstellung der dezentralen, erneuerbaren Stromproduktion zu stärken und innovative Vermarktungsmöglichkeiten zu schaffen. Das Unternehmen ist vollständig im Besitz von Produzentenorganisationen wie Ökostrom Schweiz, MBRsolar AG und weitere. Fleco Power unterstützt Landwirtinnen und Landwirte bei Elektrizitätsgemeinschaften: Beratung, Gründung und Abwicklung von LEG StromvermarktungFlexibilitätsvermarktung: Produktionsanlagen / Batterie-Flexibilität Beratung: Batteriespeicheroptimierung
Aufwertung von Biogas zu Biomethan ist anspruchsvoll
[IMG 3] Auch für Biogasanlagen haben sich die Rahmenbedingungen verändert, der Strom kann wegen geänderten Fördermodellen oft nicht mehr kostendeckend produziert werden. Allerdings müsse die Situation differenziert betrachtet werden, sagt Martin Hiefner vom Fachverband Ökostrom Schweiz. «Wir stellen einen konstanten Zubau von Neuanlagen fest, als Resultat von attraktiven Förderbedingungen und einem anhaltend grossen Interesse an Biogas in der Landwirtschaft.» Die bestehenden Anlagen hingegen stünden vor einer schwierigen Herausforderung, weil die Wirtschaftlichkeit in Frage gestellt sei, wenn sie in den nächsten Jahren aus der KEV fallen. Bei diesen Anlagen brauche es individuelle Nachfolgelösungen sowie eine optimalere Vermarktung der Energieproduktion und Mehrwerte. Biomethan, wenn Netz in der Nähe Schweizweit auf dem Vormarsch sei die Aufbereitung von Biogas zu Biomethan mit anschliessender Einspeisung ins Gasnetz. Diese Option werde seit 2025 beanreizt durch Investitionsbeiträge des Bundes. Die Biogaseinspeisung sei für landwirtschaftliche Betriebe allerdings eine herausfordernde Betriebsvariante, betont Hiefner. Sie bedinge eine nahe gelegene Gasleitung (Niederdrucknetz), eine grössere Anlagendimensionierung und langfristige Verkaufsverträge, mit der die Gestehungskosten über die volle Amortisationsdauer gedeckt werden könnten. Genügend Futter für die Bakterien Grundlegende Voraussetzung für jedes Biogasprojekt sei, dass ausreichend Mist und Gülle auf dem Betrieb oder in der näheren Region zur «Fütterung» der Anlage zur Verfügung stehen. Dieses Potenzial könne durch überbetriebliche Kooperation besser genutzt werden. Der Co-Substrat-Markt hingegen sei – abgesehen von regionalen und saisonalen Ausnahmen – weitgehend ausgetrocknet. Um die Wirtschaftlichkeit der Anlage zu optimieren, sei es wichtig, dass auch die Mehrwerte der landwirtschaftlichen Biogasproduktion in Wert gesetzt werden können. Darunter zu verstehen seien beispielsweise Klimaschutzleistung, Überschusswärme, Vergärungsprodukte, Regelenergie oder Herkunftsnachweise. Unabdingbar dafür seien praxistaugliche Rahmenbedingungen und eine entsprechende Zahlungsbereitschaft im Markt. Der Fachverband Ökostrom Schweiz stehe Interessierten als zentrale Anlaufstelle zur Verfügung und bietet technische wie auch betriebswirtschaftliche Beratungsleistungen an.

