Ich war ein Kinofan, wohnte und arbeitete mitten in der Stadt Zürich und profitierte von der einzigen Bar weit und breit, die auch noch nach Mitternacht geöffnet haben durfte. Ja, das ist schon eine geraume Weile her, denn mittlerweile hat sich das doch ziemlich geändert.
Was ich mir da nicht alles im Studio-Kino, vis-à-vis von meinem Couture-Atelier, angesehen hatte! Vieles, was heute zu Klassikern zählt, anderes, von dem man nie mehr etwas hörte: Französische Studiofilme, italienische Skandale wie die Pasolini-Verfilmungen, amerikanische Low-Budget-Projekte. Gerade in Letzteren und in ihren grossen Brüdern, den sogenannten Blockbustern, gab es immer wieder diese eine Szene, die mich – übrigens auch noch heute – verstörte:
Sie, Ehefrau, Mami, Geliebte, wartet daheim auf ihn, Ehemann, Vater, Geliebter, und kocht ihm sein (Lieblings-) Essen, das dann fixfertig auf dem Tisch steht. Er kommt heim, aus tausend Gründen verschwindet er wieder: Streit, wichtiges Telefonat, hübsche Nachbarin, die Hilfe braucht, Meinungsverschiedenheiten, ob das Teeniegirl abends um acht noch mit ihrem Boyfriend wegdarf, weiss der Teufel.
Und nun, Sie können darauf wetten, holt sie nicht etwa ein Tupperware hervor, um Papis Essen sorgfältig im Eisschrank für den späteren Verzehr aufzubewahren. Nein. Sie wirft alles, meist inklusive Teller, mit Nachdruck in den Güselkübel.
Nicht nur im Film
«Okay, Sigg, beruhigen Sie sich, es sind nur Filme», denken Sie jetzt. Ja, aber leider muss ich sagen, dass ich dies bei meinen Besuchen in den USA öfters genauso miterlebt habe (ohne Teller). Und ebenso leider: Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Menschen das, was in Filmen gezeigt wird, als nachahmenswert empfinden.
(Jetzt kommt eine ganz grosse Klammer, aber ich muss es einfach einmal loswerden: alle diese vielen Scheidungen … Kann dies daher rühren, dass junge Frauen mit Vorstellungen in die Ehe gehen, die sie durch das jahrelange Glotzen von Soap-Operas und Kitschserien als wahrhaftig empfinden? Und dann zu Tode enttäuscht sind, wenn der Prinz weder die Zahnpastatube noch die WC-Türe schliesst?)
Essen wirft man nicht weg. Sie kennen meine Litanei. Die Überzeugung, mit der wir jetzt, mitten in einer weltpolitisch brisanten Situation, dem Krieg in der Ukraine (Krieg. Nicht Konflikt. Krieg vor den Toren des Westens) noch glauben, dass wir, da genug finanzielle Mittel vorhanden, stets alles importieren können, wird über kurz oder lang Risse bekommen. Bereits spricht man von einem Weizenengpass, denn die Kornkammer der Welt brennt. Das hat Konsequenzen, auch für uns. Wir tun gut daran, ein paar Gedanken darauf zu verschwenden, wenn im schlimmsten Fall trotz Zahlungsbereitschaft einfach nichts mehr erhältlich ist.
Langfristig denken
Einen kleinen Vorgeschmack erhielten wir ja während des Lockdowns in den ersten Tagen von Corona. Welche Szenarien sind denkbar? Hamsterkäufe? Garantiert. Run auf Gärtnereien, um sich mit Saatgut einzudecken und auf dem Balkon Auberginen, Salat und Zucchetti zu ziehen, was dann nicht gelingt? Plündern der Pflichtlager? Verteilen von Lebensmittelmärkli wie damals, in den Vierzigerjahren? Anbauschlacht? Oje, «z Züri» sieht das mit dem Sechseläutenplatz «schitter» aus, seit er umgestaltet und mit teuren Granitplatten belegt wurde.
Wir sind auf Importe angewiesen. Mehr als die Hälfte des Eigenbedarfs kann in der Schweiz wohl kaum produziert werden. Stichwort zehn Millionen Einwohner. Zumal vieles hier gar nicht gedeiht – diese Diskussion muss nicht mehr geführt werden.
Je länger, desto mehr sind wir auf verlässliche Handelspartner angewiesen. Darum bin ich überzeugt, dass wir nicht nur kurzfristig noch mehr auf inländische Produkte setzen müssen. Übrigens nicht nur, was Lebensmittel betrifft. Ja, das ist in der Regel teurer. Wissen wir ja. Aber damit machen wir uns vielleicht auch ein bisschen weniger abhängig.

