Geflügel ist neu. Der Medikamentenmangel in der Tiermedizin ist es nicht. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) und ihre Fachsektion für Geflügelmedizin, die SVGM, warnen: Immer mehr Firmen geben den Vertrieb von Geflügelmedikamenten in der Schweiz auf oder stellen die Produktion ganz ein.
Für die BauernZeitung ist das eine neue Tierart in einer alten Geschichte. Über fehlende Tierarzneimittel berichten wir seit Jahren – bislang ging es dabei vor allem um Rinder: um Kalziuminfusionen, um Selen, um Sedationsmittel für die Kälberenthornung, und schon 2022 warnte die GST vor einer drohenden Antibiotika-Mangellage bei Mensch und Tier. Jetzt kommt das Geflügel dazu.
Was die Tierärzteschaft meldet
Für viele Hersteller lohnt sich der Schweizer Markt schlicht nicht mehr. Die Folge sind Liefer- und Versorgungsengpässe, mit denen die Tierärzteschaft laut eigenen Angaben täglich zu tun hat. Im Ernstfall lässt sich ein krankes Huhn dann nicht mehr fachgerecht behandeln.
Besonders zu spüren bekommen das kleinere Herden, etwa in mobilen Legehennenställen. Sie werden oft nicht von spezialisierten Geflügelpraxen betreut, sondern von allgemeinen Nutztierpraxen – und die tun sich schwer, im Krankheitsfall rechtzeitig an Medikamente aus dem Ausland zu kommen. Bis eine Lieferung eintrifft, können Wochen vergehen.
Und es geht weiter: Ab 2028 wird laut GST kein einziges zugelassenes Erstlinien-Antibiotikum – also das Mittel der ersten Wahl bei einer bakteriellen Infektion – für die Geflügelbehandlung mehr verfügbar sein. Gleichzeitig fehlen zunehmend Impfstoffe, die Krankheiten von vornherein verhindern sollen.
Eine Geschichte, die sich wiederholt
Das Muster kennt man aus der Rindviehhaltung, und zwar schon länger. Anfang 2022 zeigte die BauernZeitung auf, dass es bei Nutztierarzneimitteln eng werde – unter anderem, weil eine Anpassung des EU-Heilmittelrechts mehrere Antibiotika für Nutztiere strich, die die Schweiz übernehmen musste.
Im Sommer 2023 gingen der Schweiz dann die Kalziuminfusionen aus, lebenswichtig für Kühe rund um die Abkalbung, wenn der Calciumspiegel gefährlich absinkt. Die BauernZeitung titelte damals: «Es hat keine Kalzium-Infusionen mehr» und zeigte auf: Steigende behördliche Ansprüche an die Zulassung machen die Tierarzneimittel-Produktion für den kleinen Schweizer Markt zunehmend unattraktiv. Bewährte Präparate verschwinden, und das verschärft am Ende sogar die Resistenzlage bei Antibiotika.
Noch im selben Jahr ging zusätzlich das Selenpräparat eines grossen Herstellers aus – heikel, weil Schweizer Böden selenarm sind und das Land beim Spurenelement komplett auf Importe angewiesen ist.
Meldestelle für Versorgungsstörungen eingerichtet
Politisch blieb das nicht folgenlos, zumindest auf dem Papier. Im Dezember 2023 reichte der Zürcher Bauernpräsident und SVP-Nationalrat Martin Haab eine Interpellation ein. Ein Jahr später richtete die Veterinär-Pharmabranche für 2025 eine zentrale Meldestelle für Versorgungsstörungen ein. Der Bundesrat selbst räumte damals ein, dass die Versorgung bei Impfstoffen, Infusionslösungen und Euterinjektoren kritisch sei – und dass Herstellerinnen und Vertreiberinnen von lebenswichtigen Tierarzneimitteln, anders als in der Humanmedizin, nicht einmal meldepflichtig sind, wenn sich eine Versorgungsstörung abzeichnet.
Auch das Zulassungssystem selbst stand 2025 in der Kritik. Im Zusammenhang mit der Blauzungenkrankheit, gegen die monatelang kein zugelassener Impfstoff verfügbar war, forderten Bauern- und Viehhändlerverband eine schnellere, weniger bürokratische Notzulassung. Die Schweizer Tierärzteschaft ging dabei weiter: Das ganze Zulassungssystem für Tierarzneimittel beruhe auf einer Fehlannahme und verschärfe die Versorgungslücken seit Jahren strukturell. Dieselbe Diagnose passt jetzt eins zu eins aufs Geflügel.
Weshalb sich am Grundproblem nichts ändert
Die Ursache ist immer dieselbe: Marktlogik. Die Schweiz ist für internationale Pharmakonzerne zu klein, um sich als eigener Absatzmarkt zu lohnen, verlangt aber eigene Zulassungen mit entsprechendem Aufwand. Wo sich das nicht rechnet, zieht sich ein Hersteller zurück – zuerst bei Nischenpräparaten für kleine Tierarten wie Geflügel, mit der Zeit auch bei Wirkstoffen, die grössere Tierarten brauchen.
Dazu kommt die Abhängigkeit von wenigen Produktionsstandorten, oft in China oder Indien: Stockt dort die Lieferkette, spürt das mit Verzögerung die ganze Schweizer Veterinärmedizin.
Die GST argumentiert mit dem Tierwohl. Wer auf einer kleinstrukturierten Nutztierhaltung mit hohen Tierschutzstandards besteht, muss auch dafür sorgen, dass diese Tiere jederzeit medizinisch versorgt werden können. Sonst bleiben die Standards eine Dystopie mit gutem Gewissen: Auf dem Papier stimmt alles, im Stall fehlt das Medikament.
Was jetzt gefordert wird
Die Forderung von GST und SVGM ist nicht neu, nur der Adressat wieder derselbe: Der Bund soll die Rahmenbedingungen für Zulassung und Vertrieb von Tierarzneimitteln attraktiver machen und die Verteilung importierter Medikamente an die Praxen vereinfachen. Die Meldestelle von 2025 war ein Anfang, mehr nicht.
Beim Geflügel zeigt sich jetzt, wie wenig ein Frühwarnsystem nützt, wenn am Ende trotzdem kein Präparat verfügbar ist. Bis 2028, wenn beim Geflügel kein zugelassenes Erstlinien-Antibiotikum mehr existiert, bleiben noch zwei Jahre.
Genug Zeit für eine Lösung – aber auch genug Zeit, sie verstreichen zu lassen, wie schon beim Kalzium und beim Selen.

