In den Getreidesilos der Ukraine lagert noch die letztjährige Ernte, aber der Krieg hat den Handel lahmgelegt. Auch russische Getreideexporte brechen ein, denn sowohl Finanzinstitute als auch Logistikfirmen zögern bei der Unterstützung des Handels mit Russland. Das Land selbst hat Exportbeschränkungen erlassen und wird allenfalls bald gänzlich auf die jährlichen 8 Mrd US-Dollar aus dem Weizenexport verzichten – der Selbstversorgung willen. Gepaart mit den steigenden Energiepreisen führt dieser Angebotsrückgang zu explodierenden Lebensmittelpreisen. Besonders Länder in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten, die von ukrainischen und russischen Agrarexporten abhängen, droht eine Hungerkrise.
Eine zynische Warnung
Der Schweiz kommt in diesem Krieg als weltgrösster Transithandelsplatz für Rohstoffe eine zentrale Rolle zu. Ein Grossteil des russischen Öl- und Gashandels läuft über Schweizer Rohstoffhändler. Diese Exporte bringen dem Land jährlich 200 Mrd US-Dollar und nähren Putins Kriegskasse. Die Schweiz jedoch hält Sanktionen gegen ihr Kerngeschäft, den Rohstoffhandel, für den falschen Weg und warnt vor Konsequenzen für die Ernährungssicherheit. Das ist zynisch, denn die Hungerkrise wird nicht durch einen Verzicht auf Sanktionen abgewendet, im Gegenteil. Wenn es die Schweiz ernst meint mit ihrer Besorgnis, muss sie sich dafür einsetzen, dass die EU Sanktionen ausspricht, diese unverzüglich übernehmen und dafür sorgen, dass die von Hunger bedrohten Länder bei ihrer Versorgung logistisch und finanziell unterstützt werden.
Wie die Schweiz beteiligt ist
Der Schweiz kommt eine weitere wichtige Rolle zu: jene als Sitzstaat der grossen Agrarhändler. Cargill, Louis Dreyfus und Co., die schätzungsweise zwischen 70 und 90 Prozent des weltweiten Getreidehandels kontrollieren, haben allesamt ihre Handelsabteilungen hier. Auch der Handel mit Getreide aus der Schwarzmeerregion läuft über ihre Schweizer Büros. Die öffentlichkeitsscheuen Trader schwiegen sich lange zum russischen Krieg aus. Bei einigen sucht man noch heute vergeblich nach einer Positionierung, wie beim chinesischen Staatskonzern Cofco mit Handelshauptsitz in Genf. Andere schieben – genau wie die Schweiz – die Hungerkrise als Grund für ihr Zögern vor. So heisst es bei Cargill, Nahrung sei ein Menschenrecht und sollte nie als Waffe verwendet werden. Dieses berechtigte Argument wirkt zynisch, wenn der Absender der weltgrösste Agrarhändler ist, der während der Coronapandemie mit 5 Mrd US-Dollar den grössten Profit der 157-jährigen Firmengeschichte eingefahren hat, während die Zahl der Hungernden gleichzeitig um 100 Millionen gestiegen ist.
Eine Frage der Gewichtung
Bei Geschäftstätigkeiten in und mit Krieg führenden Ländern braucht es neben Transparenz und einer klaren Positionierung zwingend eine verstärkte Sorgfaltsprüfung. Die Händler müssen verhindern, das kriegstreibende Regime wirtschaftlich oder politisch zu unterstützen oder die Wirkung der Sanktionen zu unterlaufen. Nicht zuletzt müssen die Agrarhändler ebenfalls einen Beitrag zur globalen Ernährungssicherheit leisten und die Volatilität der Preise nicht ausnutzen, um diese durch Spekulation noch weiter in die Höhe zu treiben. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Rohstoffdrehscheibe Schweiz ihren (spärlichen) Worten Taten folgen lässt und sie die globale Ernährungssicherheit höher gewichtet als ihre unmittelbaren Geschäftsinteressen. Die Vergangenheit gibt wenig Grund zur Hoffnung.

