Die Situation ist für viele Rindviehhalter aktuell immer noch schwierig. Infolge der letzten Niederschläge keimen zwar auf den dürren Wiesen langsam wieder die ersten Futterpflanzen. Je nach Wetter der kommenden Wochen wird wohl auch noch eine ansehnliche Menge an Zwischenfutter anfallen.
Dennoch gibt es viele Betriebe, welche bereits einen ansehnlichen Teil ihres Winterfutters aufgebraucht haben. Entsprechend gross ist die Nachfrage und hoch sind die Preise für Heu und Silo.

Die Sorgen unterscheiden sich regional. Nicht überall sind die Trockenheit und der Futtermangel gleich ausgeprägt. Keinen Unterschied macht es aber, ob es sich um Bio- oder konventionelle Betriebe handelt: Höfe beider Produktionsrichtungen suchen verzweifelt Futter. Bio Suisse hat nun auf die vielen Hilferufe ihrer Produzenten reagiert.
In Zusammenarbeit mit dem BLW und den Kontrollstellen wurden für Knospe-Betriebe mehrere befristete Ausnahmeregelungen verfügt. So dürfen Bio-Höfe bis zu 50 Prozent Futter verwenden, das nicht Bio-Suisse-zertifiziert ist. Das kann einerseits EU-Bio-Futter sein, anderseits bis zu 20 Prozent des Gesamtjahresbedarfs auch konventionelles Futter aus Dauer- und Kunstwiesen sowie für Zwischenfutter von Ackerflächen. Das bewilligte Futter kann aus dem In- oder Ausland stammen.
Hohe Milchpreise mit konventionellem Futter
Bei allem Verständnis für die ausserordentliche Lage ist vor allem der Entscheid, konventionelles Futter auf Bio-Betrieben zuzulassen, brisant, denn Bio Suisse argumentierte in den vergangenen Jahren mit der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Bio-Milchmarkts.
Dank der verschärften Fütterungsvorschriften und der ansprechenden Nachfrage nach Biomilch sind die Preisdifferenzen zur konventionellen Milch hoch – teils liegen diese weit über 20 Rappen.
Wenn Bio Suisse einen eigenständigen Bio-Milchmarkt propagiert – wie passt dazu die Möglichkeit, dass Bio-Milchproduzenten bei Futtermangel auf konventionelles Raufutter zurückgreifen? Bio Suisse habe grosses Verständnis, dass es konventionelle Bauern gäbe, die sich über den Entscheid ärgerten, erklärt Lukas Inderfurth von Bio Suisse. Die befristete Futter-Regelung sei aber eine vertretbare Ausnahme in einer Notsituation.
Erste Rückmeldungen würden zudem darauf hinweisen, dass die Sorge vor einer Preiserosion bei Herstellern von Biofutter in der Schweiz wie auch bei Importeuren von EU‑Biofutter unbegründet war. Dazu zeigten Erfahrungen aus dem ebenfalls sehr trockenen Sommer 2018, dass nur sehr wenig konventionelles Futter eingesetzt werde. Damals stammten trotz der Notsituation 98 Prozent des Futters aus dem Biokanal.
Glaubwürdigkeit der Knospe leide nicht
Infolge der Ausnahmeregelung besteht nun auch die Gefahr, dass Bio-Kühe konventionelles Raufutter von Flächen fressen, auf denen Herbizidbehandlungen durchgeführt wurden. Dennoch dürfen sowohl die Milch als auch das Fleisch ohne Wartefristen in den Biokanal geliefert werden.
Bio Suisse ist gemäss Lukas Inderfurth überzeugt, dass die Glaubwürdigkeit der Knospe nicht leiden wird. Die Konsument(innen) hätten in den letzten Wochen hautnah erlebt, wie extrem die Situation gerade sei. Das Tierwohl habe im Bio-Landbau einen hohen Stellenwert.
Ohne die erwähnte Massnahme müssten noch viel mehr junge, gesunde Tiere geschlachtet werden. Zudem würden weder die Bio-Verordnung noch die Bio-Suisse-Richtlinien verbieten, die Milch oder die Kuh nach einem temporären, teilweisen und bewilligten Einsatz von konventionellem Futter als biologisch auszuloben.

